Tatort „Nachtkrapp“: plotlos am Bodensee

Fernsehen Der nächste Jubiläums-"Tatort": Nach fünfzehn Jahren in Bremen feiert Eva Mattes als Klara Blum ihr Zehnjähriges am Bodensee. Wie bereits beim Weser-Krimi lebt auch diesmal der Film vom Psycho-Duell zwischen der Kommissarin und einem Verdächtigen, der die Ermittlerin in seiner Gewalt hat. Darüber hinaus zeichnet sich der SWR-Krimi nicht gerade durch filigrane Charakterzeichnung aus. Im Gegensatz zum Film von der Waterkant scheitert der Verusch, die dünne Story mit viel Spannung zu kaschieren.

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Die Story: Ein Junge wird missbraucht und ermordet aufgefunden. Er gehörte zu einer katholischen schweizer Jugendgruppe, die sich in einem Schullandheim aufhält. Wer war der Mörder? Diakon Franz Hobmann, der die Jugendgruppe betreute, die Leiter des Schuldlandheims oder gar Holger Nussbaum, mit dem Blum noch eine Rechnung offen hat und der bereits 15 Jahre wegen eines ähnliches Falls im Gefängnis war. Erschwert wird die Ermittlungsarbeit vom Schweizer Kollegen Matteo Lüthi, der ebenfalls ermittelt und für einiges Kompetenzgerangel sorgt.
Die Situation eskaliert, als Nussbaum Blum als Geisel nimmt und mit ihr in die Berge flieht. Dies entpuppt sich allerdings als dramaturgisches Eigentor, denn die Gebirgs-Hatz erinnert an einen der besten Bodensee-"Tatorte der vergangenen Jahre. Dabei ist die Nussbaum-Idee gut. Der 15-Jahre alte Fall schafft eine schöne Klammer für den Jubliäums-Film. Aber warum begegnet Blum nicht gleich einem echten TV-Fall aus den ersten Jahren?
Wie so vielen anderen Bodensee-Krimis gelingt es auch diesem "Tatort" nicht, genügend Fahrt und Spannung aufzunehmen. Dabei bietet Eva Mattes mit ihrer Kommissarin Klara Blum den Autoren so viele Chancen. Denn tatsächlich gehört sie zu den interessantesten deutschen Krimi-Charakteren. So hält ihr Redaktionsleiter Ulrich Herrmann Blum für ein „vollständig angstfreies Wesen". Weiter sagt er: "Da gibt es selbst für Alice Schwarzer nichts mehr zu befreien". Sie mache lauter Sachen, die nicht zum Fernsehklischeebild der toughen Kommissarin gehören: "Laut singen, wahnsinnig gerne essen und trinken, fahrradfahren".
Ein weiterer Unterschied zu vielen ihrer "Tatort"-Kollegen, ist der Verzicht auf ein Privatleben. Neben den Rollen als Ermittler bleiben Blum und ihren Kollegen Kai Permann nie Zeit für kleine Nebengeschichten – bis jetzt. So gibt es endlich Hoffnung auf ein wenig Abewechlung im konstatzen Krimi-Einerlei. Denn der größte Lichtblick ist der neuer schweizer Kollege. Roland Koch als Matteo Lüthi, der gerade vom schweizer Geheimdienst zur Thurgauer Kantonspolizei wechselte, ist eine echte Bereicherung. Das reicht aber nicht, um aus dem Sonntagsfilm einen Hochspannungs-Krimi zu machen.
Am härtesten geht TV-Spielfilm diesmal mit dem "Tatort" ins Gericht: "Wir können dem Team zum Dienstjubiläum keine goldene Uhr überreichen", heißt es treffend in der Kritik. Dafür denkt die TV-Zeitschrift eine "Goldene Himbeere" für das Drehbuch und die Regie an. Die Fernsehkritiker haben mit dieser Einschätzung nicht unrecht.

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