NewScientist: Nullnummer mit Fragezeichen

Publishing Große Ereignisse werfen Schatten voraus, neue Magazine Nullnummern. Zumindest im Fall des NewScientist ist dies der Fall. Während die Redaktion noch am letzten Schliff für die deutsche Ausgabe des Wissensmagazins arbeitet, gibt die in kleiner Zahl verteilte Nullnummer eineinhalb Monate vor dem richtigen Start erste Einblicke. Die zeigen: An guten Themen wird es dem NewScientist nicht fehlen. Allerdings wirkt die deutsche Ausgabe optisch für hiesige Leser ungewohnt.

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Das Cover der Nullnummer mutet mit seiner spirituellen Optik ein wenig religiös an, müsste sich im Zeitschriftenregal aber keinesfalls verstecken. Durch die kräftigen Farben dürften dem Magazin Aufmerksamkeit sicher sein. Die Aufmachung des Titels erinnert dabei – wohl kaum zufällig – an das englischsprachige Original.

Das Cover der deutschen NewScientist-Nullnumer
Auch im Inneren orientiert man sich am Namensgeber. Es gibt viel Weißraum. Das allein ist nicht schlecht, der Mut zu mehr Weißraum könnte einigen Magazinen die nötige Ruhe verleihen. Trotzdem ist die zurückhaltende Aufmachung für viele deutsche Leser eher ungewohnt. Viele Überschriften wirken nüchtern und grafisch arg zurückgenommen. Das gilt auch für die Bebilderung der einzelnen Beiträge. Auch hier ist man sehr zurückhaltend, nutzt viele Symbolbilder und Illustrationen. Das mag man für besonders wertig halten, allerdings läuft man Gefahr, dass die Aufmachung den Leser nicht "in die Geschichte zieht".
Aus der Redaktion heißt es, man habe vom Lizenzgeber keine Vorgabe erhalten, was das Design angehe. Die Entscheidung, sich dich am Original zu orientieren, sei freiwillig. Und so muss die Frage erlaubt sein, ob dies für den deutschen Markt die richtige Entscheidung ist. Für den hiesigen Leser kann das Heft an vielen Stellen auf den ersten Blick wirken wie ein Corporate Publishing-Produkt. Das Papier und die Haptik des nur 68-Seiten starken Prototyps (das Magazin soll auch in den regulären Ausgaben etwa diesem Umfang haben) passen da ins Bild. Ein solches Format haben in Deutschland eher Beilagen-Magazine, wie das Zeit Magazin oder die kostenlose Apotheken Umschau, aber kein 4,50 Euro teures Magazin.

Zurückhaltende Überschrift, schlichtes Layout
Das eher schlichte Design im Heft bietet aber durchaus Chancen. Gerade in einem Wissensmagazins kann es lohnen, sich auf den Inhalt zu konzentrieren, wo doch bereits Produkte wie das Magazin Welt der Wunder mit effektstarker Optik aufwarten und damit auch tendenziell eine andere Zielgruppe ansprechen.
Den Geschichten der Nullnummer folgend, wird der deutsche NewScientist Wissenschafts-interessierte Menschen ansprechen, die aber nicht zwingend Experten sein müssen. Stattdessen geht es in vielen Beiträgen darum, den Lesern Geschichten der Marke "das gibt es auch" zu liefern. Das Konzept einer behutsamen Popularisierung soll dem Titel eine stabile Käuferschaft jenseits von Welt der Wunder oder P.M. sichern.
Einschränkend anzumerken ist jedoch, dass die Nullnummer mit der Titelgeschichte und der Themenklammer "Der Mensch in 100.000 Jahren" noch keine eigenen Geschichten hat, sondern nur Übersetzungsstücke liefert. Das soll sich ab der ersten regulären Ausgabe ändern. Auch sollen Beiträge dann zum Teil für Deutschland speziell aufbereitet werden. Dies könnte der entscheidende Faktor sein, der beeinflusst, ob das Heft in Deutschland erfolgreich wird oder nicht.
Auch darauf, welche Anzeigekunden man beim Spiegel für das neue Magazin gewinnen möchte, lässt die Nullnummer Schlüsse zu. Zu finden ist darin unter andern Werbung großer Automobil-Hersteller, sowie aus den Bereichen Software, Computertechnik und Chemie. Vermarkter Spiegel QC verspricht Gutverdiener, Akademiker und Generalisten unter den Lesern. Ene ganzseitige Anzeige soll im Schnitt 7.000 Euro kosten. Die Druckauflage soll bei 40.000 Exemplaren liegen.
Der Prototyp des NewScientist liefert erste Eindrücke, wohin die Reise gehen wird. Wie das endgültige Produkt jedoch ausehen wird, und an welchen Stellen die Redaktion noch an den Stellschrauben drehen wird, verspricht Spannung. Die Nullnummer macht Lust auf mehr. Sollten die eigenständigen deutschen Geschichten ähnliche Qualität haben wie die des erprobten Originals, und sollten die Blattmacher dem Heft optisch noch mehr Schliff verleihen, dann kann der deutsche NewScientist den hiesigen Zeitschriftenmarkt um eine interessante Marke erweitern.
Die spannende Frage, die zu beantworten sein wird, lautet: Sind die deutschen Zeitschriftenkäufer bereit, für ein recht dünnes, optisch zurückhaltendes Heft mit Wissenschaftsthemen Woche für Woche 4,50 Euro auszugeben? Die Marktlücke scheint da zu sein, und der Spiegel-Verlag wird sicher ordentlich die Werbetrommel in seinen reichweitenstarken Medien rühren. Auch wenn die Spiegel-Gruppe inzwischen über eine ganze Reihe etablierter Magazinmarken und Line Extensions verfügt, hatte das Medienhaus nicht bei allen Neustarts ein glückliches Händchen: So wurden sowohl Spiegel Reporter wie das Wirtschaftsmagazin Econy (heute Brand Eins) eingestellt.
Am 2. November kommt der deutsche NewScientist zum ersten Mal als Wochentitel. Dann entscheidet sich, ob der Spiegel mit seiner Adaption des anglo-amerikanischen Erfolgstitels richtig liegt. Einblicke in den weiteren Entstehungsprozess gibt das Entwicklungsteam um Chefredakteur Lothar Kuhn bis dahin im Redaktionsblog.

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