Der Medienautor im Auftrag des Anonymus

Publishing Nach der Enthüllung der Bertelsmann-Pläne zur Komplettübernahme von Gruner + Jahr ist die Zukunft des Zeitschriftenhauses Branchenthema Nummer eins. Doch um die Vorgänge zu verstehen, ist der Blick zurück angebracht - ins späte Jahr 2008. Da wurde die Trennung vom damaligen G+J-Chef Bernd Kundrun vollzogen, der jetzt – aller Voraussicht nach – die Ablösung des amtierenden CEO Bernd Buchholz folgen dürfte. Eine zentrale Rolle hatte damals wie derzeit ein Medium inne: das manager magazin.

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Dessen Medienautor Klaus Boldt gilt in Fachkreisen als größter Bertelsmann-Experte. Ein Ruf, für den der Journalist erkennbar auch einen Preis zahlt: Im Gegenzug für die exklusiven News, mit denen der 54-Jährige immer wieder glänzen kann, tut er seinen hochrangigen Informanten den Gefallen, mit der Nachricht auch deren unternehmerische Message zu kommunizieren, ohne dass dies auf den Urheber zurückfiele. Autor und Anonymus bilden ein Tandem von zerstörerischer Wucht – zumindest, was die Reputation derer angeht, die sie zum Thema machen.

Als Bernd Kundrun nach acht Jahren als G+J-Vorstandschef einen Tag vor Heiligabend 2008 entnervt per Fax seinen Posten als Bertelsmann-Vorstand fristlos niederlegte, war die entscheidende Schlacht bereits geschlagen. Sie war einseitig geführt und in aller Öffentlichkeit ausgetragen worden, genauer: per Artikel im manager magazin. Am 19. Dezember hatte Klaus Boldt exklusiv berichtet, dass Kundrun sich kurz zuvor vergeblich um das Amt des Vorstandsvorsitzenden der Senderkette ProSiebenSat.1 bemüht hatte. Der TV-Konzern hatte Kundrun abgesagt und sich für Thomas Ebeling entschieden. Für den G+J-Chef war dies nicht nur eine Rufschädigung und Demütigung nach draußen, sie schwächte ihn entscheidend im eigenen Haus, das damals im Zuge der Konjunkturkrise die größte Rosskur der Unternehmensgeschichte durchmachte: Ein Kapitän, der sich im schwersten Sturm davonstehlen will, ist der Mannschaft kaum vermittelbar.

Auch wenn der Tippgeber wie üblich nie enttarnt wurde, vermutete nicht nur MEEDIA diesen im Umfeld des Gütersloher Medienkonzerns. Dort hatte Kundrun vor seinen Gesprächen mit ProSiebenSat.1 vorgefühlt, ob er gegebenenfalls seinen Vertrag vorzeitig auflösen könnte. Der Rest der Geschichte ist bekannt, Kundrun schied postwendend aus und wurde durch den damaligen Zeitschriftenvorstand Bernd Buchholz abgelöst.

Buchholz galt auch als erste Wahl des damaligen Bertelsmann-Vorstandschefs Hartmut Ostrowski, vor allem aber als Wunschkandidat der Familie Jahr, die der CEO-Besetzung zustimmen musste. Ostrowski ist nicht mehr im Amt, sein Nachfolger Thomas Rabe hat jetzt das Sagen im Konzern. Vielleicht ist es kein Zufall, dass die Nachricht eines im Raum stehenden Anteiltausches der Erbengemeinschaft jetzt einher geht mit einer medialen Abrechnung mit dem G+J-Vorstandschef.

Wieder kommt dabei dem manager magazin eine entscheidende Funktion zu. Der Artikel von Klaus Boldt, der gestern am Baumwall einschlug wie eine Bombe, ist gespickt von gehässigen Sprüchen in Richtung Buchholz. Dieser verfüge nur "über die Zugkraft einer Spielzeuglokomotive" heißt es dort, oder auch schlicht: "Er hat seine Hausaufgaben nicht gemacht." Das ist als wörtliches Zitat gekennzeichnet, nur, wer hier spricht, bleibt nebulös. Stattdessen nutzt Boldt eine Vielzahl raunender Varianzen wie "ist man in Gütersloh überzeugt", "heißt es im hausinternen Halbjahreszeugnis", "nach Maßgabe der Zentrale" oder: "sagt man in Gütersloh". Der mehrseitige Artikel beruft sich nur einmal auf "einen Aufsichtsrat" – aber da geht es lediglich um eine Unternehmenskennzahl.

Solch ein an Zitaten reicher aber praktisch quellenloser Stil würde wohl an jeder Journalistenschule gerügt. Hier jedoch erweist er sich als überaus wirkungsvoll, weil der Autor zusätzlich mit einer Fülle von detaillierten Informationen zur Unternehmensstrategie aufwarten kann, die er nur von höchstinformierten Stellen im Konzern haben kann. Jeder ahnt, dass der Autor wohl kaum mit dem Pförtner gesprochen hat. Dabei ist es Boldt – seit 1996 als Medienautor und New York-Korrespondent beim manager magazin – gelungen, über die Jahre und Generationen von Führungskräften stets derjenige geblieben zu sein, der die exklusiven News zugespielt bekommt. Und er ist Profi genug, seine Texte immer wieder auch mit Nickligkeiten Richtung Gütersloh zu spicken. 

Sein aktuelles Magazin-Stück lese sich "über weite Strecken wie die Vorbereitung einer Demontage", schreibt der Mediendienst Horizont.net dazu, das Hamburger Abendblatt zitiert einen Vertrauten von Buchholz noch deutlicher: "Das ist eine Hinrichtung erster Klasse." Der Medienbericht wird so zu einem taktischen Mittel der Politik im Konzern und am Ende auch noch dazu genutzt, dem bereits "Desavouierten" (Horizont.net) zu signalisieren, dass der sich den Gang zum Anwalt sparen kann. Zitat: "Man setze die Arbeit mit Buchholz gern fort, sagt man in Gütersloh. Aber es klingt eher so, als solle der sich keine Hoffnungen auf eine Abfindung in zweistelliger Millionenhöhe machen."

Wer immer gezweifelt haben mag, ob Boldt mit seinem quellenlosen Artikel in der Sache nicht auch daneben gelegen haben könnte, wurde spätestens mit der Reaktion darauf in Gütersloh eines Besseren belehrt. Bertelsmann bestätigte Gespräche mit der Jahr-Holding über "die Lage und weitere Ausrichtung von Gruner + Jahr", dementierte die Gütersloh zugeschriebenen Zitate aber nicht.

Der Medienautor des manager magazins hat wieder mal einen Volltreffer gelandet, und sicher hätten die meisten Journalisten im Fall der Rabe-Buchholz-Story an seiner Stelle ebenso gehandelt wie er. Boldt mag sich sagen, dass es nicht sein Krieg ist. Aber er liefert die Waffen dafür.

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