Das Riesenprogramm von Julia Jäkel

Publishing Gruner + Jahr hat für das Deutschland-Geschäft mit Julia Jäkel eine starke Frau an der Spitze. Die Personalie wird als kluge Entscheidung aus Gütersloh, dem Sitz der Muttergesellschaft Bertelsmann, gewertet. Nun kommt eine kurze Phase des Durchatmens, dann stehen schwierige Aufgaben für Jäkel an. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch der Chefredakteur ihres Vertrauens: Stephan Schäfer. Auch auf ihn kommen womöglich noch mehr Aufgaben zu. Und bei der Gala steht bald schon ein Wechsel an.

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Schäfer gilt schon jetzt am Baumwall als Jäkels Mann für alle Fälle. Er führt bisher die Redaktionen von fünf Titeln: Schöner Wohnen, Essen & Trinken, Häuser, Couch und Brigitte. Den Top-Job bei Brigitte bekam er von Julia Jäkel erst kurz, bevor sie selbst in die Top-Führungsriege des Hauses aufstieg. Und die Revitalisierung des Frauen-Flaggschiffs von Gruner + Jahr ist gleichzeitig die nächste große Aufgabe für Schäfer und die erste Bewährungsprobe für Jäkel als Deutschland-Vorstand.

Als erste Amtshandlung bei Brigitte hat Schäfer die PR-Nummer mit der „No-Models“-Kampagne beendet, die von Beginn an unter keinem guten Stern stand – sahen doch die vermeintlichen Frauen von Nebenan auch nicht viel anders als die professionellen Models. Brigitte ist der erste Prüfstein für das dynamische Duo Schäfer/Jäkel – es wird nicht der einzige bleiben.

Die vielleicht größte und schwierigste Herausforderung im Hause G+J heißt Stern. Das Wochenmagazin ist die wichtigste Marke des Verlags. Seit nunmehr 13 Jahren wird der Stern vom Chefredakteurs-Duo Thomas Osterkorn und Andreas Petzold geführt. Das ist für das bewegte Blatt eine Ära von beispielloser Kontinuität. Osterkorn und Petzold haben allen Unkenrufen zum Trotz bewiesen, dass eine Doppelspitze funktionieren kann, ihr Spitzname Osterpetz spricht Bände. Mit Neon haben sie die erfolgreichsten Zeitschriften-Neugründung Gruners der letzten Jahre aus dem Stern heraus gestemmt. Das Fotografie-Magazin View wurde dauerhaft erfolgreich als Stern-Beiboot am Markt platziert und mit Viva, einem Magazin für die reifere Generation, befindet sich ein weiteres recht viel versprechendes neues Eisen im Feuer.
Zuletzt wurde mit dem früheren SZ-Magazin-Chefredakteur Dominik Wichmann ein Hoffnungsträger als Vize an Bord geholt, der den Stern in eine neue, digitale Zeit führen soll. Also alles paletti beim Stern? Nein. Die Süddeutsche Zeitung und andere Medien spekulierten im Umfeld des aktuellen Wechsels im Vorstand auch immer laut über einen möglichen Wechsel an der Stern-Spitze. Der in Sachen Bertelsmann stets gut informierte SZ-Mann Hans-Jürgen Jakobs notierte mit Verweis auf Gütersloh: „Nach zehn Jahren gelten die beiden Stern-Chefredakteure als ausgelaugt, im Digitalen gebe es null Fortschritt.“ Nun sind es in der Tat schon 13 Jahre und keine zehn, aber solche Spekulationen kommen nicht aus dem luftleeren Raum.

Dass es „null Fortschritt“ im Digitalen beim Stern gebe, ist allerdings ein bisschen unfair. Zwar hat Bernd Buchholz sich und dem Stern mit seiner frühen Festlegung auf das windige Tablet-Projekt WeTab ein Bein gestellt und wertvolle Zeit verloren – später wurde aber eine mehr als respektable Digital-Ausgabe des Stern fürs iPad nachgeschoben. Im Web allerdings hat der Stern trotz vieler Anläufe seine Rolle immer noch nicht gefunden. Hier steht nur eines fest: Spiegel Online und Bild.de sind als News-Portale enteilt. Dieser Konkurrenz nachzueifern, ergibt für den Stern keinen Sinn mehr. Der Stern müsste sich digital neu zu erfinden, er müsste lernen, als Marke „zunächst digital zu denken“, wie es Stern-Erneuerer Wichmann im MEEDIA-Interview ausdrückte.
Abseits vom Tagesgeschäft wird beim Stern schon jetzt intern an alternativen Blattkonzepten gearbeitet. Wichmann leistet hier viel Entwicklungsarbeit und gilt im Hause weiterhin als Mann der Zukunft beim Stern. Eine im Verlagsumfeld gehandelte Variante ist, dass Osterkorn und Petzold mittelfristig auf eine Herausgeberposition wechseln und die erfolgreichen Stern-Beiboote weiter betreuen. Als möglich gilt, dass Multi-Mann Stephan Schäfer sogar beim Stern künftig eine Rolle spielen könnte, wenn auch wahrscheinlich nicht an vorderster Front. Eine von Schäfers Kompetenzen ist es, sich nach erfolgreicher Positionierung eines Blattes in der operativen Leitung schnell entbehrlich zu machen, indem er starke Stellvertreter aufbaut, die das Tagesgeschäft führen. Wenn der Brigitte-Job abgehakt ist, könnte er sich der nächsten Baustelle widmen. Bisher hat Schäfer stets schnell und effektiv genau das umgesetzt, was sich Jäkel vorgestellt hat. Die beiden sind in dieser Beziehung ein eingespieltes Team.
Ein weiteres Magazin des Hauses, bei dem die Zeichen auf Wandel stehen, ist die Gala. Chefredakteur Peter Lewandowski leitet das People-Magazin seit numehr elf Jahren. Er gilt als verdienter Mann und versierter People-Journalist. Eine schlüssige digitale Strategie ist bei der Gala aber nicht zu erkennen und die Auflage steht – wie fast überall – unter Druck. Dass es bei dem People-Magazin bald schon zu einem Wechsel an der Spitze kommt, gilt als ausgemachte Sache. Als aussichtsreichster Kandidat für eine Nachfolge Lewandowskis gilt Christian Krug. Neben Schäfer soll auch Krug das Vertrauen der neuen Deutschland-Chefin Julia Jäkel besitzen. Der frühere Max-Chefredakteur wäre auch schnell verfügbar, er leitet für die Corporate Publishing-Sparte von G+J derzeit die Lufthansa Magazine.
Und als wäre das alles nicht schon genug, wird von der neuen Chefin auch noch erwartet, dass sie das leidige Problem mit der Wirtschaftspresse löst. Frohe Botschaften dürfte es in diesem Zusammenhang vor allem für die Financial Times Deutschland nicht zu verkünden geben. Die Zeitung hat in vielen verlustreichen Jahren gezeigt, dass es für sie hierzulande keinen Markt gibt. Es ist zu erwarten, dass bittere aber notwendige Konsequenzen gezogen werden. Das muss nicht bedeuten, dass sich G+J komplett aus dem Segment der Wirtschaftsmedien verabschiedet. Mit Capital hat der Verlag immer noch eine starke alte Marke, die in den vergangenen Jahren zu Gunsten von Rettungsaktionen für die FTD sträflich vernachlässigt wurde. Und das Digital-Geschäft oder Nischentitel wie die Eigenentwicklung Business Punk lassen sich möglicherweise auch noch ausbauen.

Julia Jäkel eilt der Ruf voraus, dass sie kompetent und durchsetzungsstark ist, mit dem Willen und der Kraft, zu gestalten. Gut so. Denn zu gestalten gibt es bei Gruner + Jahr eine ganze Menge.

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