Tagesschau in spanischer Shitstorm-Falle

Massenprotest in Madrid gegen die von der Schuldenkrise diktierten Sparpläne der spanischen Regierung, es kommt zu Ausschreitungen mit der Polizei. In deutschen Medien wird jedoch kaum berichtet. Für viele Nutzer ein Skandal. Ihre Empörung bekam gestern vor allem die Redaktion der Tagesschau zu spüren. Auf deren Facebook-Seite hinterließen Nutzer im Sekundentakt kritische Kommentare. Die Redaktion reagierte – und machte alles noch schlimmer. Die Geschichte eines Shitstorms.

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Einen Tag nachdem Tagesschau und Tagesthemen in die Kritik gerieten, weil sie das identische Statement von Horst Seehofer sowohl in Zusammenhang mit dem Betreuungsgeld als auch mit der Frauenquote gesendet haben, manövrierte sich das Flagschiff der deutschen Nachrichten erneut ins Zentrum von Kritik. Der Auslöser diesmal: der Umgang mit den Protesten und Ausschreitungen in Madrid.
Der Shitstorm nimmt gegen 20 Uhr Fahrt auf. In der Hauptnachrichtensendung werden die Demonstrationen in Spanien nicht erwähnt. Eine Entscheidung, die kritisiert werden kann, vielleicht sogar muss. Das Facebook-Posting zur Lage in Syrien wird zur Plattform für empörte Nutzer. Hier beschweren sich immer mehr Kommentatoren, dass das Thema Spanien übergangen worden sei. Mitunter sind die Kommentare wortgleich und wiederholen sich, einige driften in Verschwörungstheorien ab. Aber der Anfang ist gemacht.
Die Redaktion reagiert, erklärt, die Lage werde beobachtet. Die Proteste in Madrid seien jedoch kleiner als erwartet. Im Laufe der Nacht werden viele der kritischen Kommentare gelöscht. Kurz nach dem ersten Statement eröffnet die Tagesschau-Redaktion einen eigenen Kommentarstrang für die Proteste in Madrid, spricht darin selbst von einem Shitstorm:
"Liebe Fans der Facebook-Seite der Tagesschau, in Madrid finden zur Zeit Protestet gegen die Sparpolitik der Regierung statt. Ein ARD-Team ist vor Ort, auch Tagesschau.de wir darüber in Kürze berichten. Wer bereits zuvor schon seine Meinung dazu los werden möchte, kann dies hier tun, wir bitten darum, den Shitstorm unter den anderen Threads zu beenden, vielen Dank!"

Die so offiziell als "Shitstorm" geadelte Kritik ebbt dadurch nicht ab, im Gegenteil: Unter dem Posting sind am Morgen des Folgetags fast 1000 Kommentare zu finden. Einige davon freuen sich über das "Lebenszeichen", für viele geht aber der Ärger weiter.
Auch andere Online-Medien aus Deutschland berichteten zu diesem Zeitpunkt nicht oder nur kaum von den Protesten. Der Aufschrei der Nutzer hielt sich dort jedoch in Grenzen. Ins Fadenkreuz geriet fast ausnahmslos die Tagesschau. Ein Grund sind offenbar die GEZ-Gebühren, Ausdrücke wie "Staatsfernsehen" zeigen das. Die Redaktion sieht sich ein weiteres Mal genötigt zu reagieren:
"Liebe Fans der Tagesschau, wir freuen uns über die rege Beteiligung und würden uns wünschen, dass dies auch bei anderen wichtigen Themen der Fall wäre. Die VerschwörungstheoretikerInnen müssen wir indessen, enttäuschen: Wir sind ein unabhängiges Medium und kein Staatsfernsehen, dh wir entscheiden selbst, was und wie wir berichten. Nach der Einschätzung unseres Reporters vor Ort sind die Proteste weitaus kleiner ausgefallen als erwartet. Wir werden dennoch in allen Sendungen darüber berichten."
Wenig überraschend sorgt auch dies nicht gerade für Ruhe. Wie schon das Wort Shitstorm den Shitstorm zuvor noch anfachte, provoziert der Ausdruck "Verschwörungstheoretiker" die angesprochenen Kritiker erst so richtig.
Als wenig später ein erster Artikel auf tagesschau.de online geht, bringt der bereits die nächste Empörungswelle mit sich. Im Beitrag ist von 3000 Demonstranten die Rede (mittlerweile korrigiert). Bilder und Videos, die zu dieser Zeit die Runde machen, lassen aber eine deutlich höhere Zahl vermuten. Und auch die offiziellen Behörden vermelden im Laufe des Abends eine doppelt so hohe Zahl. Und so flaut der Ärger erst am frühen Morgen ab. Bis dahin haben sich auch unter dem Posting zum tagesschau.de-Artikel über die Proteste über 1000 – überwiegend kritische – Kommentare angesammelt.
Heute hat das Tagesschau-Team im Redaktionsblog noch einmal Stellung zum Shitstorm genommen. Thomas Hinrichs verteidigt darin die redaktionellen Entscheidungen des Vortags und schreibt: "Wir sind unabhängig gegenüber politischen Interessen, gegenüber wirtschaftlichen Interessen, aber auch gegenüber Interessen von besonders Engagierten." Und weiter: "Wir berichten nicht, weil es einen Shitstorm gibt." Gleichzeitig gebe es aber auch keine umgekehrte Trotzreaktion.
Festzhalten bleibt, am gestrigen Abend sind viele Faktoren zusammen gekommen: ein versäumtes Ereignis, unglückliche Formulierungen in den Postings, gefolgt von einem weiteren Fehler im Beitrag. Hinzu kommen im Fall von tagesschau.de noch eine Reihe genereller Kritik am öffentlich-rechtlichen System. Das kontroverse Thema lockte zudem schon früh Menschen an, die die Proteste auf der Nachrichtenagenda sehen wollten. Trotzdem ist ein Fall wie der Gestrige kein Einzel- oder Sonderfall mehr.
Eine Redaktion wie tagesschau.de unterliegt mittlerweile für ihre Leser nicht nur einem Vergleich mit Spiegel Online und weiteren deutschen Medien, sondern auch mit der internationalen Konkurrenz und den sozialen Netzwerken. Deutlich wurde dies auch im vergangenen Jahr, als die Proteste in Ägypten und Libyen von interessierten deutschen Nutzern vor allem über das Internet und TV-Sender aus Arabien, Großbritannien und den USA verfolgt wurden.
Der Vorwurf stets: Die deutschen Medien verschlafen wichtige Weltereignisse. Besonders hart trifft es dabei häufig die gebührenfinanzierten Angebote. Für viele Bürger ist es unverständlich, warum sie Informationen, die sie anderswo finden, auf tagesschau.de und Co. erst später oder überhaupt nicht finden.
Dies wurde auch gestern Abend deutlich. Einige Nutzer ergriffen selbst die Initiative und verbreiteten in den Diskussionen auf der Facebook-Seite von tagesschau.de Links zu Live-Streams, die spanische Medien anboten. Vielleicht kann es ein Ausweg sein, in solchen Situationen häufiger auch als Redaktion selbst auf die Inhalte internationaler Kollegen zu verweisen. Aber so oder so: Der nächste Shitstorm wird kommen und angemessene Reaktionen verlangen.

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