„Ich wäre auch ein guter Priester geworden“

Publishing Deutschlands endgültigstes Satire-Magazin Titanic polarisiert. Der Mann an der Spitze der Redaktion: Leo Fischer, 31, wird mit der Titanic aktuell vom Papst verklagt. In Berlin sprach er mit Christopher Lesko in einem papstlosen Interview über Stationen seines Weges: Fischer erzählt im ersten Teil, warum Regensburg seinen Namen zu Recht trägt, und er keinesfalls Arzt werden wollte. Leid, so Fischer, sei innere Voraussetzung für Satiriker: “Glückliche Menschen können keine Satire machen.“

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Herr Fischer, wir müssen in einem langen Gespräch ohne eine einzige Papst-Frage miteinander auskommen.
Hervorragend.
Satiriker könnten befürchten, dass Antworten innerhalb eines auch ernsten Interviews ihr Außenbild unangemessen anreichern, und sie als “satirische Marke“ beschädigen. Sind Sie in dieser Frage eher weicheimäßig unterwegs, oder sind Sie mutig?
Ach, ich glaube, ich habe ohnehin kein positives Außenbild. Auf Ihre Fragen zu antworten, macht mir gar nichts. Ich gebe gerne etwas von mir preis.
Ein für viele komfortabler Aspekt von Satire und Journalismus liegt in der Kontrolle von Distanz. Man beschreibt, kommentiert oder ironisiert von außen. Was muss ich denn aus Ihrer Sicht in unserem Gespräch tun, um Sie zu erreichen und nicht vor Ihren routinierten, intelligent-ironischen Mauern zu verhungern?
(Lachend) Ich glaube, Sie müssen mich im Wesensinnersten packen und ganz intime Fragen stellen. Dann kriegen Sie mich.
Nicht das schlechteste Arbeitsbündnis, wenn es ernst gemeint ist.
Das ist ernst gemeint.
Nun gibt es ja eine ganze Reihe von Begriffen, die Menschen in Gesprächen so nutzen, als hätten sie ein gemeinsames Verständnis darüber, was genau mit dem Begriff gemeint sei. Häufig ein Irrtum. Was ist denn Intimität für Sie?
Der, wie es im Juristendeutsch heißt, Kernbereich der privaten Lebensgestaltung: Wie es bei mir zuhause aussieht. Familie. Traurige Kindheit. All dies. Aber ich fürchte, ich bin da genauso routiniert und abgebrüht wie bei allem anderen.
Sind Sie denn routiniert und abgebrüht?
Das haben Sie mir doch nachgesagt.
Ich habe Ihnen das nicht nach- sondern vorgesagt, und Sie haben es jetzt aufgenommen. Mein Bild war gespeist durch die Interviews mit Ihnen, die ich gesehen und gelesen habe: Ein wenig unsicher, aber routiniert mit intelligenter sprachlich-chirurgischer Ironie: raus aus den Fragen statt rein. Mir wäre das zu wenig. Können Sie mir in ein paar Sätzen beschreiben, wer genau hier vor mir sitzt?
Ein unglücklicher Mensch, der versucht, ein Interview zu bewältigen, dem er wahrscheinlich nicht gewachsen ist.
Was heißt: ein unglücklicher Mensch?
Ich glaube, um Satire machen zu können, muss man an der Welt leiden. Es muss einem unangenehm sein zu existieren. Glückliche Menschen können keine Satire machen: Je zufriedener, je persönlich erfolgreicher man ist, um so mehr wird es dann Humor statt Satire. Also Belustigung in schlechtem Sinne. Satire soll schmerzhaft sein, soll stören, irritieren und darüber zum Lachen bringen. Das gelingt meines Erachtens nur, wenn der Schmerz echt ist und man selbst tatsächlich leidet.
Das bedeutet, Sie sind darauf angewiesen, anständig innerlich zu leiden, um gute Satire machen zu können?
