Der iPad-Playboy klebt zu dicht am Heft

Publishing Statt umblättern heißt es ab sofort wischen: Am Mittwoch ist die erste Tablet-Version des deutschen Playboy erschienen. MEEDIA hat sich die Digitalversion des Bunny-Magazins auf dem iPad angesehen. Fazit: Es gibt noch viel Luft nach oben. Zwar sind die Navigation und interaktive Elemente gelungen, an anderen Stellen bleibt das Magazin aber hinter den Möglichkeiten zurück und entspricht auch nicht den Nutzergewohnheiten. Offenbar orientieren sich die Macher noch zu dicht an der Print-Version.

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Es könnte das Magazin sein, dass die Nutzer älterer Tablets am stärksten neidisch werden lässt auf ihre Kollegen mit einem der neuen iPads mit hochauflösendem Retina-Display: Der Playboy kommt in seiner aktuellen Ausgabe 10/2012 erstmals auf das Tablet. Der Einführungspreis liegt mit 3,99 Euro sogar unter dem des Heftes. Erwartet den Leser deshalb auch weniger?
Nein, auf keinen Fall. Wie auch bei anderen Magazinen üblich, haben sich die Macher einige Extras für die Digitalversion überlegt. Konkret sind das zum Beispiel Making-of-Videos der Playmate-Shootings. Außerdem kann der Nutzer viele Bilder vergrößern. Gelungen ist auch das übersichtliche Inhaltsverzeichnis, das man von jeder Seite aus ansteuern kann und aus dem heraus es direkt in die jeweilige Geschichte springen lässt.
Hinzu kommen interaktive Anwendungen. Ein Beispiel dafür ist das "10-Thesen" Interview mit US-Ökonom Paul Krugman. Hier kann der Leser sich durch die einzelnen Thesen klicken. Doch man muss auch kritisieren: Ein paar – durchaus gelungne – interaktive Elemente allein machen noch keine gute iPad-Ausgabe einer Zeitschrift aus.
Kein Querformat, kein Zoom
Der Playboy verschenkt zu viel Potential. An aller erster Stelle zu nennen wäre hier das fast vollständige Fehlen des Querformats. Der iPad-Playboy orientiert sich sehr eng am Heft und ist im Hochformat angelegt. Das aber widerspricht den Nutzergewohnheiten. Schon auf den ersten Seiten erwartet den Leser daher der Schriftzug "Für diese Seite steht leider keine Queransicht zur Verfügung. Bitte drehen Sie ihr Tablet wieder ins Hochformat."

Ärgerlich: Das beliebte Querformat bleibt fst ungenutzt
Das Querformat kommt auch bei Videos nicht zum Einsatz, was besonders ärgerlich ist. Anwendung findet es nur bei einigen Bildern. Dann aber auch recht umständlich. Hierbei wird auf der Seite im Hochformat mit einem Logo symbolisiert, dass das Bild der Seite im Querformat ohne Schrift und in einem größeren Ausschnitt zu sehen ist.
Wer erwartet, bei den Bildern per Geste näher an die leicht bis gar nicht bekleideten Damen heranzoomen zu können, wird ebenfalls enttäuscht. Mehr als die Vollauflösung des iPad geben die Fotos nicht her.
Ohnehin scheinen sich die Macher des Digital-Playboy nicht ganz auf die zusätzlichen Dimensionen einlassen zu wollen, die das iPad bietet. So findet die Navigation über das Wischen ausschließlich nach rechts und links statt. Geht ein Artikel über mehrere Screens, muss der Leser weiterhin Seiten nach links schieben. 
Zu sehr am Print-Produkt orientiert
Andere Magazine lösen das eleganter. Dort ist die Navigation nach links und rechts jeweils neuen Beiträgen vorbehalten. Braucht ein Beitrag mehr als einen Screen, geht dieser nach unten hin weiter. Nutzer, die mehrere Magazine auf dem iPad lesen, werden dies auch zunächst beim Playboy versuchen und enttäuscht werden.
Ein weiteres Beispiel ist das Wiesn-Special der Ausgabe. In dem befindet sich eine Infografik, in der man mehrere Punkte anklicken kann. Allerdings wird diese wie in einem Print-Magazin – wo man die Seiten wenigstens nebeneinander aufgeklappt sieht – auf zwei Seiten im Hochformat aufgeteilt. Spätestens hier hätte das Quer-Format zum Einsatz kommen müssen.

Unverständlich: Zwei getrennte Hochformat-Seiten für eine Infografik
Herzlich streiten lässt sich über die zum Teil integrierten Produkt-Links. So verweisen im iPad-Magazin Links zum Beispiel auf Stellen, an denen die beschriebenen Musiktitel oder Autos erhältlich sind. Ist das Leser-Service oder Werbung? Eine Grauzone.
Eine weitere Besonderheit des iPad-Playboy ist das technische Format, einhergehend mit dem Vertrieb. Die Digitalausgabe basiert auf HTML5. Das ist für gewöhnlich etwas ruckeliger als eine native App, funktioniert in diesem Fall aber überraschend flüssig. Die Programmierung macht es zudem möglich, die Ausgabe einfacher an andere Tablet-Geräte anzupassen. Im kommenden Jahr sollen auch Versionen für Android- und Windows-Geräte folgen.
Internet-Verbindung immer notwendig
Der Aufbau in HTML5 ermöglicht zudem eine browserbasierte Darstellung. Das erlaubt es dem Playboy, das Magazin direkt über die eigene Website zu vertreiben und nicht den Weg über den App-Store nehmen zu müssen. Hier wären ob der strengen Richtlinien in Sachen Pornografie Probleme erwartbar gewesen.
Das Problem ist jedoch ein anderes: Das Magazin wird nicht auf das iPad geladen und ist dann offline verfügbar, sondern muss über das Internet abgerufen werden. Zum Lesen ist also eine Internetverbindung notwendig. Dafür geht jedoch kein Speicherplatz verloren.
Lohnt sich also der Kauf der iPad-Version? Print-Abonnenten erhalten die Tablet-Version ohnehin kostenlos. Für Einzelkäufer oder Neulinge gilt: Wer gerne Magazine auf dem iPad liest, für den lohnt sich ob des geringeren Preises derzeit die digitale Version. Der Preis ist allerdings nur ein "Startpreis". Außerdem ist da der Haken mit der nötigen Internet-Verbindung. Für unterwegs könnte demnach weiterhin das Heft das Produkt der Wahl sein, wenngleich nicht unerwähnt bleiben sollte, dass eine offline aufrufbare PDF-Version im Digital-Preis inbegriffen ist.
Einzig aufgrund der Extras lohnt sich der Kauf der iPad-Ausgabe aber derzeit noch nicht. Vielleicht tut sich hier in den kommenden Ausgaben noch etwas. Bleibt also einzig der Vorteil, das Magazin auf dem iPad besser vor Passanten verstecken zu können. Aber die Zeiten, in denen das Heft noch versteckt wurde, sind eigentlich ja ohnehin vorbei.

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