Der Spiegel und die Text-Anzeige-Schere

Marketing Eine Werbung im aktuellen Spiegel sorgt für eine Text-Anzeige-Schere. Auf einer Doppelseite wird das "Wirtschaftswunderland Aserbaidschan" gepriesen, das sonst vom Spiegel eher kritisch beäugt wird. Ausführlich lobt der Text die "Modernisierer am Kaspischen Meer". Geschaltet hat die Anzeige eine "Deutsch-Aserbaidschanische Gesellschaft e.V." – doch die hat ihren Sitz in Baku und ist als Verein offenbar nicht bei einem deutschen Amtsgericht eingetragen. Das Medienmagazin ZAPP sieht den Artikel als "plumpe Regierungs-PR".

Werbeanzeige

Auf der klein als "Anzeige" deklarierten Doppelseite heißt es beispielsweise, die Bewohner des Staates seien "stolz auf die im Alltag gelebte Religionsfreiheit, Offenheit und Toleranz". Die Gesellschaft als Ganzes werde modernisiert, Bildung und Gesundheitsversorgung verbessert. Die "guten Beziehungen" zu deutschen Unternehmen wie BASF, Bosch, Commerzbank und Siemens werden hervorgehoben. Zudem sei es der Heydar Aliyev-Stiftung gelungen, "die Wohltätigkeit für Aserbaidschan wieder zu beleben". Geleitet wird diese von der First Lady des Landes, Mehriban Aliyeva. Namensgeber ist der dritte Präsident von Aserbaidschan, der 2003 verstarb. Seither regiert sein Sohn Ilham das Land.

Redaktionell würde der Spiegel die Verhältnisse wohl etwas anders darstellen als die Verfasser der Anzeige. Beziehungsweise: er hat das bereits getan. "Aserbaidschan ist ein Staat, der es mit den Menschenrechten nicht besonders genau nimmt", hieß es beispielsweise in einem Text Anfang Januar, der unter der Überschrift "Diktators Traum" erschien. Auch von "mafiösen Tendenzen" im Regime war die Rede. Eine Demokratie, so viel steht fest, ist Aserbaidschan nicht. Die Übertragung des Eurovision Song Contests vor einigen Monaten hatte den Staat das erste Mal ins große Rampenlicht gerückt – Aserbaidschan wollte mit einer recht pompösen Inszenierung glänzen. Seinen Reichtum bezieht das Land vor allem aus den Öl- und Gasvorkommen in der Region. Im Spiegel war zu lesen: "Das Regime in Baku will sein Image im Westen unbedingt verbessern. Dafür setzt es viel Geld ein."

Eine doppelseitige Anzeige im Spiegel kostet mindestens 114.000 Euro. Welcher Verein bringt eine solche Summe auf, um für ein Land und eine Stiftung Werbung zu machen? Die Deutsch-Aserbaidschanische Gesellschaft e.V. ist im Umfeld von Organisationen, die in Berlin die Beziehungen zwischen den zwei Staaten pflegen, unbekannt. Zitieren lassen mag sich niemand – man möchte den Wirtschaftsbeziehungen offenbar nicht schaden, denn wer weiß, wer tatsächlich dahintersteht. Gegenüber MEEDIA hieß es aber recht deutlich: "Auf der politischen Ebene in Berlin hat ein Verein dieses Namens bisher keine Rolle gespielt."

Im deutschen Vereinsregister scheint die Gesellschaft mit Adresse im Baku nicht eingetragen zu sein – was sie eigentlich müsste. Geführt wird sie in einem Register als "extraterritoriale Organisation und Körperschaft". Was bedeuten kann, dass sie ihren Sitz im Ausland haben dürfte. Trotzdem müsste der Verein bei einem deutschen Amtsgericht eingetragen sein. Als Repräsentant wird in einer Publikation, die über eine Suche im Netz zu finden ist, der Name Tschingis Abullayev genannt, der offenbar Professor in Aserbaidschan ist. Doch so wie der Name der Gesellschaft lässt auch der Name Abullayev bei deutschen Aserbaidschan-Experten keine Glöcklein klingeln. Auch, wenn die Gesellschaft doch irgendwo, irgendwie existieren sollte – merkwürdig ist es schon, dass sie aus dem Blauen heraus eine Doppelseite im Spiegel bucht.

Das Medienmagazin ZAPP hat sich beim Spiegel Verlag erkundigt, wie die Jubel-Anzeige zur redaktionellen Berichterstattung des Nachrichtenmagazins passt. Ganz selten, so die Antwort, kontaktiere der Verlag die Redaktion. In diesem Fall sei das geschehen: "Seitens der Redaktion gab es keine entscheidenden Bedenken gegen die Anzeige – es ist eine Anzeige. Die kann man – wie jede andere Werbung auch – mögen oder nicht." Und weiter: "Die kritische Betrachtung und Wertung der politischen Verhältnisse in Aserbeidschan durch die Redaktion ist dadurch in keiner Weise tangiert."  

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige