Der Rufmord-Stammtisch der Journalisten

Fernsehen Wenn in einer Talkshow zu einem aktuellen Aufregerthema ausschließlich Journalisten zusammensitzen, ist das kein gutes Zeichen. Bei “Beckmann” kauten Ines Pohl (taz) Ralf Wiegand (SZ) und Hajo Schumacher (Achim Achilles) das Thema Bettina Wulff in Abwesenheit der Hauptperson so lange durch, bis nur noch ein schaler Beigeschmack blieb. Erkenntnisgewinn wäre wahrscheinlich auch zuviel verlangt gewesen von so einer Runde, bei der alle beteiligten Personen durch Abwesenheit glänzten.

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Bettina Wulff selbst absolviert ihren ersten Talkshow-Auftritt nach Buchveröffentlichung am kommenden Dienstag bei “Menschen bei Maischberger”. Vertreter der von ihr veklagten Suchmaschine Google sagten die Teilnahme ab, da es sich um ein laufendes Verfahren handle. Der Rentner-Blogger aus Hamburg, den die Süddeutsche ausgegraben hatte und der die Rotlicht-Gerüchte erstmals im Netz veröffentlichte, gab Beckmann einen Korb, weil er laut Reinhold Beckmann nichts mehr mit Journalisten zu tun haben will.

Also blieb man unter sich beim Rufmord-Stammtisch in der ARD. Einigkeit herrschte in der Bewertung, dass Frau Wulff sich mit der Inszenierung keinen Gefallen tut. Ach was. Ralf Wiegand, der zusammen mit Hans Leyendecker den ersten großen Bettina-Wulff-Artikel am vergangenen Samstag verfasst hatte, zeigte sich “ein bisschen sauer", weil die SZ zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Artikels von der vorgezogenen Buchveröffentlichung nichts gewusst habe.

Die Vorab-Exemplare hat Frau Wulff lieber an die Bild-Zeitung schicken lassen. Auch eine Art von Statement. Hajo Schumacher regte sich, wie es seine Art ist – und dafür wird er ja eingeladen –, fürchterlich auf und produzierte Sprüche im Sekundentakt (“Selbst-Rufmord”). Ines Pohl schwankte zwischen mildem Verständnis für die Opferrolle vom Frau Wulff und geharnischtem Unverständnis über das Buch, das ja so furchtbar schlecht sei, wie sie an einer Stelle empört ausrief. Und Ralf Wiegand war ganz der sanfte Seriöse.

Warum die Süddeutsche bei all der offensiv zur Schau getragenen Seriosität und Moral-Hoheit so sicher ist, dass die “bösen Gerüchte” über eine erfundene Rotlicht-Vergangenheit von Frau Wulff ihren Ursprung in der CDU Niedersachsen haben, konnte er dann aber auch nicht wirklich erklären. Man habe die Gerüchte halt von CDU-Leuten gehört. Oder von Kollegen, die das von CDU-Leuten gehört hätten. Genausogut könnte man behaupten, die Gerüchte haben ihren Ursprung in Journalistenkreisen.

Nachdem alles mehrfach gesagt war, war man keinen Schritt weiter, hatte aber noch ordentlich Sendezeit übrig. Beckmann schickte die Kollegen weg. Die scherzten noch, man könne ja hinter der Bühne jetzt weiter Gerüchte verbreiten. Haha, Hoho. Um die Restsendezeit zu befüllen, traten nun auf: der Internet-Experte und Reputations-Retter Christian Scherg, der erstaunlich wenig zu sagen wusste, aber so schlau war, ein Buch mit dem Titel “Rufmord im Internet” zu schreiben, der frühere RTL-Sozialarbeiter Thomas Sonnenburg, der selbst auch mal im Netz gemobbt wurde und das Mobbing-Opfer Sylvia Hamacher. Ergebnis der zweiten Gesprächsrunde: Mobbing ist schlimm. Was man dagegen tun kann – man weiß es nicht so recht. So ist das halt, wenn man eine Talk-Sendung zu einem aktuellen Thema macht und keiner der Beteiligten in die Sendung kommt. Der Beckmann konnte einem an diesem späten Donnerstagabend fast ein bisschen leid tun. Fast.

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