WK-Chefin Hellwig immer noch medienscheu

Publishing Seit gut einem Jahr hat der Weser-Kurier (WK) eine neue Chefredakteurin: Silke Hellwig. Der DJV lobte bereits ihre „brillant formulierten und sachkundigen Kommentare“, rügte aber ihren Führungsstil. Hellwig gilt als unkommunikativ und schroff - auch gegenüber externen Medienjournalisten, die kritische Fragen an sie richten wollen: Auf Mails oder Rückrufbitten reagiert sie nicht, sie stellt sich lieber tot. Jetzt aber trat sie im Bremer Presse-Club auf und konnte Fragestellern nicht mehr ausweichen.

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Das Thema klang etwas trocken: „Weser-Kurier und Salzburger Nachrichten: Wie sie wurden, was sie sind – und was sie werden wollen“, samt Vortrag des Leipziger Professors Arnulf Kutsch über „Die Geschichte der Lizenz-Presse“. Manche Zuhörer waren vor allem darauf gespannt, wie sich die medienscheue Silke Hellwig auf dem Podium präsentieren würde.

Die 49-Jährige hielt ein Plädoyer für Bezahlschranken im Internet. Es sei „eine Zukunftsfrage“, ob Zeitungsverlage ihre von hochqualifizierten Redaktionen erstellten Inhalte weiterhin „umsonst verschleudern“ wollten. Im Nachhinein betrachtet sei es ein Fehler gewesen, dass sich nicht alle Verleger zusammengetan hätten, um sich Online-Texte von vornherein bezahlen zu lassen. Eine Position, die ähnlich auch vom stellvertretenden Chefredakteur der Salzburger Nachrichten, Viktor Hermann, vertreten wurde.

Hellwig hob die besonderen Vorteile von Pressetexten gegenüber Internetangeboten wie etwa Wikipedia hervor: Zeitungen seien „Qualitätsgaranten“ mit sehr hoher Glaubwürdigkeit.

Gute Stichworte für die anschließende Publikumsfragerunde. Wie der WK denn zu Outsourcing stehe, wollte ein Zuhörer wissen und dachte dabei wohl vor allem an den Einsatz von Dauerleiharbeitern. Hellwigs Antwort: Outsourcing habe keine Auswirkungen auf die Qualität der Zeitung. Denn „davon leben können sie mit Sicherheit“ – jene Kollegen, die schlechter bezahlt werden als die herkömmlichen Tarifangestellten.

Nächste Frage: Warum verstößt der WK seit der Amtszeit von Hellwigs Vorgänger Lars Haider (inzwischen Chefredakteur des Hamburger Abendblatts) gegen das Prinzip von Quellenwahrheit und -klarheit? Agenturtexte werden seitdem nämlich nur noch mit „wk“ gekennzeichnet; dpa-Korrespondentenberichte erscheinen mit vollem Autorennamen und ohne Agenturkürzel, so dass der Eindruck entsteht, der WK hätte überall eigene Korrespondenten. Hätte Hellwig das nicht inzwischen ändern können? Ihre Antwort: Sie sei ja erst seit einem Jahr im Amt. Über das Thema sei zwar schon diskutiert worden, aber es stünde nicht ganz oben auf ihrer Prioritätenliste.

Nachfrage: Soll das Kürzel „wk“ womöglich kaschieren, dass der Bremer Marktführer eine Zweitagentur abbestellt hat? Nein, es gebe keine Kündigung. Aber wie viele Vollagenturen der WK denn derzeit bezieht, wollte Hellwig trotz Nachbohrens nicht verraten. Aus der Redaktion verlautete hinterher, dass seit Jahren nur noch dpa mit allen Diensten ins Pressehaus geliefert werde.

Noch einsilbiger wurde die Chefredakteurin bei der Frage, warum der WK in einem Beschwerdeverfahren vorm Deutschen Presserat im Frühjahr die Unwahrheit gesagt habe und warum er die anschließende Rüge des Gremiums bis heute nicht abgedruckt habe. Damals ging es um die Serie „Objekt der Woche“ in der Immobilienbeilage. Das jeweils vorgestellte Wohnobjekt wirkte auf den ersten Blick wie redaktioneller Text. Auch gegenüber dem Presserat erweckte der Verlag diesen Eindruck. In Wirklichkeit handelte es sich aber um bezahlte Anzeigen, wie erst später durch taz-Recherchen bekannt wurde. Egal ob bezahlt oder nicht: Der Presserat sah in den redaktionell aufgemachten Texten auf jeden Fall Schleichwerbung. Doch die deshalb verhängte Rüge wurde bis heute vom WK nicht abgedruckt, obwohl der Pressekodex dies vorschreibt. Was Hellwig dazu sagt? Nichts. Sie wolle nicht „alte Sachen aufwärmen“.

Immerhin hat der WK das „Objekt der Woche“ mittlerweile als Anzeige gekennzeichnet und verwendet dafür einen anderen Schrifttyp als für redaktionelle Beiträge.

Nach der Veranstaltung wollte MEEDIA der Chefredakteurin die Gelegenheit geben, erstmals Stellung zu nehmen zu der Kritik aus Redaktions- und Gewerkschaftskreisen an ihrem Führungsstil. Doch die Führungskraft eines Kommunikationsunternehmens eilte lieber kommentarlos davon.

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