„Eigentlich fürchte ich mich vor fast allem“

Publishing Im zweiten Teil des Interviews spricht Leo Fischer mit Christopher Lesko über die “Familie Titanic“ und seinen Start in die Rolle als Chefredakteur. Er erzählt von einer gespenstisch kleinen Frankfurter Wohnung, die keine Heimat ist, beschreibt das “Existenz-Desaster“ Franz-Josef Wagner, den Kalkül-Konservativen Jan Fleischhauer und Facebook-Freund Konstantin Neven Dumont. Der Mann, der weiß, wo er in zehn Jahren sein will, kennt Angst gut: “Das ist mein Lieblingsgefühl!“

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Sie sind mit 27 Jahren Chefredakteur der Titanic geworden, ohne auf lange Erfahrungen in Führungsrollen zurückgreifen zu können. Welche Herausforderungen begegneten Ihnen bei Ihrem Start in die Führungsrolle?
Mmmh, ich hab´s einfach gemacht: Man macht die Dinge, und dann wird man besser darin. Die Situation war so: Ich war der Jüngste, hatte die geringste Berufserfahrung. Der Nächstjüngere war auch schon zehn Jahre da, und ich war der Ahnungsloseste. Aber ich bin auf sehr viel Verständnis und Zuwendung gestoßen und habe sehr viel Hilfe erfahren. Titanic ist ja kein Unternehmen wie jedes andere. Titanic ist eher eine Art Familie, auch ein großes Wort, und alle haben dasselbe Ziel: Sie wollen einfach ein großartiges Heft machen. So unterschiedliche die Menschen sind, die dort arbeiten: Diesem Ziel sind alle verpflichtet. Darauf können sich alle einigen, und persönliche Eitelkeiten oder Egoismen sind ganz schnell vergessen.
Das klingt ebenso edel wie undifferenziert.
Ich habe natürlich das getan, was ich konnte: Autoren beauftragt, Rubriken, die es zu lange gab, beendet und neue Rubriken eingeführt. Ich hatte und habe natürlich meine Grenzen: Stefan Gärtner etwa, der die “Briefe an die Leser“ machte, habe ich nie irgendwie in seine Arbeit hineingeredet. Er hat ein Drittel der Zeit, in der es die Titanic gab, die “Briefe an die Leser“ gemacht. Ihm irgendetwas zu sagen oder Hinweise zu geben, wäre anmaßend und überheblich gewesen.
Auf dem Weg des Kaminaufstieges von innen heraus hochzuwachsen, bietet ja Raum für eine Reihe unterschiedlicher Schwierigkeiten.
Das stimmt. Es macht pausenlos Schwierigkeiten. Die größte Schwierigkeit ist: Einerseits leben und arbeiten wir in einer kumpelhaften WG-Situation, in welcher man mit den anderen im gewissen Sinne befreundet ist. Andererseits gibt es unangenehme Dinge, die manchmal verlangt und durchgesetzt werden müssen. Das hat dann schon auch eine zwischenmenschliche Dimension….. Ach, Sie fragen immer so allgemein. Ich kann nur allgemein antworten.
Leo Fischer hat mir mal gesagt, man müsse auch genießen können, ohne dies mit Fragen von Schuld zu verbinden. Und optional gäbe es schon die Möglichkeit, auf allgemeine Fragen präzise zu antworten.
Ich habe mich in der Tat verändern müssen, musste Altes abstreifen und mir manches neu beibringen. Delegieren zu lernen zum Beispiel war sehr schwer. Ich hatte immer den Eindruck, die Dinge werden nur gut, wenn ich sie selbst mache. Das Arbeitsvolumen hat sich auch verändert. Es gibt ja bei uns keinen Text-Chef. Das macht der Chefredakteur. Ich lese tatsächlich jedes Komma in allen Texten, mache auch das Endlektorat und begleite jeden Artikel von der Wiege bis zur Bahre.
Wie groß ist denn die Crew inkl. freier Autoren?
Oh, wir haben so viele freie Autoren. Die Redaktion besteht aus einem Dutzend Leuten, Redakteure, technische Kräfte, Webmaster, Setzer, Korrektur- und Redaktionsassistentinnen. Und freie Mitarbeiter: zwischen 200 und 300. Allein der Autorenstamm der “Briefe an die Leser“ hat sicher zwischen 80 und 100 Menschen. Bei den anderen  Rubriken ist es fast genauso.
Wenn Sie mit allen ein Sommerfest machen, wird es auch nicht ganz günstig.
Ja, aber das machen wir auch jedes Jahr. Die Buchmessen-Empfänge machen ja nicht mehr so viele Verlage,  nur noch die ganz Großen: Rowohlt, Suhrkamp, S. Fischer und die Titanic. Wir machen das und laden ein: unseren gesamten Autorenstamm, alle Freunde, und wir machen zu jeder Buchmesse eine große Sause.
Und kohletechnisch bei der Titanic: Ist da Luft nach oben? Haben Sie Expansions-Impulse?
Nein, wir haben mit 60.000 – 70.000 eigentlich genug Leser. Natürlich wäre es großartig, wenn alle Welt uns lesen würde und wir eine Millionen-Auflage hätten. Aber das würde zwangsläufig alles verändern. Dann wäre es nicht mehr das, was wir machen, wäre sehr viel stärker nur ein Job und würde wahrscheinlich auch nicht mehr so viel Spaß machen. Nein, ich finde diese Nischen-Existenz sehr angenehm. Geld ist natürlich wenig da, aber es ist immer genug da. Ich bin wahrscheinlich in der beispiellosen Situation, über Geld nicht nachdenken zu müssen. Ich kann mir Zahlen kommen lassen, wenn ich will. Das ist dann meistens sehr deprimierend, aber: Ich muss keine Quoten erfüllen, keine Budgets verwalten. Es wird alles bezahlt.
Was bedeutet das überhaupt für Sie, auch über die Titanic hinaus: Geld?
Geld ist etwas sehr Schönes, von dem immer zu wenig da ist. Ich kann mit Geld überhaupt nicht umgehen. Ich gebe es sofort aus, wie verrückt. Vielleicht sollte ich mir mehr von diesem Anhäufen beibringen, aber: Wie ich es habe, gebe ich es aus. In schockierender Geschwindigkeit.
Wofür denn?
Für Alkohol und für Taxis.
Wenn Sie im Taxi trinken, sparen Sie Zeit.
Also, Alkohol ist natürlich eine polemische Zusammenfassung von allem, was mit Weggehen oder Ausgehen in Verbindung steht. Wenn ich am Ende des Jahres meine Belege ordne, bilden Taxi-Quittungen und Wirtschaftsbelege die größten Stapel.
Sie leben und arbeiten in Frankfurt, einer Stadt, die manche als den kleinen, hässlichen Bruder von New York bezeichnen: Gerne?
Eigentlich sehr gerne: Frankfurt hat eine gute Größe.
Eigentlich? Die Einschränkung würde ich gerne verstehen.
Die Menschen ziehen ja nicht freiwillig nach  Frankfurt. Die meisten, die ich kenne, müssen da hinziehen. Auch ich bin ja wegen des Berufes da hingezogen. Ich vermisse nichts, es ist alles da. Es ist viel Bewegung in der Stadt, Frankfurt ist ja Universitätsstadt. Es gibt vage Anzeichen eines kulturellen Lebens. Man langweilt sich nicht, und es ist alles in Fußnähe. Ich kann praktisch von jeder Stelle der Stadt in einer Stunde zu Fuß nachhause gehen. Das ist wunderbar. Kern-Frankfurt ist sehr, sehr klein. Keine schöne Stadt, aber Schönheit kann einen ja auch erschlagen. Sie wissen ja: Regensburg als barocke Residenzstadt….. Ich bin übrigens auch immer wieder begeistert, wenn ich im Ruhrgebiet bin: graue Betonklötze um mich herum. Das ist wie eine Phantasie-Landschaft, da geht es mir richtig gut.
Eine Studie untersuchte Kläranlagen im Rhein-Main-Gebiet. Die mit Abstand größte Viagra-Konzentration im Abwasser fand man in Bad Homburg. Frankfurt wies nicht einmal die Hälfte auf. Was ist denn da los mit Frankfurt?
Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich sind die Frankfurter so potent, dass sie das Zeug nicht brauchen.
Frankfurt belegt den hessischen Spitzenplatz bei Kokain-Resten im Abwasser.
Das überrascht mich überhaupt nicht.
Wenn wir den Begriff von Heimat oder Zuhause weiter öffneten: Was verbinden Sie mit diesem Begriff?
Sehr wenig eigentlich. Ich lebe nicht gerne zuhause, ich bin sehr gerne unterwegs in der Stadt. Ich arbeite gerne, und ich lebe sehr schlecht. Ich habe in Frankfurt eine geradezu gespenstisch kleine Wohnung…
…unterm Keller….
