Cicero und der Steinbrück-Scoop

Publishing Als der SPD-Vorstand an diesem Montag Peer Steinbrück zum Kanzlerkandidaten der Partei kürte, haben wieder fast alle Politikjournalisten gewusst, dass es so kommen würde. Oder zumindest geahnt. Aufgeschrieben und veröffentlicht hat die Geschichte zuerst Christoph Schwennicke. Er ist nicht Journalist bei einer Tageszeitung oder einem Onlineportal, sondern Chefredakteur des Monatsmagazins Cicero. Mit MEEDIA hat er über die Geschichte eines Scoops gesprochen.

Werbeanzeige

Die Entscheidung, mit Steinbrücks Kanzlerkandidatur aufzumachen und an den Kiosk zu gehen, fiel am 14. September. Kurz vor Redaktionsschluss, als das Heft schon stand. Statt der eigentlich für den Titel geplanten US-Wahlen nun also Steinbrück, den der Illustrator auf ein Cowboypferd montierte. Schwennicke textete dazu: "Ritt gegen Merkel – Sein langer Weg zur Kandidatur: Peer Steinbrück fordert die Kanzlerin heraus". Also doch ein wenig USA. Marlboro-Mann Steinbrück.

Raum für Interpretationen ließ die Aussage nicht. Schwennicke legte sich als Autor und Chefredakteur mit der Geschichte fest. Zu diesem Zeitpunkt galt es unter den deutschen Politikjournalisten noch lange nicht als ausgemacht, dass Steinbrück die Kandidatur tatsächlich übernehmen würde, und nicht etwa Sigmar Gabriel oder Frank-Walter Steinmeier. Letzteren hatte beispielsweise der Spiegel leicht im Vorteil gesehen, ohne sich freilich auf ihn festzulegen. Bis zum Jahresende solle die K-Frage entschieden werden, hatte es bei den Sozialdemokraten geheißen.

Schwennicke entschied, die Geschichte zu bringen. Mit dem Abstand von 14 Tagen sagt er im Gespräch mit MEEDIA: "Es war eine Mischung aus Informationen, Indizien und Instinkt." Schwennicke hat lange für die Süddeutsche Zeitung und später als Vizechef des Berliner Spiegel-Büros gearbeitet. Er kennt den politischen Betrieb, aber damit steht er nicht alleine. Informationen, auch Klatsch und Tratsch und Halbgares aus dem Berliner Hauptstadtbetrieb gibt es auf Wunsch im Sekundentakt.

Ein Restrisiko, ob Steinbrück tatsächlich zum Kandidaten gemacht werden würde, habe zwar bestanden, sagt Schwennicke. Doch das sei letztlich sehr gering gewesen. Als er nun sein Magazin umbaute und die letzten Seiten am 19. September in die Druckerei schickte, befiel Schwennicke eine ganz andere Angst. Die Ur-Angst eines jeden aktuell arbeitenden Journalisten: Schießt mir jemand die Geschichte vorher ab? Gemeinsam mit dem Ringier Verlag beschloss er, den Erscheinungstag vorzulegen. Am 21. September gab Cicero eine Pressemitteilung heraus, die Steinbrücks Kandidatur enthüllte.

Es folgten zwei eher halbherzige Dementi von SPD-Vorstandsfrau Andrea Nahles und Steinbrück selber ("ungelegte Eier"). Von Journalistenkollegen habe er Rückmeldungen bekommen, ihre Informationen liefen in eine ganz andere Richtung, sagt Schwennicke. Wieder eine Woche später dann die Bestätigung: Peer macht´s. Für Schwennicke trotz allem eine Erleichterung – und Triumph zugleich. Auch wenn er dieses Wort nicht wählt. Unter seinen Kollegen sorgen solche Scoops für Respekt, keine Frage. Doch was bringt einem Monatsmagazin eine solche Enthüllung beim Leser? "Wir heißen ja Magazin für politische Kultur, und müssen darum auch den Nachweis erbringen, dass wir etwas von Politik verstehen."

