Wie der Kieler Tatort den Fall Barschel aufrollt

Fernsehen Ein in Intrigen verstrickter Landesminister, Homosexualität in der Politik, eine Leiche, eine potentielle Erpressung. Als ob der Kieler Tatort mit all diesen Dingen nicht bereits genug Inhalt böte, machen die Köpfe hinter dem NDR-Krimi noch ein weiteres großes Fass auf: Denn im 90-Minüter versuchen die Kommissare Borowski und Brandt nichts weniger als den genau 25 Jahre zurückliegenden, mysteriösen Tod des Ex-Ministerpräsidenten Uwe Barschel aufzuklären.

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Ein Schriftsteller wird tot auf einem Boot gefunden. Die Umstände seines Ablebens sind rätselhaft. Die Exfrau des Opfers, eine TV-Moderatorin, erfährt davon vor laufender Kamera. Am Tag darauf verrät sie der Polizei, dass der Verstorbene ein Doppelleben führte. In der Wohnung des Opfers wird die Polizei von einem Mann erwartet, der sich als kein geringerer als der frisch gewählte Minister Schleswig-Holsteins herausstellt. Hatte er etwa eine Affäre mit dem Schriftsteller?
Der Politiker, gespielt von Thomas Heinze, erinnert optisch vermutlich nicht zufällig an Ex-Bundespräsident Christian Wulff. Und tatsächlich sieht er sich im weiteren Verlauf, wie Wulff, mit dem Vorwurf konfrontiert, private und politische Interessen vermengt zu haben. Doch das gerät in "Borowski und der freie Fall" zur Randhandlung. Denn in der zweiten Hälfte des Films dreht sich zumindest für die Ermittlerin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) alles um den mysteriösen Tod von Uwe Barschel. Und so machen sich Brandt und ihr Kollegen Klaus Borowski (Axel Milberg), der aufgeworfenen Mord-Theorien gegenüber eher skeptisch ist, auf nach Genf, um einer alten Verschwörung nachzugehen.
Eins ist sicher: Langweilig wird dem Zuschauer bei diesem Kieler Tatort nicht. Mit mehreren Wendungen in der Handlung und immer neuen offenen Fragen bietet der Krimi anhaltende Spannung. Besonders im zweiten Teil rechnet man fast in jeder Szene damit, dass einem der Charaktere plötzlich ein stumpfer Gegenstand an den Kopf geschlagen wird. Und doch wirkt alles etwas dick aufgetragen und überfrachtet. 
Vor allem mit der Verquickung von Fiktion und Realität in Sachen Barschel begibt sich die ARD auf Glatteis. Doch die Macher von "Borowski und der freie Fall" rutschen nicht aus: Verschwörungstheorien breiten sie nur so weit aus, wie es für die Spannung des Films notwendig ist. Im besten Fall kommt durch diesen Tatort bei manchem Zuschauer vielleicht  sogar der Wunsch auf, sich mit dem realen Fall Barschel noch einmal auseinanderzusetzen.
Das andere große Themenfeld im aktuellen Tatort bringt den Zuschauer jedoch nicht weiter. Homosexualität in der Politik wird im Film als karrieregefährendend dargestellt. Ob dies tatsächlich im Jahr 2012 noch der Fall ist, scheint fraglich. Anders jedoch als im Hannover-Tatort aus dem vergangenem Jahr, der Homosexualität im Fußball zum Thema hatte, wird das Thema hier nur mitgeschleift. Die Fülle an großen Themen lässt zudem das in vielen Tatorten sonst so wichtige Privatleben der Kommissare in diesem Film auf wenige Szenen zusammenschrumpfen.
Die bedeutungsschweren Themenblöcke fordern auch den Schauspielern Feingefühl ab. Ihrer glaubwürdigen Darbietung ist es zu verdanken, dass die Geschichte trotz der voll gepackten Handlung nicht in Effekthascherei verkommt und sogar noch Raum für den einen oder anderen Lacher lässt. Die Glaubwürdigkeit muss wie so oft büßen: Warum sind im Tatort mit großer Regelmäßigkeit vollkommen unfähige Polizisten der Spurensicherung unterwegs, wo doch die Hauptkommissare nach nur wenigen Sekunden entscheidende Beweisstücke – oder wie hier ganze Räume – entdecken, die den Kollegen vorher entgangen sind?
Charmant ist der doppelte Kurzauftritt von Tagesthemen-Moderator Tom Buhrow. Und schön ist es zu sehen, dass dieser Tatort wirklich nur an diesem Schauplatz so richtig funktioniert und nicht in fast identischer Form auch in einer anderen Stadt von einem anderen Ermittlerpaar übernommen hätte werden können. Dafür freilich wird ein bedeutender Teil der Handlung nach Genf verlegt, wo auch gedreht wurde. 
Wie nicht anders zu erwarten, lösen die Ermittler den Fall Barschel im Tatort nicht auf, wenngleich sie auf eine neue Spur stoßen, die wie die Macher verraten eher zufällig auch in den wirklichen Ermittlungen entdeckt wurde. Auch ohne potentiellen Barschel-Mörder ist der Tatort "Borowski und der freie Fall" sehenswert und spannend, wenngleich mit seinen Verschwörungs-Elementen eher unkonventionell. Doch wie sagt Ermittler Klaus Borowski passender Weise zu Beginn: "Ich steh nicht so auf Krimis".

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