…nein, unterm Dach. Im Sommer brütend heiß, im Winter eiskalt. Es ist wirklich eine reine Katastrophe, und ich halte mich da so wenig wie möglich auf. Ich bin auch niemand, der an Heimweh leidet, oder etwa gerne an die Wurzeln zurückgeht. Ich bin heilfroh, dass meine Eltern aus Regensburg weggezogen sind, und ich überhaupt keinen Grund mehr habe, in diese furchtbare Stadt zurück zu fahren.
Und gibt es eine Form inneren Zuhauses über Satire und Titanic hinaus?
Ach, Sie fragen immer so schrecklich allgemein. Ich habe es nicht so mit Heimat.
Gut, Sie kritisieren mich ja mit einer gewissen Inbrunst. Sie haben einen Joker für eine Frage, die nicht so allgemein ist. Wie hieße die?
Mmh…: Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
Respekt. Ist gespeichert. Diese Frage ist viel präziser, als meine Anfängerfrage, wo Sie zuhause seien. Mögen Sie über ein paar Kollegen lästern?
Sehr gerne.
Stimmt das gerade erfundene Gerücht, Sie  schrieben unter dem Pseudonym Franz-Josef Wagner für die Bild?
Nein, das stimmt nicht! Franz Josef Wagner kann man nicht erfinden oder nachmachen, das ist ein eigener Kosmos. Ich bewundere die Bild Zeitung dafür, sich diese Figur noch zu leisten. Wagner hat sich ein privates Universum geschaffen, dass von starken Leidenschaften bestimmt ist: Die Mutter, Frauen, der Alkohol. Er hat einen Grad der Schamlosigkeit und Brutalität gegen sich selbst erreicht, den ich absolut faszinierend finde. Es gibt ja das alte Freud-Wort, dass Vernunft und Scham eng zusammenhingen und mit der Schamlosigkeit der absolute Schwachsinn erreicht sei. Das ist bei Wagner sehr evident: ich kenne niemanden, der so brutal exhibitionistisch mit sich und dem eigenen Leben umgeht und sich vor einem Millionen-Publikum zerfleischt und auszieht bis auf die Knochen. Er ist ein bemerkenswertes Existenz-Desaster.
Zumindest schafft er etwas Seltenes. Wieder und wieder zu lesen, was er schreibt und immer neu nicht glauben zu können, was man da liest. Konstantin Neven-Dumont?
Wir sind Facebook-Freunde!
Aua.
Ich finde ihn richtig gut. Der macht sich auch viele Sorgen. Um die ganze Welt. Um die Umwelt, und wie es der Wirtschaft geht und so weiter. Von einer Position des absoluten Privilegs aus, versteht sich: Der Mann hat ja noch nie eine weltliche Sorge gespürt. Er ist wirklich ein verzärteltes Millionärs-Söhnchen. Eines, dass dies spürt und gleichzeitig etwas Gutes schaffen und Menschen helfen möchte, allerdings mit einem vollkommen unzureichenden, begrifflichen Apparat.
Das ist ein relativ wohlwollender und präziser Blick.
Ja, ich glaube, Konstantin Neven-Dumont ist wirklich ein guter Mensch. Er hat leider nur sehr wenige Möglichkeiten, seine Güte auf eine Weise darzustellen, die dann tatsächlich wirksam wird.
Als Mensch, der gegen Regensburger Ungerechtigkeiten ins Feld zieht, könnten Sie vielleicht über eine unterstützende Kooperation nachdenken.
Ja, ich wollte ja einmal für ihn schreiben, als er sein evidero-Portal eröffnet hat, aber er hat mir nicht geantwortet.
Nachhaltigkeit. Sie hätten ihn nachhaltiger anschreiben müssen. Gibt es denn das Portal schon so richtig?
Nun, es ist ja immer im Aufbau begriffen.
Jan Fleischhauer?
Es wäre schön, wenn die Reaktion in Deutschland eine Spur intelligenter und spritziger daherkäme. Dass ihr erster intellektueller Vertreter eine derart beschränkte Persönlichkeit ist, macht mich schon ein bisschen traurig.
Sie haben also Gefühle.
Natürlich nicht. Oder doch – auf einer rationalen Ebene. Alles, was von Fleischhauer kommt, ist so überraschungslos und erwartbar. Und er hat sich diese Position einfach ausgesucht: Der Mann ist eigentlich gar kein Konservativer. Er hat schlicht eine konservative Lücke erkannt und gesehen, es gibt eigentlich keinen polemischen Rechtspublizisten in Deutschland. Dann ist er es halt aus Kalkül geworden. Ich kenne Konservative: Er ist keiner, sondern bezieht taktische Positionen, die er zu spüren meint, und die ihm vor einem breiten Publikum Resonanz versprechen. Er schreibt als Journalist gewissen Stimmungslagen hinterher, ohne innere Beteiligung. Nehmen Sie jedes Thema – man weiß sofort, was Fleischhauer dazu sagen wird. Wenige machen das mit seiner Berechnung. Langweilig ist es auch, der Mann ist ja auch noch ein relativ schlechter Journalist, dem auch noch Recherche-Fehler unterlaufen. Er hat ja einen sehr langen Kommentar zur Titanic und zur Papst-Affäre geschrieben. Mit der dümmsten aller Meinungen, die er auf 10 Mio Internet-Deppen ausgebreitet hat. Sinngemäß: “Mit Mohammed hättet Ihr Euch das nicht getraut.“  Er hätte nur “Titanic“ und “Mohammed“ bei Google eingeben müssen und hätte Millionen von Gegenbeispielen dafür erhalten. Also ist er nicht nur schlecht und langweilig sondern auch noch faul. Nicht richtig bei der Sache, handelt er einfach aus einem Markt-Kalkül heraus. Konservatives kann ja auch sehr schön sein, aber dazu fehlt Fleischhauer das Profil. Er ist ein hässlicher Gockel im Anzug, der sich jedes Jahr eine dümmere Brille anzieht: Eigentlich auch eine tragische Figur.
Giovanni di Lorenzo?
Wenn wir schon bei Schönheit sind: Dass Die Zeit inzwischen so schön ist, dass alle Die Zeit gerne in der Hand haben, das hat er schon ganz gut gemacht. Die Zeitung wurde ja eine Illustrierte für die gebildeten Stände: riesengroße Fotos mit kleinen Text-Bröckchen zwischendrin. Ich war Zeit-Abonnent – eigentlich aus Langeweile. Ich habe sie kaum gelesen und meist ungelesen weggeschmissen, das sind ja riesige Berge von Papier. Manchmal las ich einen Leitartikel von Josef Joffe und habe dann herzlich gelacht. Dass di Lorenzo den Guttenberg salvieren und wieder ins Gespräch bringen wollte, war mir zu viel, und ich bin ausgestiegen. Das war mein Kündigungsgrund. Ich habe sogar in einem langweiligen Leserbrief geschrieben, ich könne das Gebaren von Joffe und Helmut Schmidt zwar gerade noch ertragen, aber einen überführten Betrüger auf die erneute  Spur von Rang und Ehre zu bringen, das ginge nicht.
Di Lorenzo wird letztlich auch an Auflage gemessen. In Gegenabhängigkeiten zu denken, war noch nie seins. Auch in der Rolle als Führungskraft von Frau Rückert in der Kachelmann-Causa war er übersichtlich. Man muss lange suchen, um einen Chefredakteur zu finden, der Redakteuren gestattet, einerseits direkt in einen laufenden Prozess einzugreifen und andererseits pseudoneutral über das Thema zu berichten. Hat Claus Strunz Ihrer Kenntnis nach eigentlich den umgangssprachlichen Begriff „strunzdoof“ erfunden?
Ach, jetzt kommen Sie mir noch mit dem. Ich finde ihn nicht besonders interessant. Besonders langweilig finde ich ihn auch nicht. Ich finde ihn gar nicht.

Es ist ja aktuell viel publiziert worden zum Thema der Ethik und Moral von Satire generell, zu Grenzen und Normen. Unabhängig von juristischen Blickwinkeln und unterhalb der Ebene von Berufsrolle und gesprochenen Worten: Beschäftigt Sie persönlich dieses Thema innerlich? Diese Frage, wie weit zu gehen noch in Ordnung sei?
Die Frage insgesamt beruht auf dem Missverständnis, dass wir Provokation erzeugen wollen und planen, ob wir jemandem ein “Arschloch“ oder einen “Idioten“ mitgeben wollen. So ist das nicht. Es ist viel simpler: Wir haben die Idee, und wir wollen sie machen. Wir halten das für vollkommen angemessen. Das ist die richtige Antwort auf eine Unverfrorenheit, die uns begegnet. Wir empören uns in gewisser Weise und halten unsere Form des Ausdruckes für den absolut korrekten Weg. Wir sagen nicht: “Jetzt hätten wir gerne eine Provokation des Papstes, wie können wir ihn gut provozieren?“, sondern wir geben Antworten auf das Verhalten von Prominenten oder Medienmenschen. Die Antworten, die wir geben, halten wir für absolut alternativlos. Wir justieren oder planen nicht die Intensität unserer Antwort. Es ist wie bei Newton: Jede Kraft erzeugt die absolut identische Gegenkraft. Und ich finde es schade, dass diese ethische Komponente stets als erste aufgerufen wird. Man fragt nie, ob es gute Kunst, gute Literatur, gute Satire sei. Satire ist aber eine Kunstform! Natürlich hat sie auch eine ethische Dimension. Aber dies völlig zu ignorieren und immer gleich danach zu fragen, ob Menschen verletzt würden, ist eindimensional.
Ich habe ja nicht den Chefredakteur der Titanic nach kalt kalkulierten Brüchen gefragt, sondern dem Typen Leo Fischer die Option leiser, innerer Fragen angeboten. Wenn Sie so wollen, habe ich nach einem anderen Aspekt von Berührbarkeit gefragt als jenem, auf den Sie geantwortet haben.
Gut, das war auch zunächst meine grundsätzliche Haltung zu diesem Komplex. Natürlich frage ich mich, was dies in den Leuten auslöst. Es ist nur wichtig zu verstehen, dass wir nicht danach handeln, wie viele Leser oder wie viel Medien-Öffentlichkeit wir erreichen. Dieser Gedanke wäre jedem bei uns fremd. Wir machen das Heft in erster Linie für uns selbst.
Sie sind hartnäckig, und ich sehne mich nach einer Antwort.
Wir sind keine Arschlöcher. Ich erinnere mich an einen Fall: Wir hatten einen “Brief an die Leser“ publiziert, der an einen Studenten der Zeppelin-Universität gerichtet war. Der stellte sich auf der Homepage der Elite-Uni mit einem Satz vor, der grammatikalisch komplett versaut war. Wir machten uns lustig darüber: “Jaja, Elite sagen, aber keinen geraden Satz zustande bekommen“.
Dann rief uns ein Freund des Studenten an: “Ihr Schweine, warum tut Ihr dies, der Mann ist doch Legastheniker, der ist fertig mit den Nerven.“ Wir haben das nicht so ernst genommen. Später dann rief der junge Mann selbst an und erzählte, wenn er seinen Namen googele, erschiene als erster Treffer unser Text. Er weinte und bat mit tränenerstickter Stimme darum, diesen Brief zu entfernen. Damit wolle er eigentlich nicht leben. Wir haben den Brief dann herausgenommen. Ich glaube, wir hätten uns schlecht gefühlt, wenn wir den Brief online gelassen hätten. Ich weiß auch nicht, ob es eine gute Reaktion war.
Den Brief herauszunehmen? Ich finde, das war eine gute Reaktion. Würden Sie sich als Befruchtungsbegeisterten einschätzen, der eine Idee von Familie verfolgt?
Ja, ich habe sehr altmodische Vorstellungen von Familie, familiärem Glück. Ich bin da praktisch Romantiker.
Sie wünschen sich also eine Familie mit Kindern?
Ja.
Wieweit sind Sie denn aktuell vom gedachten Optimum entfernt?
Ewig.
Wozu wollen Sie das denn?
Ich bin auch ganz gerne allein, aber Sie haben ja gefragt, wie ich es gerne hätte. Familie gehört für mich zu einem Bild von gelungenem Leben. Vielleicht ein falsches, schiefes oder gestörtes Bild, aber man kommt da ja nicht aus seiner Haut raus.
Ich finde das weder schief noch falsch, und ich wünsche Ihnen das. Kennen Sie eigentlich Angst?
Oh ja! Mein Lieblingsgefühl.
Wovor?
Ich habe Phobien. Vor Höhen zum Bespiel, vor Dunkelheit. Eigentlich fürchte ich mich vor fast allem.
Wie gehen Sie denn mit Ihren Ängsten um?
Ach, Ich versuche, sie zu akzeptieren und sie positiv nutzbar zu machen. Angst ist ja im Kern -wie jede Leidenschaft- eine Energie. Ich empfinde Angst auch als sehr anregend: Sie beflügelt die Phantasie, sorgt dafür, dass man über die Zukunft nachdenkt, Pläne macht und Szenarien entwickelt. Wenn man das mal verstanden hat, ist es nicht mehr so schlimm. Angst bedeutet im Gegensatz zu niederschmetternder Furcht auch, nicht zu wissen, wer man ist und zu welcher Beziehung man zur Welt steht. Das ist für mich die Essenz von Angst: in den Möglichkeiten zu zerfallen, sich aufzulösen in reiner Potentialität.
Leo Fischer, es ist soweit: Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
(Lachend): Da wäre ich gerne dort, wo Konstantin Neven-Dumont jetzt ist: Ich wäre gerne ein übergeschnappter Millionär.
Ich danke Ihnen herzlich für dieses Gespräch!
Zu Teil eins des Interviews geht es hier entlang.
Mehr über den Autor: www.leadership-academy.de

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