Das iPhone-5-Paradoxon

Publishing Das US-Magazin Wired hat in einem Artikel das neue iPhone 5 von Apple als gleichzeitig “completely amazing” (“absolut großartig”) und “utterly boring” (“extrem langweilig”) bezeichnet. Was die Amerikaner da so treffend beschreiben, ist eine Art von iPhone-Paradoxon. Der Hype um das Apple-Smartphone ist zu einem hohlen Ritual des Immer-Besser geworden. Die Gier der Konsumenten nach dem “one more thing” kann schon lange nicht mehr erfüllt werden.

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Als Steve Jobs vor einer gefühlten Ewigkeit (2007) das allererste iPhone vorstellte, war dies eine Offenbarung in Sachen Technik, Design und Nutzerführung. Nichts weniger, als eine Revolution. Job tönte, dass Apple damit das Telefon neu erfunden habe. Das Irre war: Der Mann hatte Recht. Das iPhone begründete die Gattung des modernen Smartphone. Und zuvor hatte Apple ja schon den tollen iPod mit dem Click Wheel erfunden.

Steve Jobs Spruch mit dem “one more thing” war Legende, spätestens seit er mit diesen Worten scheinbar lapidar den ersten iPod aus dem Hut gezaubert und auch damit schon eine technische Revolution losgetreten hatte. Aber dieser Effekt ist nicht beliebig wiederholbar. Abnutzungseffekte sind unvermeidlich. Steve Jobs wusste das selbst wohl auch und verzichtete irgendwann auf den “one more thing”-Spruch – er wusste vermutlich, dass er die irreal überreizten Erwartungen nicht würde erfüllen können.

Aber so leicht lassen sich Kundschaft und Medien nicht runterkühlen. Apple-Blogs, Technik-Websites und Zeitungen begannen selbst darüber zu räsonieren, welches der neuen Apple-Produkte nun das “one more thing” seien, selbst als Jobs den Ausspruch gar nicht mehr benutzte. Und heute? Die Verwalter des Steve-Jobs-Vermächtnisses sprechen auf der schwarzen Bühne, die seltsam verlassen wirkt, vom “most beautiful product we ever made”. Aber das haben sie doch schon beim letzten Mal gesagt. Und beim Mal davor auch. Und das Produkt sieht auch genauso aus wie vorher. OK, es ist ein bisschen dünner und länger. Aber sonst? Achselzucken und weiter.

Die Neuerungen, die nunmehr als Sensation verkündet werden, drehen sich darum, dass die Kamera jetzt wieder ein bisschen besser ist. Der Prozessor ist schneller, der Akku hält länger, der Bildschirm ist ein bisschen größer. Und, bitte anschnallen, das Ding hat jetzt einen neuen Dock-Connector-Anschluss. One more boring Detail. Mal ganz ehrlich: solche Produktverbesserungen sind notwendig, um mit dem Stand der Technik zu gehen, aber sie kämen auch ohne großes Bühnen-Tammtamm aus.

Das neue iPhone 5 ist gewiss das beste iPhone, das es je gab. Ein ausgereiftes Produkt, das kaum noch zu verbessern ist. Und genau darin liegt das Paradoxon: Das Gerät ist besser denn je, aber es fehlt der Reiz des Neuen. Wir haben uns an die Perfektion des iPhones gewöhnt. Und Gewohnheit langweilt, selbst wenn sie perfekt ist. Das iPhone erinnert in diesem Sinne ein bisschen an den VW Golf. Als dieser erstmals vorgestellt wurde, war das Auto auch revolutionär. Seither wurde der Golf immer wieder verbessert, bis er jenen Grad an Perfektion erreichte, den er heute hat. Neue Modelle werden seither zwar noch interessiert aber auch mit einer gewissen Gleichgültigkeit zur Kenntnis genommen. Für die Apple-Führung in der Nach-Steve-Jobs-Ära wird die erste echte Bewährungsprobe darum erst noch kommen, wenn es ein wirklich neues Produkt zu präsentieren gibt. Dann wird sich zeigen, ob die Firma auch ohne ihren visionären und perfektionistischen Gründer auskommt. Das iPhone ist inzwischen Alltag geworden.

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