Steinbrücks dubiose PR-Connection

Publishing Der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat in der Debatte um seine umfangreichen Nebeneinkünfte komplette Aufklärung angekündigt. Ein Vortrag Steinbrücks ist besonders bemerkenswert: Er sprach im Auftrag der PR-Agentur WMP Eurocom, die in der Vergangenheit wegen dubioser Methoden in die Kritik geraten war. Agenturchef ist der frühere Bild-Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje. Und ausgerechnet der verteidigte seinen Klienten Steinbrück jetzt in einem flammenden Kommentar in der Bild-Zeitung.

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Steinbrück und der Neid” ist der Kommentar überschrieben, den Hans-Hermann Tiedje am gestrigen Dienstag auf der Seite 2 der Bild-Zeitung veröffentlicht hat. Hingewiesen auf den Zusammenhang zwischen Bild-Kommentar und Steinbrück-Vortrag hatte die Website abgeordnetenwatch.de. In dem Kommentar nimmt Tiedje seinen Klienten Steinbrück ausdrücklich in Schutz: “Peer Steinbrück hat bei seinen Vortragshonoraren offenkundig nichts falsch gemacht. Er hat nicht gelogen, er hat nichts verschwiegen, er hat niemanden betrogen.” Verschwiegen hat freilich Tiedje in seinem Kommentar, dass Steinbrück in der langen Liste seiner Vorträge auch einen hat, der im Auftrag von Tiedjes Agentur WMP Eurocom vermittelt wurde. Wie die meisten Steinbrück-Vorträge fiel auch dieser in die höchste Honorarstufe 3, also 7.000 Euro aufwärts.

Seit 2005 müssen Nebeneinkünfte von Bundestagsabgeordneten öffentlich angegeben werden. Allerdings nicht allzu genau. Die Parlamentarier müssen nur in drei pauschalisierten Stufen angeben, wieviel Geld nebenher verdient wurde. Stufe 1: zwischen 1.000 und 3.500 Euro, Stufe 2 bis 7.000 Euro, Stufe 3: über 7.000 Euro. Auch muss nicht angegeben werden, vor wem ein Vortrag gehalten wird, sondern nur, wer der Auftraggeber oder Vermittler eines Vortrages ist. Dies führt dazu, dass die Nebentätigkeiten von Abgeordneten weiterhin nebulös bleiben. Bei Peer Steinbrück erfuhr die Öffentlichkeit bisher nur, dass er zwar sehr viele Vorträge der Stufe 3 gehalten hat, aber nicht vor wem und für wieviel Geld.

Viele von Steinbrücks Vorträgen wurden von Redner-Agenturen wie The London Speaker Bureau, Celebrity Speakers oder Referendum events vermittelt. Adressaten: unbekannt. Eine Rede in 2012 wurde von WMP Eurocom vermittelt. Das lässt aufhorchen, denn WMP Eurocom ist nicht irgendeine Redneragentur oder irgendeine PR-Firma. WMP Eurocom ist eine Spin-Doktoren- und PR-Agentur, gegründet von dem früheren Bild-Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje und dem früheren Bild-Journalisten Hans Erich Bilges. Bilges hat mittlerweile seine Firma Consultum Communications gegründet, mit der er laut Spiegel u.a. PR für Aserbaidschan macht und Staaten wie Weißrussland und Kasachstan beraten habe. (Hans-Erich Bilges bestreitet, Weißrussland und Kasachstan beraten zu haben, siehe hierzu auch den Nachtrag am Ende dieses Artikels)

Bei WMP Eurocom führt Tiedje den Vorstand, weiteres Vorstandsmitglied ist der frühere Berater von Ex-Bundesfinanzminister Hans Eichel, Klaus-Peter Schmidt-Deguelle. Im Aufsichtsrat vom WMP Eurocom sitzen u.a. Hans-Dietrich Genscher, Eichel, Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, Unternehmensberater Roland Berger und der umstrittene Klinik-Betreiber Ulrich Marseille.
Der Öffentlichkeit bekannt wurde das Wirken der WMP Eurocom, als 2003 der damalige Chef der Arbeitsagentur, Florian Gerster, u.a. wegen seiner Kontakte zu der Agentur in die Bredouille geriet und schließlich seinen Hut nehmen musste. Gerster hatte ein Beratungsmandat in Höhe von 1,3 Mio. Euro ohne Ausschreibung freihändig WMP Eurocom zugeschustert. Der Spiegel widmete sich damals unter der Überschrift “Beraten und verkauft” dem Treiben der PR-Herren im Graubereich. Der Spiegel notierte damals, Interessenkollisionen gehörten bei der WMP “fast zur Tagesordnung.”

Bei der SPD mochte man auf Anfrage von MEEDIA zu dem Eurocom-Vortrag von Peer Steinbrück nichts weiter sagen und verwies auf den ausstehenden Bericht des Wirtschaftsprüfers in zwei bis drei Wochen. “Bis diese Arbeiten abgeschlossen sind, werden wir Spekulationen über einzelne Vorträge nicht kommentieren”, sagte Tobias Dünow, der Sprecher SPD-Parteivorstands.

Die Verteidigungsrede von Eurocom-Chef Hans-Hermann Tiedje in der Bild für Peer Steinbrück bekommt aufgrund der geschäftlichen Beziehung der beiden und der Vorgeschichte der Agentur zumindest einen komischen Beigeschmack. Manchmal kann man sich im Politik- und Medienbetrieb seine Freunde nicht wählen. Für Peer Steinbrück gilt das in diesem Fall nicht. Er konnte wählen.
Nachtrag: Hans-Erich Bilges hat gegenüber MEEDIA bestritten, dass er Weißrussland und Kasachstan mit seiner Agentur beraten hat, wie es im oben verlinkten Spiegel-Artikel steht. Bilges schickte uns folgende Stellungnahme: "Im Meedia-Report vom Mittwoch, den 10. Oktober, behaupten Sie wahrheitswidrig, dass ich Staaten wie Weißrussland und Kasachstan berate. Ich ersuche Sie, in der nächsten Ausgabe klarzustellen, dass ich weder Weißrussland noch Kasachstan berate. Richtig ist, dass in Abstimmung mit dem Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft des BDI die Consultum Communications im Herbst 2010 einige Pressegespräche im Rahmen der Frankfurter ‚Finance Week‘ an zwei Tagen durchgeführt hat. Dabei ging es um eine Wirtschaftsförderungsaktion, auf der der damalige Bundeswirtschaftsminister Brüderle zu einem verstärkten Informations- u. Wirtschaftsaustausch zwischen der Bundesrepublik und Weißrussland aufgerufen hatte. Vorher hatte die Consultum Communications eine Journalistenreise nach Minsk organisiert, weil die Regierung Wirtschaftsinvestitionen in Weißrussland fördern wollte. Das ist zwei Jahre her. Die Kontakte zur weißrussischen Regierung wurden unmittelbar nach den verwerflichen Prügelszenen gegen Demonstranten nach der manipulierten Präsidentschaftswahl im Dezember 2010 eingestellt.Was Kasachstan betrifft, hat die Consultum Communications ebenfalls eine Journalistenreise, zu Wirtschaftsförderungsmaßnahmen im Zusammenhang mit einigen Presse-Interviews organisiert. Auch das ist zwei Jahre her."

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