G+J: Julia Jäkel folgt auf Bernd Buchholz

Publishing Die schwelende Führungskrise beim Zeitschriften-Konzern Gruner + Jahr ist beendet: Der Aufsichtsrat hat heute Julia Jäkel mit sofortiger Wirkung als Nachfolgerin von Bernd Buchholz in den Vorstand berufen. In ihrer neuen Position verantwortet Jäkel künftig das Zeitschriften- und Digitalgeschäft von G+J in Deutschland. Die 40-Jährige ist gleichberechtigt mit Auslandsvorstand Torsten-Jörn Klein, 48, und Finanzvorstand Achim Twardy, 52. Bernd Buchholz, 50, scheidet im Gegenzug "einvernehmlich" aus.

Werbeanzeige

Die Personalie, über die auch MEEDIA schon spekulierte, ist eine Riesenüberraschung und kommt zugleich nicht von ungefähr: Jäkel ist die Senkrechtstarterin unter den Top-Managern und erledigte die ihr bisher gestellten Aufgaben am Baumwall mit Bravour. Aufgrund ihrer Verdienste im früheren Verlagsbereich Exclusive & Living hatte Jäkel in diesem Jahr bereits eine erheblich erweiterte Verantwortung übernommen, als sie auch die Zuständigkeit für die Frauen-Gruppe des zur Motorpresse abgewanderten Verlagsgeschäftsführers Volker Breid erhielt. Die Gesamtgruppe, die u.a. den kriselnden Traditionstitel Brigitte umfasst, firmiert seither als G+J Life.

Damit ist Jäkel bereits eine der wichtigsten Größen im G+J-Reich. Zudem werden der Managerin allseits beste Kontakte zu den nicht immer einigen Gesellschaftern bescheinigt: Jäkel "kann" mit den Bertelsmännern und -frauen (dort startete sie ihre berufliche Laufbahn) ebenso wie mit der Familie Jahr, der die publizistische Seite und das Festhalten am Premium-Anspruch im Zeitschriftengeschäft besonders wichtig ist. Auf beiden Seiten genießt Jäkel Vertrauen, weil sie a) bewiesen hat, schlingernde Titel wieder auf die Spur bringen zu können und b) eine auch kaufmännisch beeindruckende Bilanz vorweisen kann. Jäkel steht für Wachstum und den unerschütterten Glauben an die Zukunftsfähigkeit des Gedruckten, und im branchenweit eher rezessiven Zeitschriftenbereich ist das eine Message, die auch bei den langfristig denkenden Gesellschaftern vortrefflich ankommt.

Aus Sicht von Bertelsmann ist die Entscheidung für Jäkel eine zwar mutige, aber auch kluge Wahl. Der Schritt wirkt wie ein Befreiungsschlag nach all der Kritik, die sich Deutschlands größter Medienkonzern im Umgang mit dem in Ungnade gefallenen CEO der Zeitschriftensparte gefallen lassen musste. Jäkel ist weiblich, jung und steht für eine ungebrochene Aufbruchstimmung. In Zeiten der Diskussionen um die Frauenquote in Top-Positionen ist ihre Ernennung ein Signal, das branchenweit Maßstäbe setzt. Und vielleicht ist es eine Sache des Augenmaßes, dass der Aufsichtsrat die Personalie nicht übergeigt: Jäkel tritt gleichberechtigt ins Vorstandstrio ein, nicht aber als Supermanagerin und Top of the Pops. Das sollte dazu beitragen, die Enttäuschung zu schmälern, die vor allem der verdiente Auslandsvorstand Torsten-Jörn Klein empfinden dürfte, der bei der Wahl des G+J-Oberhäuptlings nun allem Anschein nach zum zweiten Mal übergangen wurde.

Zugleich wirkt das nun beschlossene Führungskonstrukt auch kompliziert und latent fragil. Denn: Es gibt derzeit ausdrücklich keinen Vorstandsvorsitzenden von G+J. Entsprechend wird auch zunächst keines der drei Vorstandsmitglieder den vakanten Posten im Bertelsmann-Vorstand einnehmen. Was passiert, wenn sich die Pares nicht einig sind und ein Primus fehlt? Finanzvorstand Twardy übernimmt, wie es heißt, zusätzlich zu seinen bisherigen Aufgaben als Finanzvorstand und Leiter Corporate Services wieder die Verantwortung für den Bereich Operations. Weitgehende Einigkeit der Dreier-Combo wäre ein nach innen wie außen stabilisierender Faktor, der gegenläufigen Szenarien den Schrecken nehmen würde. Teamplay ist gefragt, ansonsten wäre die bis auf weiteres CEO-freie Zone ein potenzieller Problemherd. Obwohl darin eine Schwäche der nun überraschend zeitnah gefundenen Personallösung liegt, die durchaus Interpretationsspielraum für die langfristigen Machtverhältnisse im Zeitschriftenverlag lässt, sollte daraus keinesfalls geschlossen werden, dass die Beförderung von Jäkel etwas Vorläufiges hätte. Die 40-Jährige ist weder Interims-Chefin noch Platzhalterin; mit ihr ist am Baumwall in Zukunft zu rechnen.