Ich glaube, die Unglücklichen kommen zur Satire, weil sie sich nur dort eine würdevolle Existenz vorstellen können. Martin Sonneborn hat einmal gesagt, in diesem Staat müsse man entweder Terrorist werden oder Satiriker. Man muss also ein Ungenügen spüren. Es ist ja nicht so, dass man sich diesen Beruf unter verschiedenen Möglichkeiten auswählt, zum Berufsberater geht und fragt: “Was soll ich werden: Arzt, Architekt oder Satiriker?“ Das ist eine sehr persönliche Entscheidung, die vom biographischen Hintergrund nicht zu trennen ist.
Aber das heißt nicht, dass die dauerhaft aktive Stabilisierung inneren Unglückes die zentrale Voraussetzung dafür bildete, ein blendender Satiriker sein zu können?
Na ja, ich muss mich nicht künstlich ins Unglück stürzen….
.. aber Sie könnten als innerlich arme Sau den Umstand, dass die Welt schlecht sei, in Kreativität gießen.
Man muss sich natürlich auch ärgern wollen. Chlodwig Poth hat einmal gesagt, der Satiriker sei ein Berufsärgerer. Man kann natürlich auch in die Zeitung sehen und sagen, das geht mich nichts an, das ist weit weg. Man muss schon das Fenster aufmachen, draufschauen, aber dann schlechte Laune haben. In die kann man sich nicht beliebig künstlich hineinversetzen. Man muss sie eben haben.
Die Frage, wer hier vor mir sitzt, ist jetzt beantwortet? Mehr ist nicht?
Ich weiß ja nicht, was Sie sich vorgestellt haben.
Na ja, ich will ja in andere nichts reinpumpen, was nicht da ist. Aber ich denke, ein wenig mehr wird schon noch sein mit Ihnen…
Ich bin Anfang Dreißig, sehe aber älter aus.
Danke. Läuft super, das Gespräch. Sind Sie ein böser, warmherziger, depressiver Mensch? Sind Sie Familienvater, Sohn, sportbegeisterter Biertrinker? Sind Sie Leser, Musiker, Mountainbiker oder Hobbykoch?
Ich lese gerne, und ich trinke gerne Bier. Sonst mache ich eigentlich nicht so viel. Ich mache keinen Sport und habe eigentlich kein Hobby.
Was heißt “eigentlich kein Hobby“?
Na ja, eine strukturierte Beschäftigung, der man in der Freizeit nachgeht, habe ich nicht. Ich gehe manchmal gerne in Konzerte. Klassische Musik.
Ich bin ein wenig in Sorge, ob wir dieses Niveau erbarmungsloser Offenheit bis zum Ende des Gespräches durchhalten. Haben Sie eine hohe Meinung von sich selbst?
Mir hat mal jemand gesagt, ich sei gleichzeitig vollkommen überheblich und furchtbar selbstkritisch, was bei narzisstisch gestörten Persönlichkeiten oft der Fall sei. Vermutlich ist das so.
Unsinn, Sie sind kein Narzisst. Selbstkritik ist in narzisstischen Kontexten eher ein falscher Begriff, weil er Tendenzen reflexiv-kritischer Bewertung als Haltung beschreibt und einen in Teilen darüber hinaus rationalen Prozess. Narzissten spüren tief drinnen die tragische Bodenlosigkeit eines inneren Mangels und haben wenig, was sie trägt. Die meisten füllen dieses Loch kompensatorisch mit dem Ringen um Anerkennung. Das hält nur nie lange, weil Anerkennung als Antwort nicht für eine Frage taugt, die der Liebe gilt. Langes Thema.  Gibt es denn Felder, in denen Sie eine hohe Meinung von sich haben?
Ach, was ist tue, mache ich nicht nur sehr gerne, sondern ich glaube, dass ich es einigermaßen gut mache.
Sie sind in München als Sohn eines Arztes geboren. Nicht jeder- ehemals bayrische – Arztsohn wird zwingend Chefredakteur der Titanic. Erzählen Sie über Ihren Start ins Leben und Ihren Weg.
Ich bin in München geboren. Ein halbes Jahr später zogen wir nach Regensburg. Meine Eltern sind in meinen ersten Lebensjahren den Stellen in Krankenhäusern hinterhergezogen: Mein Vater war Assistenzarzt, meine Mutter hatte Medizin studiert, aber nicht abgeschlossen. Mit sechs Jahren landeten wir in Regensburg. Mein Vater eröffnete dort als Hautarzt eine Praxis, und ich wurde dort eingeschult.
Was für ein Typ war Ihr Vater?
Er lebt heute noch…
Aber möglicherweise war aus Ihrer subjektiven Sicht Ihr Vater von damals ein anderer als der von heute.
Okay: Er war ein sehr arbeitsamer, fleißiger Mensch, der sich mit allem viel Mühe gegeben hat.
Haben Sie Sorge, er liest dieses Interview?
Selbstverständlich.
Und Ihre Mutter? Lassen Sie mich raten: Sie hat sich stets um die Familie gekümmert, und zuhause war es immer sauber.
(Lachend) Ja, so kann man es zusammenfassen.
Arbeitsam und fleißig: Das hatte auch einen schwierigen Teil?
Doch! Sie haben wirklich sehr viel gearbeitet. Beide, auch meine Mutter, haben sehr viel Arbeit in den Aufbau der Praxis gesteckt und sich wirklich aufgerieben. Meine Mutter war halbtags zuhause, mein Vater -besonders in den Anfangsjahren- so gut wie nie. Das habe ich schon als belastend empfunden.
Sie haben noch Geschwister?
Ja, eine drei Jahre jüngere Schwester.
Haben Sie -über Fleiß hinaus- von Ihren Eltern etwas lernen können, was Ihnen für Ihr Leben hat helfen können?
Oh ja! Ich habe eine katholische Erziehung genossen, obwohl meine Eltern nicht gläubig sind – eher das krasse Gegenteil. Ich habe von ihnen eine gewisse Respektlosigkeit gelernt. Als ich sieben oder acht war, gingen wir Weihnachten in die Christmette.  Die Predigt war derart schlecht und stumpfsinnig, dass mein Vater plötzlich in schallendes Gelächter ausbrach. Damals verstand ich das nicht. Er konnte sich überhaupt nicht beruhigen, und wir mussten die Kirche verlassen. Also, ich habe eine gewisse Respektlosigkeit gelernt. Und, dass man Autoritäten nicht unendlich vertrauen sollte.
Das klingt nicht dumm. Sagen Sie doch etwas zur katholischen Erziehung: Regensburg, Bayern…
…ja, das ist letztlich unvermeidlich. Es gab keine Möglichkeit, eine atheistische oder auch nur aufgeklärte Erziehung zu genießen. Regensburg ist eines der letzten, großen Fürstentümer in Deutschland und Europa: Eine Stadt, die zur Hälfte dem Bischoff und zur anderen Hälfte der Fürstin gehört. Beide mischen sich nicht nur in die Politik ein, sondern haben durch Grundbesitz und Firmenbeteiligungen einen immensen Einfluss auf die Stadt und ihre Geschäfte. Diese Ideologie und diese katholische Niedertracht ziehen sich wie Mehltau über alles, was in der Stadt passiert.
Ich würde gerne die ultimative Färbung in ihrer Stimme verstehen: Was genau bedeutete für den jungen Leo Fischer damals denn “katholische Niedertracht“? Eine Käseglocke, die den freien Geist und  Entwicklung verhinderte?  Oder sind Ihnen andere Grausamkeiten geschehen?
Nein, es war jene kleingeistige und engstirnige Weltsicht, in der Hochmut und Zerknirschung gleichauf und parallel laufen. Wo Moralität in alles hineingemischt wird, was das Leben erfreulich und angenehm macht. Es gab keine Genüsse, die schuldlos waren. Ich glaube, das beschreibt etwas, das zum Katholen dazugehört: Er kann nicht unbeschwert genießen. Genuss ist immer durchmischt mit der Sorge um das jenseitige Schicksal. Sind Sie Katholik?
Nein.
Dort existiert ein bestimmter Umgang mit Menschen, Schutzbefohlenen und Schülern, der eigentlich inhuman ist.
Mag sein, ich bin intellektuell unauffällig: Ich höre zwar die Worte des erwachsenen Leo Fischer, aber das ging ja früh los mit Regensburg und Ihnen. Was es für den kleinen, den jungen Leo Fischer bedeutete in der von Ihnen beschriebenen Atmosphäre aufzuwachsen, habe ich noch nicht verstanden.
Ich habe es auch nicht verstanden, als ich drin war. Je älter ich werde, je länger ich darüber nachdenke, werde ich wütender und noch wütender über alles, was dort geschah. Auch über die Gesellschaft, die es dort immer noch gibt: Das sind ganz schlimme Menschen. Mir selbst ist konkret nichts passiert: Ich wurde weder geschlagen noch missbraucht.
Und das Schlimme an schlimmen Menschen war was genau?
Ach, Sie stellen Fragen..
Na ja: Emotionales aus der rationalen Distanz wohlgeformter Worte zu beschreiben, führt bei mir dazu, dass ich zwar Ihre Worte verstehe, aber nicht Sie. Ich will Sie aber verstehen dürfen, das ist hier im Preis mit drin.
Gut: Schlimm finde ich diese bayerische, oberpfälzer Kultur- und Geistfeindlichkeit. Kultur passiert stets woanders – draußen. Es ist notwendig, dass dies jemand macht, aber das machen nicht wir, wir brauchen das nicht. Wir müssen uns nur soweit bilden und aufklären, dass wir in Berufe hineinpassen: Man erwirbt Kenntnisse, aber man bildet sich nicht – man qualifiziert sich. Man geht aus gesellschaftlichen oder Statusgründen ins Theater, aber in Wahrheit hasst man Theater und Kultur. Ein Klima von Illiberalität und jener Borniertheit, die nicht aus Unkenntnis, sondern aus willentlicher Abschottung geschieht. Also selbstverschuldete Unmündigkeit. Ich kann nur aus meiner eigenen Erfahrung in Regensburg berichten. Eine Kollegin von mir kommt aus Fulda, auch so ein katholisches Nest, und sie erzählt Ähnliches. Wahrscheinlich also etwas, das dem Katholizismus insgesamt anhaftet. Ich habe, so glaube ich, darunter gelitten und ärgere mich wie gesagt mit jedem Lebensjahr noch mehr darüber.
Danke, es ist besser für mich jetzt. Was waren Sie denn für ein Kind?
Ein sehr geschwätziges. Und ich habe ununterbrochen gelogen.
Nach Ihrer Einschätzung von Katholiken hätten Sie dann ja dort gut hineingepasst. Wozu haben Sie denn gelogen?
Einfach so, aus Spaß an der Sache.
Stand denn Ihr Vater trotz seiner Abwesenheit für Sie zur Verfügung, oder galt der alte Satz: Verwandtschaft ist kein Beziehungsgrund?
Später ja. Diese Aufbaujahre waren in der Tat für mich sehr schwierig. Aber ich kann mich nicht beklagen: Ich habe sehr viel Förderung von meinen Eltern genossen und genieße sie noch immer. Moralisch und psychologisch.
Sind Ihre Eltern heute stolz auf Sie? Wollte Ihr Vater nicht, dass Sie Arzt werden?
Doch, ich glaube, sie sind stolz, und in der Tat sollte ich die Praxis übernehmen. Ich hatte auch schon einen Studienplatz für Medizin in Regensburg. Dann wurde mir das alles zu doof. Da alle meine Freunde nach Berlin gingen, dachte ich, ich ziehe da mit und mache irgendetwas Geisteswissenschaftliches. Meine Eltern haben das zur Kenntnis genommen und akzeptiert. Vielleicht auch, weil sie wussten, dass sie selbst kein gutes Vorbild waren, als sie sich in diesem Maß für Ihr Unternehmen engagierten. Was ich aus dem täglichen Leben an Opfern, die meine Eltern brachten, an Anstrengungen mitbekam, taugte nicht als gutes Argument, die Praxis zu übernehmen. Beide waren immer der Ansicht, ich solle tun, was ich will, und sie haben mich uneingeschränkt unterstützt.
In diesem besonderen Regensburger Cocktail: Welches Verhältnis haben Sie denn zu Autorität entwickelt?
Ich bin heute, so glaube ich, ein sehr autoritärer Mensch. Ich denke sehr gerne hierarchisch und habe (lachend) mit Konsensfindung meine Schwierigkeiten. Ich bekomme und gebe gerne Anweisungen und gewöhne mir dies erst allmählich ab.
Sie hätten also gut in katholische Kontexte gepasst.
Ja, und ich glaube, ich wäre auch ein guter Priester geworden.
Möglicherweise eine Option für Ihre zweite Lebenshälfte. Wie begann eigentlich Ihr Zugang zu Literatur? Irgendwann öffnet sich einem ja ein Feld, mit dem man meint, etwas anfangen zu können.
Vergleichsweise spät: mit sechzehn, siebzehn. Mein Taufpate schickte mir immer Bücher. Das macht er auch jetzt noch. Das meiste davon habe ich ins Regal gestellt. Ich hatte früher Fantasy und anderen Schund gelesen. Dann schickte er mal ein Buch von Arno Schmidt. Ich war so begeistert davon, wie mit Orthographie und Typographie gespielt wurde, wie einfach Unfug mit Sprache geschah, dass ich anfing zu lesen. Innerhalb weniger Wochen hatte ich das Gesamtwerk durch. Arno Schmidt ist ja auch jemand, der ununterbrochen auf Literaturgeschichte anspielt, und so wollte ich auch alles lesen, was Schmidt gelesen hatte. So ging das immer weiter.
Und über Web, Meedia und ihre beruflichen Kontexte hinaus: Lesen Sie viel heute – für sich selbst?
Typischer Top-Manager-Satz: Leider fehlt mir die Zeit….Ich lese wieder viel mehr, seit ich ein Kindle habe. Das finde ich großartig. Das gibt mir das sportliche Moment zurück. Während meiner Studienzeit hatte ich mir irre Ziele gesetzt…
Lernen?
Auch. Nein, Lesen. Zum Bespiel ein Buch am Tag. Wollte ich schaffen. Habe ich auch: Ich bin diagonal durch, habe mich wirklich durchgequält. Dann erlahmte dieser Wille so allmählich. Als Berufstätiger wurde es schwierig. Nun, wo ich einen Kindle habe, ist das wieder da: Ich glaube, es liegt am Fortschrittsbalken. Ich kann jetzt sagen, ich habe 27% dieses Buches gelesen. Dann 35%,40%,65%.  Und, man kann nie Bücher verlieren, nur das Kindle. Ach, ich bin sehr zufrieden und lese eine Menge.
Sie haben ja Philosophie studiert: Beschriebe man ein Philosophie-Studium im inneren Kern als eine Form von Annäherung an ein Verständnis von Zusammenhängen, als Suche nach Antwort auf die Frage “Wozu?“, hätten Sie sich ja eher als Narziss denn als Goldmund diesen Fragen gewidmet. Goldmund hätte -statt Philosophie zu studieren- vielleicht ein Bordell eröffnet. Wonach genau hat der junge Leo Fischer gesucht?
Ich habe Hesse nicht gelesen. Ich habe das Studium auch nie als Zugang zu Antworten auf große Fragen verstanden und hatte vorher übrigens auch nie wirklich Philosophie gelesen: Ich habe das sehr lange für Quatsch gehalten, und mir waren Literatur und Fiktion näher. Bis ich irgendwann aus Jux mit Adorno angefangen habe: “Dialektik der Aufklärung“ und “Minima Maoralia“. Das war wirklich eine Offenbarung. Zum ersten Mal wurde mir klar, warum diese Gesellschaft so korrupt, so kaputt ist. Es war vollkommen logisch und klar, und es war ohne Feldforschung, soziologische Studien oder wissenschaftliche Apparate allein durch geistige Mittel zu erkennen. Durch Denken konnte man erkennen, was in der Gesellschaft falsch läuft und woher das eigene Unglück kommt. Aus dieser kritischen Theorie heraus und vor ihrem Hintergrund begann ich, mich für Philosophie zu interessieren.
Wer findet, ohne bewusst zu suchen, muss vielleicht unbewusst gesucht haben, sonst hätte er den Fund übersehen. Sie meinen also erstens, die Gesellschaft sei kaputt und korrupt und zweitens, dem könne man sich vordringlich durch Denken nähern?
Na ja, man kann es zumindest verstehen, und die Reflexion bietet auch eine Möglichkeit, sich dem zu entziehen und Distanz zu schaffen: Was ich verstanden habe, dem bin ich nicht mehr so ausgeliefert.
Physikalisch teile ich dies, inhaltlich nur sehr begrenzt. Ihr Ansatz geht doch davon aus, zu verstehen sei primär ein rationaler Prozess. Das ist ein lebensferner Ansatz, finde ich.
Mmmh, ich finde das nicht so lebensfern. Wenn ich Unrecht in der Gesellschaft bemerke, weil einfach viele Sachen nicht stimmen, wenn ich dies jeden Tag sehe und gleichzeitig dazu keine Alternative sehe, führt dies in die Verzweiflung. Wenn man durch Denken und Reflexion eine Alternative schafft, kann man verstehen, warum sich so viele Menschen ins Unglück stürzen, kann sich selbst schützen und dies auch als Gewinn erfahren. Man nutzt ein Instrumentarium, um die Welt zu begreifen. Das ist auch lebensnah glaube ich.
Ja. Wir beide haben diametrale Zugänge zum Weg des Verstehens: Es stimmt, dass unser Verstand hilft, wenn die Welt der Gefühle droht, uns in den Sumpf zu ziehen. Aber es stimmt auch, dass unsere Gefühle helfen, wenn die Dominanz der Ratio uns zu weit vom Leben entfernt. Was eigentlich ist denn Liebe für Sie?
Was ist Liebe für mich? Ich glaube eine Form der Geisteskrankheit, die mit euphorischen und guten Gefühlen verbunden ist, und der man sich immer wieder mit Freuden hingeben sollte.
Gibt es denn irgendwen und irgendetwas, von dem sie sagen würden, Sie liebten sie/ihn/es?
Ach….ja, ich glaube die Titanic.
Ich habe befürchtet, dass so etwas kommen würde. Und: Das war´s dann auch?
Ich fürchte ja.
Nee, das kann nicht so bleiben. Es gibt ja Menschen. Richtige. Lieben Sie Menschen?
Ja. Ich habe viele Freunde, die mir sehr viel bedeuten.
Klingt euphorisch. Lieben Sie das Leben?
Nein, das Leben liebe ich nicht.
Warum denn nicht?
Ich weiß nicht. Ich kenne keine Alternative dazu. Könnte ich es mit etwas vergleichen, könnte ich sagen, ob es gut ist oder nicht.
Glauben Sie an irgendetwas?
Sie meinen im religiösen Sinne?
Nein, fassen Sie die Frage gerne weiter.
An nicht sehr viel. Eigentlich an praktisch gar nichts.
Das Angebot, den Begriff des Glaubens weit zu fassen, war ernst gemeint.
An Ideale oder Werte?
Ja, an Ideale, Werte, Beziehung, an Sinn…
…ich glaube, dass man für das Gute kämpfen muss.
Geht es noch ein bisschen abstrakter?
Das Gute kommt aus dem Moment heraus. Darüber hinaus kann ich das nur mit anderen Abstrakta ersetzen: Mit Gerechtigkeit und Freiheit etwa.
Im zweiten Teil des Gespräches spricht Leo Fischer über die Titanic, über Heroes der Journaille, über Taxis, Ängste und Satire als Kunst.
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