Die Verlage und der Frosch im Wasserglas

Publishing Die jüngsten Auflagenzahlen enthielten keine frohen Botschaften für Zeitungen. Ohne E-Paper büßten sämtliche Regionalzeitungen Auflage ein, Boulevardzeitungen verloren sogar dramatisch. Dazu passt, dass Springer-Chef Mathias Döpfner via Reuters-Interview verkündet hat, nicht mehr in neue Print-Produkte investieren zu wollen. Parallel erklärte Karl Hans Arnold, Chef der Rheinischen Post, im Medium Magazin, nach wie vor an die gedruckte Zeitung zu glauben. Wer hat Recht?

Werbeanzeige

Bei Arnold liegt der Print-Optimismus in der Natur der Sache. Schließlich hat er gerade die Saarbrücker Zeitungsgruppe gekauft und das macht man nicht, wenn man Print-Zeitungen als Auslaufmodell betrachtet. “Wir glauben an die Zeitung, an das gedruckte Wort, also brauchen wir leistungsstarke Druck-Kapazitäten”, sagt Arnold folgerichtig in einem Interview im aktuellen Medium Magazin. Die “herausragende Bedeutung” von Zeitungen sieht der Verleger der Rheinischen Post und nun auch der Saarbrücker Zeitung vor allem im Lokalen und Regionalen. Die Probleme der Zeitungsbranche sieht Arnold nicht zuletzt auch als ein Image-Problem an, wie er im Gespräch mit MEEDIA unlängst erklärte.

Zwar betont auch er, wie Mathias Döpfner von Springer, dass Apps, Digitalgeschäft und Paid-Content richtig und wichtig sind – beide Medienmanager unterscheiden sich aber fundamental in ihrer Bewertung, was die Perspektiven von Print betreffen. Für Arnold ist Print weiter eine tragende Säule des Zukunftsgeschäfts. Für Döpfner ist Print ein Auslaufmodell: Zwar im Moment noch wichtig, aber tendenziell immer unwichtiger und irgendwann vielleicht gar nicht mehr. Die einen Verleger meinen, Zukäufe, Synergien, Innovationen retten langfristig ihre Druckerzeugnisse. Die anderen glauben, dass das Medium Print langfristig wirtschaftlich irrelevant wird. Döpfner und Arnold stehen symptomatisch für die eine und die andere Denkrichtung in der Verlagswelt.

Im Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters sagte Döpfner jüngst: "Die goldenen Zeiten des Zeitungsgeschäfts sind vorbei, aber die silbernen können auch noch ganz schön sein." Darum sei es unwahrscheinlich, dass Springer künftig noch in neue Print-Produkte investiere. Das gilt auch rückblickend. Die letzte Print-Innovation aus dem Hause Springer war im September 2010 das Dreimonatsheft Hörzu Heimat, das mittlerweile auch wieder eingestellt ist. Stattdessen lautet die Springer-Devise bei Print: sparen, verkaufen, optimieren. Die Programmzeitschrift TVGuide wurde an den Gong Verlag verkauft ( also an die WAZ Gruppe, die noch sehr stark Print-orientiert wirtschaftet), die Online und Print-Redaktionen von Computer Bild wurden unter großem Protest der Belegschaft fusioniert.

Parallel wird bei Springer immer mehr und stärker ins Digitalgeschäft investiert. Im vergangenen Jahr 2011 steigerte der Konzern die digitalen Werbeerlöse um 41,5 Prozent. Der Digital-Gewinn kletterte um 84,2 Prozent. Bei Springer sind sie stolz darauf, dass man den zweithöchsten Digital-Umsatz (962 Mio. Euro in 2011) aller börsennotierten Online-Unternehmen in Europa erwirtschaftet. Im Reuters-Interview kündigte Döpfner an, dass noch vor 2020 die Hälfte des Umsatzes digital erwirtschaftet werden könnte. Dabei spielen Firmen wie die Immobilien-Website Immonet, die Jobbörse Stepstone oder der Online-Vermarkter Zanox die wichtigste Rolle und weniger die angestammten Print-Marken.

Um die journalistischen Marken im Internet flott zu bekommen, setzt Springer einerseits auf Vermarktungs-Kooperationen, wie das Bild.de mit den Volks-Produkten vorexerziert, und andererseits auf Bezahlinhalte. Bis Ende des Jahres soll bei Welt.de eine Bezahlschranke nach dem Vorbild der New York Times eingeführt werden. Das bedeutet, man wird noch eine bestimmte Anzahl an Artikeln gratis lesen können – wer mehr lesen will muss zahlen. Gerade hat auch die Neue Zürcher Zeitung ein solches Modell eingeführt.

Aber wer hat nun Recht? Springer-Chef Döpfner mit seiner recht radikalen Ausrichtung auf das Digitalgeschäft? Oder ein Mann wie Karl Hans Arnold, der das Digitalgeschäft und Paid-Content ebenfalls voranbringen will, aber Print auch in Zukunft noch eine wichtige Rolle im Zeitungsgeschäft zuschreibt?

Die jüngsten IVW-Zahlen scheinen eher die Springer-Strategie zu bestätigen. Zwar meldeten einzelne Regionalzeitungen für das dritte Quartal 2012 eine leicht gestiegene Auflage – aber das täuscht. Seit dem zweiten Quartal 2012 werden E-Paper-Verkäufe, also digitale Umsätze, in die verkaufte Gesamtauflage eingerechnet. Vorher wurde das E-Paper gesondert ausgewiesen. Ohne die E-Paper Zuwächse würden ausnahmslos alle großen Regionalzeitungen im dritten Quartal verkaufte Auflage verlieren. Bei Boulevardtiteln sieht es deutlich dramatischer aus: Die Bild-Zeitung verlor in Abo und Einzelverkauf satte acht Prozent Auflage. Wohl auch darum sieht man bei Springer, wo die Bild nach wie vor eine herausragende Rolle bei Umsatz und Gewinn spielt, einen viel dringenderen Handlungsbedarf als bei Regionalzeitungsverlagen, wo sich die Auflagen-Erosion langsamer abspielt.

Es ist ein bisschen das alte Bild vom Frosch im heißen Wasser. Wird das Wasser schnell erhitzt, springt der Frosch vor Schreck raus und überlebt. Wird die Temperatur langsam gesteigert, gewöhnt sich der Frosch daran, bleibt sitzen und stirbt. Bei einem Verlag wie Springer, der im Print stark vom besonders gebeutelten Boulevard-Segment abhängt, wird die Temperatur gerade sehr schnell erhitzt. Aber auch andere Verlage sollten ihre Temperatur nicht aus den Augen verlieren.

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige