Apples Fluch der turmhohen Erwartungen

Der Hunger nach Rekordmarken scheint unstillbar: Mehr, immer mehr muss Apple verkaufen, sonst reagiert die Börse wieder wie ein betrunkener Teenager und droht mit Liebesentzug. Die Reaktion auf die iPhone 5-Verkaufszahlen vom Wochenende zeigen eindrucksvoll, wie hysterisch sich Wall Street-Analysten und Medien längst gegenseitig befeuern. Über Apple liegt inzwischen ein Fluch realitätsferner Erwartungen: Gut ist einfach nicht mehr gut genug.

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Der Business Insider war sofort wieder in Bestform: Das jüngste Apple-Drama konnte sich das Blogkonglomerat, das blendend von dramatischen Schlagzeilen lebt, nicht ohne apokalyptische Headline entgehen lassen. „Schlimmer als jedes Worstcase-Szenario“, so die Einschätzung nach den „lausigen“ 5 Millionen verkauften iPhone 5 am ersten Wochenende.
„Eine massive Verlangsamung“ wären die ersten Absatzahlen, ist da im US-Blog-Netzwerk des früheren Internetaktienanalysten Henry Blodget, der das vergangene Apple-Quartal „ein Desaster“ nannte, zu lesen. Dass Apple am Ende immerhin ein Smartphone auf den Markt brachte, dass „nicht furchtbar“ bei der bloßen Annahme von Anrufen wäre, sei „ein Wunder„.  So klingt der Gaga-Journalismus, mit dem der gewöhnlich gut informierte und schnell agierende Business Insider nach Apples ersten Verkaufsdaten auf seine Leser loslässt.
Gene Munster: Wie verbucht Apple die Vorbestellungen?
Die Nachforschungen, warum die Flüsterschätzungen von Analysten, die höher gelegen hatten, mussten die Volkswirte schon selbst nachliefern. Apple-Staranalyst Gene Munster, der zwischen sechs bis zehn Millionen verkaufte iPhone 5 am ersten Wochenende prognostiziert hatte, sieht Unklarheiten in der exakten Buchung der Einheiten.
Eine Million Vorbestellungen, die nach den ersten Stunden eingegangen wären, als das iPhone 5 bereits als offiziell ausverkauft galt, habe Apple möglicherweise nicht mitgerechnet, mutmaßt Munster. Auch habe Apple diesmal weniger Lagerbestände zur Verfügung gehabt als beim Start des iPhone 4S, spekuliert Munster. Apple selbst erklärte, dass die Nachfrage den ursprünglichen Liefervorrat übertroffen habe.
iPhone 5-Start nur um 25 Prozent besser als beim iPhone 4
Dass die Analysten aber selbst mit ihrer ganz persönlichen Rekordjagd die Latte für Apple inzwischen oft unrealistisch hoch legen, ist ein in jüngster Zeit immer öfter wieder kehrendes Phänomen. Bei gleich zwei der vergangenen vier Quartale unterbot Apple zuletzt die Konsensschätzungen der Wall Street.
Nun schon wieder bei den ersten iPhone 5-Abverkäufen, die – wohl gemerkt – immerhin noch um 25 Prozent über dem Vergleichswert des Vorgängermodells lag.   Da das iPhone 4S sich aber um 135 Prozent besser als das iPhone 4 verkaufte, scheint Cupertino nun in Not.
Analysten: „Die Erwartungen entfernen sich immer weiter von der Realität“
Ist bei Apple der Wurm drin – oder leiden Analysten selbst inzwischen an einem gewissen Apple-Höhenrausch? Letzteres beobachtet Shaw Wu von Sterne Agee: „Die Erwartungen entfernen sich immer weiter von der Realität“, erklärte Wu, der sich weigerte, von den Verkaufszahlen der ersten Stunden Rückschlüsse eine eine vermeintlich schwächere Aufnahme des iPhone 5 zu ziehen. „Uns geht es nicht darum, wie gut sich das Produkt in den ersten Tagen verkauft, sondern in den nächsten zwei bis vier Quartalen.“
Offenbar denkt die Börse offenbar selbst so – Anleger reagierten gestern weitaus entspannter als das „Worstcase-Worstcase-Szenario“ befürchten ließ: der Kursrückgang von rund einem Prozent nimmt sich noch verhältnismäßig bescheiden aus.
Engpässe in der Lieferkette Schuld?
Die Ursachenforschung der Analysten ist unterdessen voll im Gange:  Vielleicht lag die „enttäuschende“ Steigerung von nur 25 Prozent gegenüber den iPhone 4S-Absätzen aus dem Vorjahr ja noch nicht an der Käuferzurückhaltung, sondern den Engpässen in der Lieferkette, mutmaßte Brian White von Topeka Capital. Und selbst Henry Blodget räumte in einem späteren Artikel ein, dass Apple bei der Produktion in China vielleicht an Grenzen stoße und eine regelmäßige Belieferung einer kurzen Explosion vorziehe.
Die Spekulationen sind also – wie so oft bei Apple-Launches –  unbegrenzt. Echte Klarheit, soviel ist sicher, dürfe ersten die Geschäftszahlen für das erste vollwertige Quartal mit iPhone 5-Verkäufen geben – und das geht am 31. Dezember zu Ende.

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