Das Spekulations-Dickicht rund um G+J

Publishing Das zerrüttete Verhältnis zwischen Gruner + Jahr und Konzernmutter Bertelsmann beschäftigt die Branche. Dass G+J-Chef Bernd Buchholz am Mittwoch sein Vorstandsmandat bei Bertelsmann hinschmiss, eröffnete eine neue Runde an Spekulationen und Geraune: Wer wird der neue Gruner-Boss? Wie hoch ist die Abfindung von Bernd Buchholz? Muss er bald in einem unklimatisierten Büro in Südostasien Dienst verrichten? MEEDIA schafft Ordnung im Spekulations-Dickicht.

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Ein bisschen zu spät, nämlich exakt eine Woche, kommt am Donnerstag die gute, alte FAZ. Die Zeitung für kluge Köpfe hat sieben Tage gebraucht, um in einem Artikel im Wirtschaftsteil ziemlich exakt und sehr ausgeruht den Info-Stand aufzuschreiben, mit dem das manager magazin vergangenen Donnerstag die ganze Sache ins Rollen brachte: Dass die Jahr-Familie bei G+J aussteigen will, dass ihre G+J-Anteile gegen Bertelsmann-Anteile getauscht werden sollen usw. Die FAZ lässt “unternehmensnahe Kreise” raunen, dass der Abschied von Bernd Buchholz als G+J-Vorstandschef nun “nur noch eine Frage der Zeit” sei. Für solche Einschätzungen bracht es freilich auch keinen Summa-Cum-Laude-Abschluss in Hellseherei. Interessantes Detail am Rande: Die FAZ weiß noch, dass die jüngsten Gruner-Quartalszahlen ganz mies sein sollen. Klingt alles ziemlich nach Gütersloh-Point-of-View. Als Nachfolge-Kandidat für Buchholz wirft die FAZ den Namen von Gruner-Managerin Julia Jäkel in die Runde. Immerhin das ist ein bisschen originell.

Der in kürzester Zeit zum Bertelsmann-Gruner-Spezialmedium avancierte Ösi-Online-Dienst Newsroom weiß wiederum, dass Spiegel-Geschäftsführer Ove Saffe “als aussichtsreichster Kandidat” für die Buchholz-Nachfolge gilt. Der war ja mal stern-Geschäftsführer und habe als Spiegel-Geschäftsführer “bewiesen, wie ein Verlag im Internet Geld verdienen kann.” Nichts gegen Herrn Saffe – aber den Erfolg von Spiegel Online ganz und gar ihm zuzuschreiben ist dann doch vielleicht ein bisschen eine steile These. Ansonsten gefällt Newsroom mit lustigen Spekulationen über das Abfindungs-Prozedere von Bernd Buchholz. Sein Vertrag laufe bis 2016 und er habe Ansprüche auf eine zweistellige Millionen-Summe. Dieser Betrag sei aber so fantastisch hoch, dass ihn der Milliardenkonzern Bertelsmann nicht zahlen kann bzw. will. Als Alternative stehe darum im Raum, dass Buchholz statt G+J zu leiten für die Bertelsmann-Service Firma Arvato “an vorderster Front” in Südostasien Aufgaben übernehmen könne. Vermutlich in einem kleinen, unklimatisierten Büro mit kaputtem Ventilator (diese nicht ganz ernst gemeinte Spekulation stammt nicht von Newsroom, sondern von uns).

Hans Jürgen-Jakobs steuert in der Süddeutschen atmosphärische Einsprengsel zum Drama bei. Zum Beispiel, dass Buchholz “mit offenem Visier” kämpfen und nicht als “Konzern-Marionette” dastehen will. Das hat Buchholz laut SZ-Informationen mit Juristen und seiner Frau (!) besprochen. Es folgt die SZ-Einschätzung, bei G+J sei jahrelang Stillstand verwaltet worden sei, die besten Zeiten schon länger vorbei sind und es im Digitalen “null Fortschritt” gebe. Zitat: “Buchholz sann auf neue kleine Titel wie Beef. Das war lustig und kostete wenig … Auch die stern-Chefredakteure gelten laut Süddeutscher “nach zehn Jahren” als “ausgelaugt”. Kann ja gar nicht sein, Herr Jakobs! Das Alpha-Männchen-Gespann Osterkorn/Petzold ist schließlich schon seit 13 Jahren am stern-Ruder! Schließlich charakterisiert die SZ Buchholz noch als “feierfreudigen Manager”, der im Smoking “bella figura” mache. Freundlich liest sich das alles nicht. Eher sogar ein bisschen gemein. Als Nachfolgekandidat wird mit G+J-Auslandsvorstand Torsten-Jörn Klein ein Standard-Kandidat genannt.

Pfiffiger sind da schon die Nachfolger-Spekulationen von Kai-Hinrich Renner im Hamburger Abendblatt. Bertelsmann-Vorstandsmitglied Thomas Hesse wurde zwar auch schon öfter genannt, aber Sony-Music-Chef Edgar Berger und Fernando Carro, Chef der Direct Group bei Bertelsmann, sind frisches Spekulationsfutter. Die Ablöse könne aber auch noch ein bisschen dauern, meint Kai-Hinrich Renner.

Mitleid mit Bernd Buchholz hat Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart. In seinem aktuellen Morning-Briefing ruft er ihm nach: “Buchholz war ein bei Mitarbeitern und Kunden beliebter und im schwierigen Mediengeschäft erfolgreicher Manager. Er hätte einen anderen Abgang verdient. Möge ihm sein angeborener Optimismus in der Stunde der Niederlage dienlich sein.” Klingt so, als sei der Buchholz schon weg. Ist er aber ja gar nicht.

Bleibt nur noch, auf eine Buch-Veröffentlichung von Bertelsmann-Gründer Reinhard Mohn aus dem Jahr 2000 zu verweisen: “Menschlichkeit gewinnt: Eine Strategie für Fortschritt und Führungsfähigkeit.” Wieso nur fällt uns ausgerechnet dieser Buchtitel bei den aktuellen Vorgängen im Hause Bertelsmann ein?

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