Und in jedem Fall erwartet die Powerfrau ein Riesenprogramm. Erst im März ist die Ehefrau des langjährigen "Tagesthemen"-Moderators Uli Wickert Mutter von Zwillingen geworden, und ihr Projektordner ist bereits beträchtlich gefüllt: Nach den Relaunches von Schöner Wohnen und Essen & Trinken steht die knifflige Repositionierung der Brigitte auf dem Programm, warten von morgens bis abends Dinge, die zur Entscheidung anstehen. Die Geschäftsführung der Verlagsgruppe Life erledigt Jäkel übrigens weiter mit. Sicher: Jäkel hat ein kampferprobtes Team um sich geschart. Doch das, was jetzt auf sie zukommt, ist von einem ganz anderem Kaliber. Es wird darauf ankommen, ob die auch von MEEDIA dereinst hochgewettete Managerin in der neuen Position das stabile Umfeld hat, in dem sie ihre Stärken ausspielen kann: Produktkompetenz, Vermarktungsgen und die Entschlossenheit, notwendige Maßnahmen konsequent umzusetzen. All das wird sie brauchen, denn im Zeitschriftenbereich dürften weitere, teils unpopuläre Maßnahmen anstehen. Mehr dazu später bei MEEDIA.

Aus Sicht von Gruner + Jahr ist die Berufung Jäkels auf jeden Fall ein stabilisierender Faktor. Angesichts der immer wieder auftauchenden Spekulationen, Bertelsmann erwäge einen Verkauf des Verlagshauses, ist ihre Berufung ins Spitzenamt als Bekenntnis zu werten, dass sich der Mutterkonzern dem Zeitschriftengeschäft verpflichtet fühlt. Und selbst für den Fall, dass der von Bertelsmann-CEO Thomas Rabe angestrebte Anteilstausch und G+J-Rückzug der Familie Jahr nicht zustande käme, könnte Jäkel sich auch in diesem – unwahrscheinlichen – Szenario der Unterstützung der Hamburger Verleger-Dynastie gewiss sein. Ihre Ernennung ist für Bertelsmann wie Gruner + Jahr eine Chance. Risiken und Nebenwirkungen ausdrücklich nicht ausgeschlossen.

Bertelsmann-Vorstandschef Rabe, zugleich Aufsichtsratsvorsitzender der Gruner + Jahr AG, stellt den G+J-Führungskräften am Nachmittag im Hamburger Verlagsfoyer die neue Vorstandsfrau persönlich vor. Rabe kommentiert den Wechsel wie folgt: "Mit Julia Jäkel haben wir eine hervorragende Managerin mit hoher verlegerischer Kompetenz für das Zeitschriften- und Digitalgeschäft in Deutschland gefunden. Mit ihr, Torsten-Jörn Klein und Achim Twardy wird Gruner + Jahr nun von einem Team erfahrener Verlagsmanager geführt. Mit dieser neuen Struktur ist Gruner + Jahr bestens aufgestellt, um seine starke Position im europäischen und internationalen Mediengeschäft auszubauen und insbesondere die Digitalisierung von Inhalten und Marken voranzutreiben. Bertelsmann und die Familie Jahr werden sich als Gesellschafter dafür einsetzen, dass sich Gruner + Jahr erfolgreich weiterentwickeln kann."

Die neue Deutschland-Chefin Jäkel sagt: "Gruner +Jahr Deutschland steht für Marken von großer publizistischer Tradition und für eine Vielzahl junger, erfolgreicher Medienprodukte. All diese Marken sind verankert in unserer Gesellschaft. Ich freue mich auf die Aufgabe, G+J Deutschland, gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen, in eine gute Zukunft – Print und digital – zu führen. Gleichzeitig freue ich mich sehr auf die Zusammenarbeit mit den erfahrenen Kollegen Torsten-Jörn Klein und Achim Twardy im Vorstand von Gruner + Jahr."

Für den scheidenden Vorstandschef, der das Haus noch heute verlassen wird, findet Thomas Rabe – endlich – versöhnliche Worte: "Ich bedanke mich bei Bernd Buchholz für die erfolgreiche und engagierte Arbeit in den vergangenen Jahren, auf die der neu zusammengesetzte Vorstand nun gesamtverantwortlich aufbauen wird." Buchholz selber sagt zum Abschied: "Ich bedanke mich bei Gesellschaftern und Aufsichtsrat, vor allem aber bei meinen Vorstandskollegen, den Führungskräften sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für viele Jahre der Zusammenarbeit, die ich als großes Privileg empfunden habe."

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige