Mapocalypse: Wie beschädigt ist Forstall?

Ein nahezu einmaliger Vorgang bei Apple: Der wertvollste Konzern der Welt muss Abbitte leisten – CEO Tim Cook tut das Maps-Desaster "äußerst leid". Intern indes dürften bei der Problembewältigung die Fetzen fliegen – zu schwer kratzt das Debakel um den völlig ungenügenden Kartendienst am Image des Vorzeige-Unternehmens. Unter Beschuss gerät vor allem iOS-Chef Scott Forstell, der schon als Mini-Steve-Jobs gepriesen und als künftiger Konzernchef gehandelt wurde. Übersteht Forstall die Krise?

Werbeanzeige

Ein nahezu einmaliger Vorgang bei Apple: Der wertvollste Konzern der Welt muss Abbitte leisten – CEO Tim Cook tut das Maps-Desaster "äußerst leid". Intern indes dürften bei der Problembewältigung die Fetzen fliegen – zu schwer kratzt das Debakel um den völlig ungenügenden Kartendienst am Image des Vorzeige-Unternehmens. Unter Beschuss gerät vor allem iOS-Chef Scott Forstell, der schon als Mini-Steve-Jobs gepriesen und als künftiger Konzernchef gehandelt wurde. Übersteht Forstall die Krise?
Apple-Interessierte dürften sich den 28. September 2012 getrost im Kalender einrahmen: Nicht nur weil er ein sensationelles Geschäftsjahr beendete, und nicht nur, weil das iPhone seinen Verkaufsstart in 22 weiteren Ländern erlebte. 
Vielmehr dürfte der Tag in die über 36-jährige Historie von Apple eingehen, weil sich der wertvollste Konzern der Welt in einer Art öffentlich entschuldigte, wie man es noch nie aus Cupertino kannte: "Maps, unser neuer Kartendienst, bleibt hinter unserem Anspruch zurück", erklärte CEO Tim Cook am vergangenen Freitag in einem Offenen Brief. Und wurde dann noch mal sehr deutlich: "Es tut uns äußerst leid, welche Frustration das bei unseren Nutzern auslöst", ließ Apple verlauten.
Misslungene Produktlaunches: Keine Neuheit bei Apple
Keine Frage: Es ist nicht das erste Mal, dass Apple einen Produktlaunch verpatzt. Nur allzu präsent ist noch das "Antennagate" von 2010, als der iPhone 4-Launch von vereinzelten Empfangsproblemen überschattet wurde. 2008 geriet Apples eMail-Dienst MobileMe unter Beschuss, als Nachrichten verloren gingen. 2007 hatte sich Steve Jobs mit dem Einführungspreis von subventionierten 599 Dollar für das erste iPhone auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert.
Der Unterschied zur "Mapocalypse", wie das Debakel um den fehler- und lückenhaften Kartendienst schon bei Twitter genannt wird: Der visionäre Apple-Gründer regelte die enttäuschenden Produktlaunches auf seine Weise. Nämlich: Mit der Apple-üblichen Portion Selbstbewusstsein. 
Steve Jobs’ Krisenkommunikation: "Halt das iPhone halt anders"
Der überhöhte Einführungspreis des ersten iPhones wurde von Jobs mit der lapidaren Erkenntnis erklärt, so sei das eben in der Technologiebranche – Preise würden mal früher, mal später fallen. Zu MobileMe gab es überhaupt kein offizielles Statement, nur ein Hilfsblog mit Updates zu Verbesserungen wurde eingerichtet. 
Und beim Antennagate lief Steve Jobs einmal mehr zur Höchstform auf: In einer geschichtsträchtigen Kurz-Pressekonferenz erklärte der Apple-CEO schmallippig: "Uns war nicht bewusst, dass den Leuten nicht klar ist, dass Smartphones Schwächen haben". Und wer Empfangsprobleme hatte, war schließlich selbst schuld: "Dann halt’s halt anders", gab Jobs iPhone-Kunden mit auf den Weg. Ergo: Es liegt nicht an Apple, es liegt am Nutzer.
Wall Street denkt Daumen: Tim Cooks Offener Brief kostet Apple Milliarden
Unter Tim Cook nun gesteht Apple Schwäche ein wie nie noch nie in der Konzerngeschichte. Nun ist Tim Cook bislang mit einer viel offeneren Kommunikationspolitik aufgefallen. Auf die Selbstmordfälle beim Zulieferer Foxconn reagierte der 52-Jährige mit kritischen Untersuchungen. Gehälter in den Apple Stores wurden nach Berichten über Ausbeuter-Löhne deutlich angehoben. Und eine Charme-Offensive über die erschaffenen Jobs durch Apples App-Ökonomie gab es oben drauf. 
So überrascht Cooks demütigende Geste auch nicht wirklich  – in US-Blogs erntete der Apple-CEO für seine Krisenkommunikation viel Beifall. An der Wall Street indes kam das Eingeständnis der Schwäche überhaupt nicht gut an: 14 Dollar je Aktie bzw. 12 Milliarden Börsenwert kostete Apple der Offene Brief zum Maps-Debakel nochmals am vergangenen Freitag – nach 25 Dollar oder 23 Milliarden Dollar im Verlauf der vorangegangenen Handelstage.
Wie schnell kann Apple sein Maps-Problem lösen?
Keine Frage: Tim Cook hätte nicht zu dieser Form der öffentlichen Kapitulation gegriffen, wenn das Problem nicht gravierend wäre. 100 Millionen Apple-Nutzer haben ihre iOS-Geräte auf die neue Version des mobilen Betriebssystems upgegradet. 100 Millionen iOS-Nutzer müssen sich nun den vorinstallierten Maps von Apple herumschlagen, die abgeschlagen hinter Google, Bing und selbst hinter dem Kartenangebot von Nokia zurückliegen. So sind in der Satellitenversion schon mal Wolken zu sehen, während Detailauflösungen matschig und extrem ungenau erscheinen.
Ärgerlicherweise für Apple wird sich dieser Missstand kaum von heute auf morgen beheben lassen. Allzu präsent im kollektiven Gedächtnis verankert sind noch die Bilder von Google-Autos und -Fahrrädern, die jahrelang um die Welt fuhren, um das genauste Kartenmaterial fotografisch abzubilden. Wie schnell kann Apple selbst unter großzügiger Aufbietung seiner Cash-Bestände das Problem lösen?  Kaum mit einem Software-Update.   
CEO in Wartestellung: "Hat Apple ein Forstall-Problem"?
Während Analysten die direkten Auswirkungen für iPhone 5-Absätze für marginal bis nicht existent halten, dürfte intern aufgeregt die Diskussion geführt werden, wie das Maps-Debakel eigentlich zustande kam. US-Medien haben den Verantwortlichen bereits ausfindig gemacht: iOS-Chef Scott Forstall. "Hat Apple eine Forstall-Problem?" legte CNN Money am Wochenende den Finger in die Wunde.
Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass der als "CEO in Wartestellung" (Adam Lashinsky in "Apple Inside") gehandelte 43-Jährige patzte – auch der im Vorjahr vorgestellte digitale Sprachassistent Siri konnte die Erwartungen kaum erfüllen. Dabei glänzte Forstall noch bei der Präsentation auf der Entwicklermesse WWDC im Juni: Ein Debakel, wie es sich jetzt ereignete, schien nach dem selbstbewussten Auftritt Forstalls nicht im Entferntesten absehbar.
"Maps-Desaster ist eine ganz schlechte Nachricht für Forstall"
Entsprechend dürfte der Apple-Manager, der noch zum NeXT-Team gehörte und seit Steve Jobs’ Rückkehr zu Apple 1997 für den Computer-Pionier arbeitet, nun unter Beschuss geraten. "Das Maps-Desaster ist eine ganz schlechte Nachricht für Forstall", legte sich etwa der Business Insider fest. "Bei der Präsentation (im Juni) hat uns Forstall noch erzählt, Maps wären der schönste und beste aller Kartendienste", kritisiert auch der Venture Capitalist Jean-Louis Grassee. Leser fordern unterdessen bei CNN Money bereits Forstalls Rücktritt. 
Auch wenn der als eigensinnig geltende iOS-Chef, dem auch intern Schwierigkeiten mit Apple-Schwergewichten wie Jony Ive und Bob Mansfield  nachgesagt werden, aktuell seine schwersten Tage bei Apple erleben dürfte, erscheint es noch als fraglich, ob Tim Cook einen seiner Top-Manager der jüngeren Generation opfert. Eine Diskussion um Grabenkämpfe und Auflösungserscheinungen im Apple-Management kann Cook noch weniger gebrauchen als eine verhunzte App.  

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige