Die hausgemachte Krise der Privatsender

Fernsehen Es läuft derzeit erstaunlich schlecht für die großen Privatsender RTL, Sat.1 und ProSieben. Alle drei fielen im vergangenen Monat auf die schwächsten September-Marktanteile seit langer Zeit. Doch woran liegt das? Ändert sich der Geschmack des Publikums? Klauen die kleinen Sender den Großen Marktanteile, wie RTL-Chefin Anke Schäferkordt sagt? Einige Indizien weisen noch auf einen ganz anderen, hausgemachten Grund hin: die Grundverschlüsselung in den Kabelnetzen und die Pay-TV-isierung des Free-TVs per HD+.

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Die September-Zahlen sprechen für sich: RTL erlebte bei den 14- bis 49-Jährigen den schwächsten September seit 2006, ProSieben und Sat.1 fielen mit 10,7% und 9,6% sogar auf die schlechtesten September-Marktanteile seit mindestens 20 Jahren zurück. Ähnlich das Bild im Gesamtpublikum. Das Interessante daran: Die verlorenen Marktanteile der großen Privatsender gingen nicht an die kleinen Privatsender, sondern an das öffentlich-rechtliche Fernsehen und an das Pay-TV. Betrug der Gesamt-Marktanteil aller von Media Control ausgewiesenen privaten Free-TV-Sender im September 2011 noch 55,4%, waren es in diesem Jahr nur noch 52,2%. Die öffentlich-rechtlichen Sender steigerten sich hingegen von 39,4% auf 41,0%. In keinem September der vergangenen fünf Jahre war der Abstand zwischen den beiden Systemen so gering wie diesmal.

Die schwachen September-Zahlen dürften in der Branche für hitzige Diskussionen sorgen: Verlieren die Zuschauer das Interesse am Programm der Privatsender? Sind die billigen Pseudo-Reality-Dramaserien am Nachmittag, die ewig gleichen Doku-Soaps und die nicht mehr so spektakulären US-Serien nicht mehr so reizvoll wie noch vor einem Jahr? Entdeckt das Publikum auf einmal die Qualitäten des öffentlich-rechtlichen Free-TV und des Bezahlfernsehen von Sky & Co.?

Der jüngste Digitalisierungsbericht der Landesmedienanstalten lieferte vor einigen Tagen einen weiteren möglichen Grund für den Zuschauerrückgang, der wenig mit dem Programm, dafür mit der Technik zu tun hat. Der potenzielle Grund heißt Grundverschlüsselung in den digitalen Kabelnetzen. Während der digitale Verbreitungsweg per Satellit nach dem Abschalten der Analog-Sender eine Rate von 100% erreicht hat, beträgt der Digital-Anteil im Kabel inzwischen immerhin 48,2%. Allerdings – und hier wird es interessant – verfügen nur 3,7 Mio. der 8,8 Mio. digitalen Kabel-Haushalte über eine Smartcard. Die ist bei den größten Kabelnetzbetreibern Kabel Deutschland und Unitymedia aber nötig, um RTL, Sat.1 & Co. überhaupt digital sehen zu können. Unverschlüsselt werden dort lediglich die öffentlich-rechtlichen Sender verbreitet. Bei Kabel Deutschland zahlt man für das Kabel-Digital-Paket, das eigentlich nur Free-TV-Sender enthält, zudem 2,90 Euro im Monat, bei Unitymedia 2 Euro.

Wollte das Privat-TV mit der Grundverschlüsselung ursprünglich weitere Umsätze generieren, stellt sich nun bei fortschreitender Digitalisierung der Kabelnetze die Frage, ob die schleichende Pay-TV-isierung der Sender kein Fehler war. Wer Kabelkunde ist oder war, weiß wie unkomfortabel das Hin- und Herschalten zwischen analogem und digitalem Fernsehen sein kann – analoge und digitale Sender in einer gemeinsamen Programmliste anzulegen, ist meist unmöglich. Wenn nun aber ein digitaler Anschluss vorhanden ist – nutzt man ihn dann nicht lieber und öfter als den analogen? Und gehen den Privatsendern schon allein dadurch Zuschauer abhanden? So schlussfolgern auch die Landesmedienanstalten in ihrem Bericht: "…stellt sich damit auch die Frage, ob die hinter dem Grundverschlüsselungsmodell stehende Idee, die Finanzierung privater Programme weiter abzusichern, sich damit nicht beantwortet hat."

Zwar versicherte Unitymedia bei der Fusion mit Kabel BW dem Bundeskartellamt, die Grundverschlüsselung im Jahr 2013 abzustellen, doch bei Kabel Deutschland ist ein solches Szenario noch nicht in Sicht. Und: Selbst wenn Unitymedia die Grundverschlüsselung des privaten Free-TVs abschaltet, gilt das nur für die SD-Sender. Die HD-Versionen von RTL, ProSieben, Sat.1, Vox & Co. bleiben codiert. Genau das ist das zweite Problem, das einen Anteil an den Zuschauerverlusten haben dürfte. Mit der Gründung des HD+-Modells haben die Privatsender vor einigen Jahren de facto beschlossen, ihr Geschäftsmodell vom werbefinanzierten Free-TV hin zum werbe- und Abo-finanzierten Pay-TV zu ändern.

Mit der Einspeisung der privaten HD-Sender in das Kabel wird HD+ in anderer Form nun auch hier fortgesetzt. Und wenn HD+ sich im Juli für ganze 634.000 zahlende Kunden feiert, so ist dies doch für einen Free-TV-Sender eine erbärmlich niedrige technische Reichweite. Zwar nutzen weitere 2 Mio. Haushalte HD+ in der Gratis-Testphase, doch wie viele davon anschließend bereit sind, Geld für RTL und die anderen Sender zu zahlen, ist völlig unklar. Und wenn sie bereit sind, dann buchen sie oft gleich auch noch andere Pay-TV-Pakete hinzu – und schon ist der Vorteil der Free-TV-Sender, die für Werbekunden so wichtige größere Reichweite, dahin.

Wie groß der Faktor dieser technischen Aspekte an den aktuellen Zuschauerrückgängen des privaten Free-TVs ist, kann wohl nur per Forschung heraus gefunden werden, dass Grundverschlüsselung und HD+ eine Rolle spielen, dürfte aber unbestritten sein. RTL, ProSiebenSat.1 und die kleineren Anbieter sollten aufpassen, dass die durch Kabel- und Satellitengebühren blinkenden Dollar-Zahlen in den Augen nicht den Blick auf das eigentliche Geschäftsmodell des Free-TV verschleiern.

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