Kohl-Spiegel – die recycelte Titelstory

Publishing Im vergangenen Jahr veranstaltete der heutige Spiegel-Autor Stefan Niggemeier in seinem Blog ein Quiz zum Spiegel-Titel "Die Familie Kohl - ein deutsches Drama". Man sollte raten, ob die trivialen Zitate aus dem Spiegel oder aus der Bunten stammten. Der Witz: alle stammten vom Spiegel. Mit dem aktuellen Spiegel-Titel "Die Tragödie des Helmut Kohl" könnte man das Gleiche machen. Die Story besteht aus recyceltem Material, widersprüchlichen Gerüchten und Hörensagen. Ein Armutszeugnis.

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Spielen wir kurz eine leicht abgewandelte Version des Niggemeier-Spiegel-Bunte-Quiz. Raten Sie doch mal, ob folgendes Zitat aus der aktuellen Spiegel-Titelstory stammt oder aus der über ein Jahr alten Spiegel-Titelstory aus Ausgabe 28/2011:

“Und es sind nicht die Schlechtredner aus den Medien, die Frechlinge und Nörgler, die ihm jetzt nachstellen und deren Abwertung Kohl immer leicht als interessengeleitet abtun konnte. Die Angriffe kommen aus dem persönlichen Umfeld, in dem politische Erwägungen keine Rolle spielen.”

Na, eine Idee? Okay, es sei verraten: Es ist die alte Geschichte. In der neuen, aktuellen Spiegel-Titelstory lesen wir dagegen Folgendes:

“Es gibt schon lange keine klare Trennung mehr zwischen dem Privaten und dem Politischen, und es sind in seinem Fall nicht die Medien, sondern die Menschen in seinem engsten Umfeld, die dafür gesorgt haben, dass die Grenze verschwimmt.”

Noch ein Beispiel. Ist das folgende Spiegel-Zitat alt oder neu?

“Die Ärzte diagnostizierten ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Es folgten Monate in der Klinik und in Rehabilitationszentren. Bis heute ist Kohl auf einen Rollstuhl angewiesen, das Reden fällt ihm schwer. An guten Tagen reicht die Kraft für zehn, fünfzehn Minuten am Stück, dann versackt die Sprache wieder in Gemurmel. Besucher sagen, der Kanzler sei nach wie vor klar im Kopf und könne allem folgen, aber es scheint sicher, dass er immer ein Pflegefall bleiben wird.”

Das obige Zitat stammt aus der alten Spiegel-Titelstory "Die Familie Kohl – ein deutsches Drama". Das nun folgende Zitat dagegen stammt aus der aktuellen Spiegel-Geschichte "Die Tragödie des Helmut Kohl":

“Die Ärzte diagnostizierten später ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Es folgten Monate in der Klinik und in Rehabilitationszentren. Im Juli konnte Kohl endlich nach Hause zurückkehren, aber es war schnell klar, dass er sein Leben lang ein Pflegefall bleiben würde. (…) An guten Tagen reicht seine Kraft für insgesamt zehn, fünfzehn Minuten Reden, und selbst dann kommen die Sätze meist nur verschwommen über die Lippen.”

Und hier wieder die alte Spiegel-Geschichte von vergangenem Jahr:

“Schwan rechtfertigt seine Indiskretion damit, dass die Kanzlergattin genau gewusst habe, dass ein Journalist immer ans Schreiben denke. Für die Kohl-Söhne hingegen steht außer Frage, dass ihre Mutter niemals gewollt hätte, dass die Öffentlichkeit Details aus ihrer Krankenakte erfährt oder gar über ihre Vergewaltigung als junges Mädchen durch russische Soldaten unterrichtet wird.”

Und hier die neue, “aktuelle” Kohl-Spiegel-Titelgeschichte:

“Schwan rechtfertigte seine Indiskretion damit, dass die Kanzlergattin genau gewusst habe, dass ein Journalist immer ans Schreiben denke. Aber für die anderen steht außer Frage, dass Hannelore Kohl niemals gewollt hätte, dass die Öffentlichkeit Details aus ihrer Krankenakte erfährt oder gar über ihre Vergewaltigung als junges Mädchen durch russische Soldaten unterrichtet wird.”

Wieder die alte Spiegel-Titelgeschichte:

“Zwei Tage später saß Walter Kohl im Fernsehstudio bei ,Markus Lanz‘, er hatte dafür seinen Urlaub an der türkischen Mittelmeerküste unterbrochen. In der bewegten Familiensaga um die Kohls kam nun die Fortsetzung, nach der Fehde zwischen Vater und Söhnen folgte Teil zwei, der Streit mit der neuen Ehefrau. ,Es kann nur einer die Presseerklärung überarbeitet haben‘, sagte Walter Kohl in der Sendung: ,Und das ist die Maike.‘ Sein Vater sei jetzt in einer Situation, ,in der er nicht mehr so kann, wie er früher konnte‘, dafür müsse man Verständnis aufbringen. ,Da muss jemand Hand angelegt haben, und die Liste ist sehr kurz.‘”

Und hier die "neue" Spiegel-Titelgeschichte:

“Zwei Tage später saß der Sohn im Fernsehstudio bei ,Markus Lanz‘ und sagte: ,Es kann nur einer die Presseerklärung überarbeitet haben, und das ist die Maike.‘ Sein Vater sei jetzt in einer Situation, ,in der er nicht mehr so kann, wie er früher konnte‘, dafür müsse man Verständnis aufbringen. “Da muss jemand Hand angelegt haben, und die Liste ist sehr kurz.‘”

Sie merken schon, worauf wir hinauswollen. Es ist aber nicht nur dieses offensichtlich Sich-Bedienen am eigenen Archivmaterial, was den aktuellen Spiegel-Titel so schwer genießbar macht. Schon das erste "Kohl-Drama" im Spiegel war ein Zusammenschrieb an sattsam bekannten privaten Gerüchten, Banalitäten und Trivialitäten, zusammengeklaubt aus dem Buch “Leben oder gelebt werden” von Walter Kohl, aus dem Hannelore-Kohl-Buch von Heribert Schwan und der alten ARD-Doku “Liebe an der Macht”. Mit-Autor beider Kohl-Remixe ist Spiegel-Autor Jan Fleischhauer, der auch Schwans Hannelore-Kohl Buch für den Spiegel rezensierte und damit den Grundstock für gleich zwei Titel legte. In der neuen „Kohl Tragödie“ assistiert ihm dabei der mehrfach preisgekrönte Star-Autor Dirk Kurbjuweit. Es sind namhafte Top-Journalisten, die dieses Zeug schreiben.

Wie sich Titelbilder und Texte gleichen: das Kohl-Drama in der Spiegel-Ausgabe 28/2011 (links) und die Kohl-Tragödie aus der aktuellen Spiegel-Ausgabe 39/2012
Der Spiegel hat also seine aktuelle Titelgeschichte aus einer über ein Jahr alten Spiegel-Titelgeschichte recycelt, die wiederum schon aus diversen anderen Archiven heraus recycelt war. Das ist für ein aktuelles Nachrichtenmagazin ein bisschen dünn. Aber das eigentlich Schlimme an der neuen Kohl-Geschichte im Spiegel ist etwas ganz anderes: Es ist die Art und Weise, wie Hörensagen und Gerüchte hier zu einem emotionalen Journalismus-Quark ohne jede Substanz verrührt werden.

Da hat “einer vom Hofstaat kürzlich mit dem Leibarzt” gesprochen. “Es blühen Gerüchte und Verdächtigungen.” “Nach diesen Gerüchten ist Kohl die Geisel von Oggersheim.” “Auch wenn vieles vage ist, sich aus Dritte-Hand-Wissen speist, fügen sich die Teile doch zu einem klaren Bild, und zwar dem eines kranken Mannes, der ganz der Frau ausgeliefert ist, die sich um ihn sorgt.” Der Spiegel macht also nach eigenen Angaben eine Titelstory, die auf “Dritte-Hand-Wissen”, “vagen” Infos und Gerüchten basiert. Da wird wortreich das Bild von der “Burg in Oggersheim” gemalt, in dem “die Lady Macbeth von Oggersheim”, Kohls zweite Frau Maike Kohl-Richter, den Altkanzler als Geisel gefangen hält und eisern die „Zugbrücke“ kontrolliert. Kohl selbst könne sich nicht wehren, heißt es im Text. Das Sprechen falle ihm schwer, er könne in die Debatte kaum noch eingreifen, könne nicht einmal über sein eigenes Wirken reden.

