Focus-App: solide, aber ohne „Wow“-Effekt

Publishing Es hat lange gedauert, bis der Focus auch aufs Tablet kam. Erst diesen Sonntag und damit über zwei Jahre nach dem Spiegel, erschien die erste Ausgabe für iPad und Android-Geräte. Warum hat Burda so lange gebraucht? Technische Innovationen sind in der App nicht zu finden. Das schmälert jedoch nicht das Paket, das der Focus anbietet: Die Tablet-Ausgabe ist solide gemacht und intuitiv zu bedienen. Wo es Sinn macht, bietet sie Mehrwert zum Heft. Aber eine Sache fehlt der App.

Werbeanzeige

Endlich ist der Focus für Tablet-PCs erhältlich. Zu finden ist er in Apples App-Store und im Play Store von Google. Doch aufgepasst: Neben der App "FOCUS Magazin" gibt es noch die fast gleichnamige Anwendung "Focus Magazine" vom britischen BBC. Print-Abonnementen erhalten das Nachrichten-Magazin, dass auf dem Tablet-Rechner pro Ausgabe derzeit etwa 330 MB Speicherplatz in Anspruch nimmt, ohne Aufpreis hinzu.
Alle anderen zahlen für eine Ausgabe derzeit 2,99 Euro, also deutlich weniger als die 3,70 Euro, die für das gedruckte Heft am Kiosk fällig werden. Für iOS-Geräte ist zudem ein Abo möglich. Damit ist der digitale Focus derzeit einen Euro billiger als die Konkurrenz vom Spiegel. Wie diese auch erscheint die Tablet-Ausgabe des Focus bereits am Sonntagmorgen.
Neben der früheren Erhältlichkeit, die laut Focus-Chefredakteur Uli Baur sogar eine Sonntagszeitung ersetzen könnte, bietet die Digital-Ausgabe weitere Vorzüge zum Heft: Video-Inhalte sind ebenso zu finden wie interaktive Elemente. In der aktuellen Ausgabe ist zum Beispiel ein langes Video zu alternativer Medizin von FocusTV eingebunden (im Text dazu heißt es irrtümlich: "auf dieser DVD"). Ein gelungenes Beispiel für eine interaktive Anwendung ist die Infografik zum Oktoberfest, mit der man sich als Leser länger auseinandersetzen kann und dabei selbst aktiv ist.

Gelungen: Infografik zum Oktoberfest
All diese Elemente bietet der Focus sehr dosiert. Das sei durchaus gewollt gewesen, verrät Baur in einem im Magazin enthaltenen Video zum Start der Digital-Ausgabe. Man wolle die App einfach und ohne unnötige Spielereien halten. Das ist den Münchnern gelungen. Zwar gibt es genau deshalb kein Effekt-Feuerwerk, sondern ein sehr textbasiertes E-Magazine, dafür jedoch ist die App sehr einfach und intuitiv zu bedienen.
Sie orientiert sich dabei an dem, was andere Magazine in den vergangenen Jahren erfolgreich veröffentlicht haben: Einzelne Geschichten gehen nach unten hin über den einzelnen Screen hinaus, nach rechts und links blättert man zu anderen Beiträgen. Die bevorzugte Ansicht ist das Querformat. Anders als die Konkurrenz vom Spiegel verzichtet der Focus auf eine zusätzliche Ansicht im Hochformat. Das spart den Machern Arbeit und Mehrkosten. Zwar geht dadurch etwas Funktionalität verloren, da die meisten Nutzer ihr Tablet für gewöhnlich jedoch im Querformat nutzen, ist dies erst einmal verschmerzbar.
Zur Navigation gibt es zudem die Möglichkeit, die einzelnen Seiten schnell durchzuscrollen und ein Inhaltsverzeichnis aufzurufen. Auch die Inhaltsseite dient der Navigation. Ein Klick hier führt direkt zum entsprechenden Artikel. Das vereinfacht den schnellen Einstieg ins Magazin.

Aus dem Inhaltsverzeichnis kann man direkt zum Beitrag springen
Der wird für Neulinge durch etwas anderes erschwert: Einzelne Unterrubriken verstecken sich hinter anderen. Bedeutet konkret: Die "Sprüche" befinden sich auf dem untersten Screen der Seite "Profile". Das mag der Print-Leser des Focus erwarten, ein Neukunde auf dem Tablet entdeckt dies jedoch nur, wenn er in der entsprechen Rubrik wirklich bis ans Ende der Seite navigiert.
In guter alter Print-Manier gibt es also auf vielen Seiten noch weiteres zu entdecken, ob dies auf dem iPad jedoch genauso funktioniert wie in einem Heft, wo stets die ganze Seite zu sehen ist, werden die Nutzer entscheiden müssen. Über angenehm oder verwirrend werden sie auch in einem anderen Punkt urteilen müssen.
Die Navigation innerhalb der Beiträge ist nämlich nicht einheitlich: Mal springen die einzelnen Screens beim nach unten wischen, mal gibt es einen stufenlosen Übergang, vergleichbar zu dem bei Websites im Browser. In manchen Rubriken taucht außerdem eine dritte Art der Navigation auf, bei welcher der Leser durch einen Klick die Ansicht wechseln kann.
Der erste Eindruck ist: Gerade Letzteres wurde in der aktuellen Ausgabe sinnvoll als Abwechslung eingesetzt. Der Wechsel zwischen Übergang mit und ohne Stufen stört zwar nicht weiter, scheint aber auch keinen speziellen Mehrwert zu liefern. Hier sollten die Macher noch nachlegen. Beide Formen der Navigation haben Vor- und Nachteile, diese sollten entweder genutzt werden oder aber ein einheitlicher Weg gewählt werden.
Fazit: Alles in allem hat der Focus eine technisch solide Tablet-Ausgabe verwirklicht, die dem Nutzer keine Eingewöhnungszeit abverlangt und sich eng, aber nicht zu eng, am Heft orientiert. In dieser Form kann die Digitalausgabe durchaus als Alternative zur Druckversion dienen. Gerade Gelegenheits-Leser sparen sich auf diese Weise den Weg zum Kiosk und bekommen einige Zusatz-Elemente. Dennoch muss die Frage erlaubt sein, warum man bei Burda so lange gebraucht hat, bis der Focus seinen Weg auf das iPad gefunden hat.
Gemessen daran, ist die App nämlich nur Durchschnitt. Was fehlt, ist der "Wow"-Effekt, die eine Idee, die Tablet-Nutzer und Branche beeindruckt und mit der man die Konkurrenz ein wenig aus der Reserve lockt. Bisher ist man im besten Fall lediglich mit dem Spiegel gleichgezogen. Nun muss die Devise aber lauten, nicht wieder zwei Jahre zu warten, bis man den nächsten Schritt macht. Stattdessen sollte der Focus sich vom soliden Grundstein aus weiter entwickeln und dabei nicht nur Etabliertes, sondern auch eigene Innovationen präsentieren.

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige