Die Hassliebe zwischen Medien und Ultras

Fernsehen Die Anziehungskraft zwischen Fußball-Ultras und Medien ist bemerkenswert groß. Denn beide Seiten profitieren: Storys über die Hardcore-Fans laufen bestens und verschaffen den Ultras ein hohe Aufmerksamkeit. Ein Beleg für diese These: Donnerstagnacht rief der Initiator der Facebook-Gruppe, die den Ex-Kölner Kevin Pezzoni bedrohte, im WDR-Talk "Domian" an. Er zeigte wenig Verständnis für Kritik an ihm, hatte aber ausgerechnet mit seiner Medienschelte Recht.

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Die Bilder aus der vergangenen Fußball-Saison vom DFB-Pokal-Spiel Dresden gegen Dortmund, die vom 2.-Liga-Relegationsspiel zwischen dem Karlsruher SC und Jahn Regensburg und die vom letzten Bundesliga-Spiel des FC Köln sind vielen Fußball-Fans noch in trauriger Erinnerung. Es waren negative Höhepunkte unkontrollierten Fan-Verhaltens. Ein Thema, das die vergangene Bundesliga-Saison regelmäßig begleitete.
Pünktlich zur neuen Saison steht das Thema wieder auf der Medienagenda. Gesprächsstoff liefert einmal mehr der FC Köln, der sich nun zwar eine Spielklasse tiefer, dafür jedoch erneut in den unteren Tabellengefilden wiederfindet. Negativschlagzeilen machte die Fanszene, als der Vertrag mit FC-Spieler Kevin Pezzoni aufgelöst wurde. Der wurde zuvor von FC-Anhängern auf Facebook, aber auch vor der eigenen Wohnung bedroht.
Der Gründer der entsprechenden Facebook-Gruppe rief in der vergangenen Nacht beim WDR-Talkradio "Domian" an. Der Anruf ist ein interessantes Beispiel dafür, wie einige Akteure der Szene offenkundig die Beachtung durch die Medien genießen. 
Im Telefonat zeigte sich der Gruppen-Initiator wenig einsichtig. Das Resultat – die Vertragsauflösung von Kevin Pezzoni – sei aus seiner Sicht völlig in Ordnung, aber den Weg dahin hätte man "ein wenig anders lösen können". Er selbst habe sich an den weiteren Drohungen nicht beteiligt, aber andere Leute, die der Anrufer durchaus zu kennen scheint und mehrfach als "die Jungs" bezeichnete. Zudem sagte der Anrufer, er habe zu drastische Beiträge zu moderieren versucht.
Damit findet sein Verständnis für Kritik aber schon ein Ende. Ob er zu naiv an die Sache herangegangen sei, fragte Domian. Die Antwort: "Ich würde mal sagen, das war auch Alkohol-bedingt." Später gab der Anrufer noch an, vorbestraft zu sein, weil er Leverkusen- und Gladbach-Fans angegriffen habe.
Der Kölner wiederholte aber mehrfach auch, die Medien hätten ihren Teil zu der Geschichte beigetragen. Weil diese zu reißerisch und fehlerhaft berichtet hätten. Das klingt zwar etwas seltsam, wenn die Kritik aus dem Mund eines gewaltbereiten Fans kommt. Aber: Ganz am Ziel vorbei schoss er mit der Medienschelte dennoch nicht. 
Auch Fanforscher Gunter A. Pilz weist in einem Interview mit dem Kicker (Ausgabe vom 6. September) darauf hin, dass die professionellen Medien die Reichweite einiger radikaler Fans unverhältnismäßig stark erweitern. Er sagt: "Ein Teil der Ultras hat gemerkt, dass sie durch eine gute Organisation und eine intelligente Vernetzung unheimlich viel Macht haben und diese Macht ganz geschickt ausnutzen können, indem sie mit den Medien spielen."
Pilz empfiehlt daher den Journalisten, sich nicht auf jede Bemerkung zu stürzen. Zwischen einer Drohung und deren Umsetzung sei ein großer Unterschied. "Viele Journalisten bedienen sich einfach nur der Ultra-Foren und zitieren daraus", berichtet Pilz. Dies führe dazu, dass einige der "Fans" dächten, sie könnten sich alles erlauben.
Vielleicht sollten sich mehr Journalisten diese Gedanken des Fanforschers zu Gemüte führen. Talk-Master Jürgen Domian jedenfalls tat, als sein Anrufer nach dem selbstentlarvenden Gespräch noch seine Freunde grüßen wollte, das einzig richtige: Er drehte ihm den Ton ab.

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