Schwennicke ist Ciceros dritter Chef nach Gründer Wolfram Weimer und Michael Naumann. Naumann, ehemals Zeit-Chefredakteur und SPD-Politiker, hatte ebenfalls einen Steinbrück-Titel gemacht, im Mai 2011. "Wer, wenn nicht Peer?" hatte die Titelzeile gelautet, Autor des Stücks war Stephan-Andreas Casdorff vom Tagesspiegel gewesen. Nun folgte auf die programmatische Analyse die Enthüllung. Was für ein Monatsmagazin ungewöhnlich ist, denn die Stärken des Formats liegen eher in der Hintergrundgeschichte, der "ausgeruhten" Reportage, dem Porträt. "Onlinejournalismus gibt heute den Takt vor, und die Tageszeitungen und Wochenzeitungen hyperventilieren synchron", sagt Schwennicke über die Zunft. "Wir haben jetzt mal mitgehechelt, aber immerhin vorneweg – und ohne heiße Luft zu verbreiten." Neben dem Sofa in Schwennickes Büro lehnt ein gemaltes Bild von Steinmeier an der Wand.

Trotz der Breaking News-Geschichte bleibt Schwennicke bei dem Prinzip Entschleunigung als Erfolgsfaktor für Cicero. Darin liege die Chance eines Monatstitels. Der seinen Lesern nicht zur Last fällt, weil er täglich oder wöchentlich im Briefkasten liegt und im Alltag zu wenig Aufmerksamkeit findet und schließlich zu einem schlechten Gewissen auf Käuferseite führt. Was Schwennicke auch unter einem entschleunigten Magazin versteht, ist eine Ausgabe ohne eine Geschichte mit oder über Bettina Wulff. Deren Buch findet der Chefredakteur nicht relevant. Sollen sich die Tageszeitungen an der Dame abarbeiten.

Im Umkehrschluss bedeutet Entschleunigung aber nicht gepflegte Langeweile. Schwennicke: "Ein Magazin kann keine Ansammlung von Leitartikeln sein, das reicht nicht." Da müsse schon mehr stattfinden zwischen Blatt und Leser, müsse "Sinnlichkeit" hergestellt werden. Und auf das Internet verzichten kann auch ein vergleichsweise langsames Monatsmagazin nicht, weil es sich vieler Möglichkeiten zur schnellen Reaktion und raschen Analyse beraubte. Das Cicero-Prinzip, ob off- oder online, charakterisiert der Chefredakteur so: pluralistisch, kritisch, offen, nicht ideologisch verbohrt. Gab es mit Weimer einen liberal-konservativen Magazingründer und mit Naumann einen Sozialdemokraten an der Spitze, gibt es mit Schwennicke nun einen Journalisten, den die Debatte um eine wie auch geartete politische Richtung des Magazins eher langweilt als umtreibt.

Wenn überhaupt, sei Cicero ein eher bürgerliches Magazin, eine "feine Adresse", für die renommierte Autoren schrieben. Das viel mehr Leser hätte, wenn eben diese Leser wüssten, dass es Cicero überhaupt gibt. Was der Chefredakteur vermeidet, ist die Angabe einer Auflagenhöhe, die er erreichen will. Michael Naumann wollte in einer Zeit die Hürde von 100.000 Exemplaren knacken, doch so recht vom Fleck weg bewegte sich das Blatt in der Beziehung nicht. Heute verkauft Cicero pro Ausgabe durchschnittlich 82.954 Hefte, davon 26.727 im Abo und 10.598 im Einzelverkauf. Warum ist da eigentlich nicht mehr drin? Schwennicke glaubt zwar daran, dass "mehr drin" ist, er ist aber auch Realist: "Wir verkaufen Probleme, das unterscheidet uns von Magazinen wie Landlust. Die verkaufen gedruckten Eskapismus."

Bleibt abzuwarten, ob die Geschichte des Peer Steinbrück eine Geschichte über eine Lösung sein wird, eine Erfolgsstory. Oder doch nur wieder eine Geschichte der Probleme der alten Tante SPD, gegen Mutti Merkel anzustinken. Cicero hat die Vorlage geliefert, nun haben die Tageszeitungen und Online-Newsportale die Steuerung des Nachrichtenflusses übernommen. Die Geschichte des Cicero-Scoops zeigt, das Monatsmagazine zumindest zeitweise das Agenda Setting bestimmen können.

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige