Gipfeltalk: Seitenhiebe unter Verbündeten

Publishing Am Montagabend trafen sich im Spiegel-Hauptquartier Hausherr Georg Mascolo und sein Pendant von der Süddeutschen Zeitung, Kurt Kister, zum Austausch über journalistische Qualität. Nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit, sondern im Beisein von ausgesuchten Werbekunden. Denn genau die wollten Spiegel und SZ mit ihrer Einladung erreichen. Sie wurden Zeugen eines munteren Plauschs, bei dem sich die Diskutanten gegenseitige Sticheleien nicht verkneifen konnten.

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Qualität. Mit diesem Schlagwort wollen Spiegel und Süddeutsche Zeitung bei Anzeigenkunden noch besser als bisher punkten. Rabattschlachten wollen ihre Vermarkter vermeiden, stattdessen die Wertigkeit ihrer Blätter hervorkehren (s. auch das Interview mit Spiegel-Vermarktungschef Norbert Facklam). Nur zu gerne würden die beiden großen Titel ihre jeweiligen Gattungsgrenzen ein stückweit überwinden.
Insofern war es nur folgerichtig, dass Moderatorin Maria Gresz von Spiegel TV die beiden Chefredakteure zunächst fragte, was journalistische Qualität überhaupt ausmache. So richtig konkret fielen die Antworten nicht aus. Die Kollegen in der Redaktion müssten sich wohlfühlen, sagte Kister. Mascolo platzierte Eigenwerbung: Spiegel und SZ gehörten zu den besten Adressen, bei denen Journalisten in Deutschland arbeiten könnten. "Vermutlich gibt es deshalb kaum zwei Blätter, die sich gegenseitig so sehr versuchen gute Leute abzujagen", so der Spiegel-Mann weiter. Als Paradebeispiel musste SZ-Investigativmann Hans Leyendecker herhalten, der einst vom Spiegel zur SZ wechselte. Mascolo: "Ich trag ihnen die Sache nach, also passen sie auf, dass sie nun nicht zu weit gehen."
Gegenseitige Sticheleien und Seitenhiebe schienen den beiden Chefredakteuren Freude zu bereiten. Doch ebenso zogen sie erkennbar an einem Strang, um ihre Botschaften zu vermitteln: Zwei Köpfe, eine Meinung. Ihre Titel sehen sie als Beispiele für eine Gattung der Qualitätsmedien. Mascolo sagte, die wirkliche Konkurrenz verlaufe nicht mehr zwischen Vertretern der gleichen Gattung. Die Orientierungsmarken für den Spiegel seien nicht mehr in erster Linie der Focus und der Stern, sondern die SZ "und alle anderen die diese Art von Journalismus machen".
Das Anzeigengeschäft sei nach den goldenen Zeiten der 1980er und 1990er Jahren zwar schwieriger geworden, das gedruckte Tageszeitungsgeschäft dadurch jedoch nicht in Gefahr, so Kister. Hinzu komme der Tablet-Markt als weiterer Distributionsweg. Den sieht Mascolo für seinen Spiegel "auf Sicht auch im sechsstelligen Bereich", was den Verkauf betreffe – und das noch lange Zeit parallel zur Print-Ausgabe. Zudem registriere er auch in Zeiten des Internets eine "erstaunliche Markentreue". Kister ergänzte, dass gerade für Tageszeitungen gelte: "Exklusivität ist die heutige Geschwindigkeit." Die Druckausgabe müsse sich ob des Internets weiter verändern.
Interessant auch die Ankündigung Georg Mascolos, dass Spiegel-Korrespondent Thomas Schulz von New York ins Silicon Valley versetzt wird. Dort solle er über die neusten Entwicklungen berichten und gegebenenfalls sogar mit Geschäftsideen für den Verlag aufwarten.
Mascolo und Kister kritisierten die zu häufig fehlende Distanz zwischen Politikern und Journalisten in Berlin. Dies sei in Bonner Zeiten noch nicht so dramatisch gewesen. Ganze Redaktionen könnten Politiker jedoch nicht vereinnahmen. Auch wenn es immer Stimmungen gebe. Kister: "Die Stimmung im Fall Guttenberg in der Redaktion war: Guttenberg soll weg. Da muss man unheimlich aufpassen, dass aus so einer Stimmung nicht die Richtung wird."
Auf eine Publikumsfrage, ob Mascolo und Kister auch die Öffentlich-Rechtlichen Sender in ihren Zirkel der Qualitätsmedien einschließen, gab Kister einen Einblick in seine Sicht zum Streit um die Tagesschau-App. Er sehe nicht, dass viele Menschen eine kostenpflichtige App seines Blattes nicht nutzen würden, weil es eine kostenlose Anwendung von ARD oder ZDF gebe. Aus journalistischer Sicht spreche nichts gegen eine Zusammenarbeit mit den Sendern. Darüber hinaus stehe er aber "natürlich" hinter dem, was die Verlegerverbände fordern. Ausgewogenheit war an diesem Abend Trumpf.

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