Picture, die wirre Welt-der-Wundertüte

Publishing Wenn man ein Bilder-Magazin kauft, erwartet man drei Dinge: atemberaubende, aktuelle und gestochen scharfe Bilder, die für sich sprechen. Nun liegt die erste Ausgabe von Picture, dem View-Konkurrenten aus dem Hause Bauer am Kiosk. Kann das Heft dem Top-Verkäufer von Gruner + Jahr gefährlich werden? MEEDIA hat die Erstausgabe geblättert. Noch fehlt es Picture an Brillianz: Zu wenig überraschende Motiv finden sich, der Themenmix erinnert an Welt der Wunder und Closer. Schade: Viele Motive sind unscharf.

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“Eine schier unendliche Flut der Wunder, Katastrophen, Veränderungen, Superstars – und natürlich er süßen Tierkinder” macht Picture-Chefredakteur Uwe Bokelmann im Editorial der Erstlingsausgabe fest. Er meint damit die Millionen von Bildern, die eine Redaktion tagtäglich erreicht. Aus der es auszuwählen gilt. Picture soll nach dem Wunsch von Bokelmann einen "spannenden und wahrhaftigen Zugang zu dieser Welt der faszinierenden Bilder ermöglichen”. Und doch erweckt die Picture nach mehrfachem Durchblättern den Eindruck, dass die Redaktion in dieser Flut untergegangen ist. Nur selten finden sich Bilder auf den 146 Seiten, die einem ein “Wow” entlocken und die man gern dem Sitznachbarn zeigen mag.

Viel Text, wenig kuriose Aufnahmen
Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn man den Text-Bild-Anteil in Relation setzt. Während der Platzhirsch View auf einer Doppelseite meist mit wenigen Zeilen Hintergrund zum Bild liefert und das Motiv für sich sprechen lässt, scheint man bei Bauer der eigenen Bildauswahl nicht zu trauen. Die Texte machen meist eine halbe Seite aus, oft auch mehr. So wirkt Picture zu Teilen, als hätte man sich nach Themen auf die Suche nach Bildern begeben. Anstatt das Bild als Ausgangspunkt für die Geschichten zu nehmen.

So findet sich zu Beginn eine Aufnahme eines ernst dreinschauenden George Clooneys, bei dem erst bei der Lektüre deutlich wird, dass es sich um einen verpatzten Wahlkampfauftritt von US-Präsident Barack Obama handelt. Ganz schön viel Meta-ebene für ein Bilder-Magazin. Im weiteren Verlauf bringt das Bauer-Heft Bilder von Formel-1-Crashs, Tierbabys, Nahaufnahmen von Insekten, Surfporträts und Landschaftsaufnahmen. Alles durchaus nett anzusehen, aber das Meiste hat man schon einmal gesehen.

Mal Bilder-Heft, mal Gossip-Blatt, mal Wissensmagazin
Wer das aktuelle Nachrichtengeschehen im Blick hat, wird zudem auf ein paar alte Bekannte treffen: So bekommt David Choe, der als Graffiti-Künstler von Facebook vor Jahren mit Anteilen bezahlt wurde, Monate nach dem Börsenstart nochmal eine Doppelseite. Und auch die Tricks der Fotografen in Ost-Jerusalem behandelte Zeit Online schon vor einiger Zeit.

Für die erste Ausgabe rührte man die Werbetrommel mit exklusiven Michelle-Hunziker-Fotos des Fotografen Nino Munoz. Doch mit einer Ausnahme wirken die Bilder der 35-jährigen Moderatorin im Magazin unscharf. Ein Qualitätsproblem, dass sich durch das gesamte Heft zieht. Immer wieder wirken Motive verwaschen, schwammig und pixelig. Ob es sich um ein Papier- oder Druckproblem handelt, lässt sich beim ersten Blick nicht nachvollziehen. So oder so ist es für ein Bilder-Magazin ein No-Go.

Wirklich gelungen sind allemal die ausführlichen Fotoreportagen über die Arbeit im New Yorker Untergrund und "24 Stunden Amerika". Hier werden tolle Porträtbilder und Reportagefotografie mit guten Texten zusammengeführt. Nach der Lektüre hat man das Gefühl, ein wenig mehr über die Marotten der Amerikaner erfahren zu haben. Dieser Eindruck bekommt allerdings dann einen Knacks, wenn man Doppelseiten zu sehen bekommt, die so in Welt der Wunder (“So sehen uns Aliens”) oder der Closer (“Hier poliert Hollywood sein Image auf”) stehen könnten. Zum Hintergrund: Bokelmann verantwortet als Chefredakteur die Wissensmagazine "Welt der Wunder" und "Welt der Wunder Youngster".
Was nach dem Durchblättern bleibt, sind gemischte Gefühle. Es ist ein wirrer Mix, mit dem das Bauer-Heft den Leser konfrontiert. Die Redaktion wirkt bemüht um guten Bildjournalismus, aber es mangelt an herausragenden Bildern, die man so noch nicht gesehen hat. Zusammen mit Gossip-Stücken über Hollywood-Stars und Doppelseiten über Wissenschaftsthemen, die sich in Machart und Anmutung vom Heft abgrenzen, in Verbindung mit zu vielen unscharfen Aufnahmen, wirkt Picture, als hätte man hastig zu viele Seiten mit zu wenig guten Bildern füllen müssen. Gruners View mit einer verkauften Auflage von rund 130.000 Exemplaren gilt es zu schlagen. Ob es Bauer gelingt, dem Bestseller Leser abspenstig zu machen, darf nach der Erstlingsausgabe angezweifelt werden.

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