Kurz danach werden ausführlich Artikel genannt, in denen Kohl in der jüngeren Vergangenheit eben doch geredet hat: mehrfach in Bild sowie in der Zeitschrift Internationale Politik und Gesellschaft. Auch heißt es plötzlich: “Nach Berichten von Leuten, die in letzter Zeit mit Kohl gesprochen haben, kann er wieder besser reden.” Seine Frau Maike Kohl-Richter, die “Lady Macbeth von Oggersheim”, ist im Spiegel wahlweise die böse neue Ehefrau, die alte Kohl-Freunde abblockt und nach der Deutungshoheit des politischen Vermächtnisses von Helmut Kohl giert. Dann wieder ist sie die aufopferungsvolle Pflegerin des kranken Altkanzlers, der ihr sein Leben verdanke. Kohl wird beschrieben als greiser Pflegefall, an den Rollstuhl und die “Burg Oggersheim” gefesselt. Dann wieder heißt es von ihm, er schwimme jeden Tag, gehe noch ab und zu mit seiner Frau im “Deidesheimer Hof” in der Pfalz essen. So geht es munter widersprüchlich hin und her. Von einem Gerücht zur nächsten Spekulation hangelt sich die Story Seite um Seite.

In der wirklichen Welt besucht Kohl an diesem Dienstagnachmittag die CDU/CSU Bundestagsfraktion im Berliner Reichstag. Anlass für den öffentlichen Auftritt ist das 30. Jubiläum seiner Wahl zum Kanzler am 1. Oktober. In Berliner Politikkreisen ist zudem keine Rede davon, dass der Altkanzler ganz und gar eine „Gefangener“ seiner Frau sei. Kohl mache Termine durchaus selbst und er rede auch selbst, sogar deutlich mehr als noch vor einem Jahr, heißt es in Berliner CDU-Kreisen.

Wie schon in der alten Kohl-Story im Spiegel ist auch diesmal Skandal-Autor Heribert Schwan ganz vorne mit dabei, wird sogar interviewt und darf ein paar Schoten aus seinem vielleicht, vielleicht auch nicht geplanten neuen Kohl-Enthüllungsbuch zum Besten geben. Die neue Kohl-Biografie von Hans-Peter Schwarz wird herangezogen. Walter Kohl mit seinem Buch kommt wieder vor. Ausführlich kommt Kohls früherer Fahrer Eckhard Seeber zu Wort und erst ganz am Ende der Passage merkt man, dass die Spiegel-Autoren sich hier bei einem Interview bedienen, dass Seeber der Bunten gegeben hat. Der Spiegel schildert sogar lang und breit einen Anruf bei Walter Kohl, der nicht mit dem Spiegel reden will. Der missglückte Recherche-Anruf schafft es trotzdem in die Story – wohl auch weil man sonst noch weniger Pseudo-Neuigkeiten hätte zusammenkratzen können, um all die Seiten zu füllen, und weil in Sachen Kohl offensichtlich immer noch niemand der direkt Beteiligten mit dem Spiegel reden will.

Und es gilt: Feuer frei in der Gerüchteküche. Bei den Kohls sei ja mittlerweile alles Private irgendwie auch Politisch heißt es im Text. Viele Zeilen lang wird geschwurbelt und gekurbelt, um dieses Sammelsurium an widersprüchlichem Tratsch so zu überhöhen, damit es gerechtfertigt erscheint, dass es als Titelgeschichte hergenommen wird. Der Spiegel schreckt auch nicht davor zurück, Helmut Kohl in eine Reihe mit Konrad Adenauer, Bismarck und Hitler zu stellen. “Es geht bei diesem Kampf um große Geschichte, und das macht alle so kirre”, notiert der Spiegel. Am meisten wohl ihn selbst.

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