Spiegel weist Vorwurf rüder Recherche zurück

Publishing Am Montag berichtete MEEDIA über einen Leserbrief, den der Spiegel nicht drucken wollte. Verfasser war der Publizist Michael Maier, der monierte, dass das Nachrichtenmagazin aus einem Exklusivinterview ohne Quellenangabe zitiert hatte. Zudem wehrte er sich gegen die Unterstellung, ein von ihm herausgegebenes Portal sei Teil einer islamistischen Bewegung. Nun legt Maier nach und wirft dem Spiegel vor, Mitarbeiterinnen einer muslimischen Einrichtung rüde zugesetzt zu haben - was das Magazin bestreitet.

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Maier verweist auf die Zeugenaussagen von zwei Mitarbeiterinnen einer von Muslimen in Berlin betriebenen Nachhilfe-Einrichtung. Diese hätten unabhängig voneinander glaubhaft geschildert, wie ein Reporter des Spiegel am Telefon "massiven Druck" auf sie ausgeübt habe. Beide hätten sich "bedroht" und "extrem eingeschüchtert" gefühlt. Die Anrufe standen im Zusammenhang einer Recherche über die Rolle der Deutsch Türkischen Nachrichten (DTN), einem von Maier betriebenen Portal für in Deutschland lebende Türken. Bereits in Ausgabe 31 hatte der Spiegel unter der Überschrift "Der Pate" einen langen Artikel über das Netzwerk des umstrittenen türkischen Predigers Fetullah Gülen gebracht.
Nachdem Maier sich beim Spiegel zunächst telefonisch über die unkorrekte Zitierweise eines von ihm selbst geführten DTN-Exklusivinterviews mit dem schärfsten Kritiker von Gülen beschwert hatte, reichte er schriftlich Fragen an die Chefredaktion ein, auf die er jedoch keine Antwort erhielt. Stattdessen wurde er aufgefordert einen Leserbrief zu schreiben, dessen Veröffentlichung die Redaktion dann aber ablehnte. Maier ist überzeugt, dass der Spiegel die Quelle bewusst verschwiegen hat, weil das DTN-Interview mit dem Gülen-Kritiker nicht zur These des Artikels passe, wonach die Deutsch Türkischen Nachrichten Teil der Gülen-Bewegung seien.
Offenbar war das entschiedene Dementi des Herausgebers Michael Maier für die Spiegel-Redaktion ein Ansporn, die Recherche fortzusetzen und zu intensivieren. Obwohl Maier in Deutschland bereits mehrere Chefredakteursposten bekleidete (Berliner Zeitung, stern, Netzeitung), zudem Österreicher und bekennender Katholik ist, schien man seinen Beteuerungen nicht zu glauben. Maier hat seine Erfahrungen im Umgang des Spiegel mit seiner Kritik in einem Artikel beschrieben, ebenso in einem weiteren Blogeintrag ein etwas merkwürdiges Treffen mit zwei Redakteuren. Doch das, was er jetzt von Anrufen eines Reporters bei der Nachhilfe-Einrichtung berichtet, hat eine andere Dimension – wenn es sich so zugetragen hat.
MEEDIA dokumentiert hier mit Genehmigung des Portals ausführlich die von Maier veröffentlichten Aussagenprotokolle (alle Namen sind geändert):
Montag
Mehrfach ruft in dem von muslimischen Frauen geführten Bildungszentrum eine Frau an, die sich als „Anna“ ausgibt. Sie verlangt nach Ayşe und behauptet, eine Freundin von ihr zu sein. Den Anruf nimmt eine Praktikantin entgegen. Sie sagt, dass im Zentrum keine Ayşe arbeite. „Anna“ ruft dennoch dreimal an. Die Praktikantin und die Sekretärin Lara erzählen, dass ihr die Anrufe seltsam vorkamen – hektisch und nervös, obwohl man „Anna“ mehrfach sagte, dass in dem Zentrum keine Ayşe arbeitet.

Dienstag
Der Redakteur ruft bei der Nachhilfe an. Er stellt sich namentlich vor –Holzmann vom „Spiegel“ – und fragt, ob Ayşe im Zentrum arbeite. Die Praktikantin sagt, sie kenne keine Ayşe. Holzmann solle am nächsten Tag nach 15 Uhr wieder anrufen, dann sei die Sekretärin zu erreichen. Wie die Sekretärin heißt, will er wissen. (…) Schließlich sagt sie: Die Sekretärin heißt Dana. Der Redakteur: „Und, hat sie keinen Familiennamen?“ (…) Holzmann lässt nicht locker: „Geben Sie mir den Namen!“ Die Praktikantin sagt, sie wisse nicht, wie Dana mit Familiennamen heißt. Holzmann: „Was, Sie wissen nicht, wie Ihre Kollegin heißt?“

Nach dem Gespräch berichtet die Praktikantin der Sekretärin von dem Anruf. Die Sekretärin klärt die erst seit kurzem in der Nachhilfe tätige Praktikantin auf: Ayşe hat vor einigen Jahren im Zentrum Nachhilfestunden gegeben, ist aber seit zwei Jahren nicht mehr dort, weil sie ihr Studium beendet hat. Es ist das erste Mal, dass die Praktikantin den Namen Ayşe hört.
Donnerstag, 14.30 Uhr
Holzmann ruft erneut an und verlangt nach der Sekretärin – die jedoch, wie ihm tags zuvor mitgeteilt wurde, erst ab 15 Uhr im Zentrum ist. Erneut fragt Holzmann die Praktikantin nach Ayşe. (…) Holzmann fragt schnell und hektisch, immer wieder unterbricht er die Praktikantin. Er sagt, er habe keine Zeit, er müsse das jetzt wissen. Er sagt: „Gib mal ne Antwort.“ Im Zimmer der Praktikantin sitzen Eltern, sie kann eigentlich gar nicht reden. Es ist ihr sehr peinlich, weil die Eltern das offenkundig unangenehme Gespräch mitbekommen; um den Anrufer loszuwerden, von dem sie nicht weiß, wer er wirklich ist, sagt sie schließlich, dass Ayşe vor zwei Jahren im Zentrum tätig war, jetzt aber nicht mehr dort arbeite. Daraufhin nimmt Holzmann die Praktikantin in die Mangel:
Sie wissen, das ist Betrug, was Sie da machen. Sie lügen mich an. Gestern haben Sie gesagt, Sie wissen nicht wer das ist, jetzt sagen Sie, die war vor zwei Jahren da.“ (…)
Donnerstag, 17 Uhr
Holzmann erreicht die Sekretärin am Telefon.
Holzmann: „Guten Tag, hier Holzmann vom Spiegel“.
Sekretärin: „Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen?“
Holzmann: „Bist Du Lara?“
Sekretärin: „Ich bin die Sekretärin.“
Holzmann: „Ich recherchiere eine Geschichte über die Gülen-Bewegung.“
Sekretärin „Sie sind hier bei der Nachhilfe, da kann ich Ihnen nicht helfen. Ich gebe Ihnen die Nummer von der Zentrale.“
Das will Holzmann nicht. (…) Immer wieder verfällt er im Gespräch ins Du-Wort und fragt: „Bist Du Lara? Bist Du Lara?“
Schließlich (…) herrscht (er) die Sekretärin an: „Ich weiß doch, was ihr tut und wer ihr seid. Ich weiß, dass ihr da mit drinsteckt. Ich werde einen Bericht schreiben und das wird alles drinstehen.“

Holzmann verlangt von der Sekretärin mehrfach, dass sie ihm sagen solle, wie sie heiße. Immer wieder fragt er nach Ayşe. Er will wissen, wie lange Ayşe Nachhilfe gegeben hat. Die Sekretärin sagt, sie dürfe dazu am Telefon keine Auskünfte geben. Darauf sagt Holzmann, er habe eine Quelle, die bestätigen könne, dass Ayşe im Zentrum gearbeitet habe.
Sekretärin: „Wenn sie es so genau wissen, warum fragen Sie mich dann?“
Holzmann: „Ach so, dann hat sie also doch hier gearbeitet?“
Sekretärin: „Rufen Sie bitte in unserer Zentrale der Einrichtung an. Ich gebe Ihnen die Nummer.“ Darauf Holzmann: „Ich rufe an, wo ich will. Sie haben mir hier gar nichts zu befehlen!“

Auf Anfrage von MEEDIA erklärte Spiegel-Sprecher Hans-Ulrich Stoldt: "Es trifft zu, dass ein Spiegel-Redakteur im Rahmen seiner Recherchen zur Gülen-Bewegung Kontakt mit dem Bildungszentrum aufgenommen hat. Dabei hat er sich stets korrekt vorgestellt und sein Anliegen geschildert." Zu den dezidierten Darstellungen der Gesprächsverläufe sagt Stoldt: "Die in den DTN geschilderten Dialoge sind nach Angaben des Kollegen Fiktion." 
Sätze  wie ‚Ich weiß doch, was ihr tut und wer ihr seid. Ich weiß, dass ihr da mit drinsteckt. Ich werde einen Bericht schreiben und das wird alles drinstehen", seien – so der Spiegel-Sprecher "nie gefallen". Das gelte auch für die angebliche Formulierung „Ich rufe an, wo ich will. Sie haben mir hier gar nichts zu befehlen!" sind beispielsweise nie gefallen.
Dem widerspricht DTN-Herausgeber Maier. Auch ein Missverständnis aufgrund von Sprachproblemen schließt er aus: "Beide Frauen sind deutsche Staatsbürgerinnen und sprechen Deutsch wie ihre Muttersprache." Die Mitarbeiterinnen seien unabhängig von einander mehrfach befragt worden, hätten einen "absolut glaubwürdigen" Eindruck hinterlassen und ihre Angaben schriftlich bezeugt. Auch die Eltern, die bei einem Anruf im Raum waren, seien befragt worden.
Beide Frauen hätten "deckungsgleich und absolut glaubwürdig" versichert, dass sie "Angst hatten und sich bedroht fühlten", so Maier weiter. Er spricht von einer "rüden und unzulässigen" Recherche. Der Publizist sieht die Verantwortlung dafür nicht bei dem Reporter, den er deshalb namentlich auch nicht nennt, sondern im System. Bei der Recherche sei es letztlich nur darum gegangen "eine unhaltbare These zu retten", weshalb der Redakteur unter großem Druck gestanden haben müsse: "Das Problem ist, dass die Chefredaktion offenbar nicht dafür gesorgt hat, dass dieser Redakteur bei seiner ‚Recherche‘ professionell geführt wurde. Im Gegenteil: Offenkundig wurde der junge Mann ausgeschickt, um die Fakten ‚hart‘ zu bekommen – und zwar so schnell wie möglich."
In der Sache steht damit nun Aussage gegen Aussage. Doch trotz der im Raum stehenden erheblichen Vorwürfe Maiers bezüglich der Recherchemethoden scheint man beim Spiegel um Deeskalation bemüht. Sprecher Hans-Ulrich Stoldt: "Unser Justitiariat wird sich an Herrn Maier wenden und versuchen, die Angelegenheit vernünftig zu klären."
Nachtrag: Das Portal DTN hat in einem Update zum Artikel darauf hingewiesen, dass der zweite Anruf von "Holzmann" nicht am Mittwoch, sondern am Donnerstag um 14.30 Uhr eingegangen sei. MEEDIA hat die korrigierte Zeitangabe ebenfalls aktualisiert.

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