Vorbildlich: die Public Editors der NY Times

Publishing Obwohl sich die New York Times wirtschaftlich in schwierigem Fahrwasser befindet, leistet sich die Zeitung eine bemerkenswerte Einrichtung: den Public Editor, eine Art Ombudsmann für die Leser und fest angestellter In-House-Kritiker der Zeitung. Seit einem Monat hat mit Margaret Sullivan erstmals eine Frau den Job. Gegenüber der US-Website Poynter.org hat Sullivan ausführlich über ihre Erfahrungen als Public Editor gesprochen. Für deutsche Medien hat eine solche Einrichtung Vorbildcharakter.

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Über 200 Mails von Lesern der New York Times erhalte Margaret Sullivan täglich, erzählt sie gegenüber Poynter.org. Wichtige werden persönlich von ihr oder ihrem Assistenten beantwortet. Den Leser-Kontakt hält sie zudem via Twitter und mit einem eigenen Blog. Zweimal pro Monat schreibt sie zudem eine Kolumne in der gedruckten Sonntags-Ausgabe der New York Times, um so auch die Leser zu erreichen, die nicht online-affin sind.

Die Rolle des Public Editors bei der New York Times ist bemerkenswert. Das Büro von Margaret Sullivan befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Newsroom, dem Herz der Zeitung. Hier hat sie den direkten Draht zu den Journalisten, über die sie schreibt. Verleger Arthur Sulzberger Jr. und Chefredakteurin Jill Abramson haben es so gewollt. Das muss man sich mal auf deutsche Verhältnisse übertragen vorstellen: Dass sich beispielsweise die Süddeutsche Zeitung oder die Frankfurter Allgemeine Zeitung eine fest angestellte Redaktionskraft leisten, deren einzige Aufgabe darin besteht, den Kontakt zu Lesern zu halten und die Redaktion kritisch zu begleiten und auch darüber zu schreiben, erscheint leider (noch) schwer vorstellbar.

Einzelne Ansätze der Binnen-Kritik gibt es zwar auch hierzulande. Verglichen mit der Rolle des Public Editors der Times sind das aber zarte Pflänzchen. So hat der Spiegel jüngst ein Blog gestartet, in dem über Hintergründe zur Berichterstattung des Magazins geschrieben wird. Allerdings schreiben meist die Autoren der Stücke selbst über eigenen Berichte. Wirkliche Kritik findet sich dort bislang nur in Ausnahmefällen, etwa als Spiegel-Autor Stefan Niggemeier den Spiegel-Mitarbeiter Jan Fleischhauer kritisch zur Helmut-Kohl-Titelstory des Magazins befragte. Und "Tagesschau"-Chef Dr. Kai Gniffke nutzt das begleitende Blog zur ARD-Nachrichtensendung vorwiegend für Eigenlob.

Es ist halt auch nicht einfach mit der Selbstkritik bei Medien. Im Falle der New York Times gibt es auch Stimmen, die Margaret Sullivan vorwerfen, sie gehe mit dem Zeitungspersonal noch zu freundlich und zu unkritisch um. Auch ist es durchaus nicht unumstritten, ob die Nähe des Public Editors zum Newsroom der Aufgabe wirklich förderlich ist. Der allererste Public Editor der Times, Daniel Okrent, wollte sein Büro sogar so weit weg vom Newsroom wie nur irgend möglich haben. “Wahrscheinlich war ich ein Feigling”, sagte er zu Poynter.org, “Ich wollte von den Leuten, die ich kritisiere, weit weg sein.”

Aber egal, wo sich das Büro eines Public Editors befindet. Für die Kultur eines Mediums und um den Kontakt zur Leserschaft zu halten, kann eine solche Stelle nur von Vorteil sein. Auch und gerade in schwierigen Zeiten für viele Medien.

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