Die Wut der Medienjournalisten auf RTL

Publishing Das Zeitungs-Feuilleton erlebte mit dem herbeifantasierten Mord an FAZ-Mit-Herausgeber Frank Schirrmacher diese Woche sein Sommer-Theater. RTL-Chefin Anke Schäferkordt zog sich den Zorn der Medienjournalisten zu, indem sie die Inhalte der RTL-Programmpräsentation vorab ausplauderte. Gabor Steingart verordnet dem Handelsblatt jeden Freitag eine recht erfolgreiche Magazin-Kur. Und der Stern holte sich für eine Cover-Idee Inspiration aus Übersee.

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Er lebt zum Glück noch. Der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher modert nicht als zerfressene Leiche in der schwedischen Provinz vor sich hin, wie es sein früherer Mitarbeiter und SZ-Kollege Thomas Steinfeld in seinem Roman “Der Sturm” imaginierte. Nein halt! Steinfeld hat mit seinen detailsatten Beschreibung (“Hutmacher”-Schuhe) ja angeblich gar nicht Schirrmacher gemeint, wie er via Pressemitteilung erklärte, sondern eine “abstrakte, idealtypische Gestalt”, in die “einige der jüngsten Themen des internationalen Feuilletons und Charakterzüge vieler Kulturjournalisten eingeflossen” seien. Jaja. Schon klar. So spricht er eben, der Ertappte. Dabei hatte Richard Kämmerlings, der die Feuilleton-Posse in der Welt publik machte, zurecht darauf hingewiesen, dass die Verweise auf Schirrmacher und die wahre Identität des Autors in dem Buch “Der Sturm” so aufdringlich sind, dass Steinfeld geradezu darum bettelt, enttarnt zu werden. Was bleibt: eine lustige Feuilleton-Soap, aus der sich Schirrmacher und die FAZ bisher fein raushalten. Die Sucher nach dem Steinfeld-Pseudonym Per Johansson beim FAZ.net ergibt exakt null Treffer. Das Ignorieren ist im Feuilleton die schärfste Form der Verachtung.

Mit Verachtung haben die Kollegen vom Mediendienst DWDL diese Woche auch die RTL-Programmpressekonferenz gestraft. Grund: RTL-Chefin Anke Schäferkordt hatte im kuscheligen Interview mit Horizont schon einen Tag vorher alles verraten, was die versammelten Journalisten erst während der Pressekonferenz zu erfahren hofften. DWDL-Chefredakteur Thomas Lückerath notierte in pikiertem Tonfall: “Es ist eine neue Kommunikationsstrategie, die RTL da erfunden hat: Eine Art präventive Deeskalation eventuell aufkommender Spannung und Neugier.” Und der kress report merkte leicht säuerlich an, dass man nun, da die RTL-Chefin ja eh schon alles ausgeplaudert habe, auch alle Programmneuheiten schon vorab verkünde. Es wirkt in der Tat ein bisschen ungeschickt, was die routinierte RTL-Chefin da in Sachen Programmkommunikation veranstaltet hat. Und schon fragen wir uns: Will sie vielleicht ablenken? Aber von was? Vielleicht davon, dass die Quoten-Zugpferde “DSDS” und “Supertalent” schwächeln und alles, was man bisher von der kommenden “Superstar”-Staffel mit Thomas Gottschalk zu lesen bekam, Schlimmes befürchten lässt? Oder dass Programm-Ankündigungen, wie das neue “Dallas” oder eine Wiederauflage der “Traumhochzeit” eher an 60plus-TV statt an Zielgruppen-Marktführerschaft denken lassen? Wir wissen es auch nicht. Aber die RTL-Chefin wird sich schon irgendwas dabei gedacht haben. Auf die Premiere der neuen “Superstar”-Staffel sind wir nach den Schilderungen der Aufzeichnungen in Bild und bei Stefan Niggemeier jedenfalls sehr gespannt.

Interessantes Cover-Experiment beim Handelsblatt: Chefredakteur Gabor Steingart stattet seit einiger Zeit die Freitagsausgabe der Wirtschaftszeitung mit einem Magazin-Cover aus. Diesen Freitag sieht der Handelsblatt-Leser ein Segelschiff am Abgrund zum Thema “Was wird aus der Lebensversicherung?” Vergangene Woche nahm “Der digitale Kaufrausch – die Zukunft des Einkaufens” das gesamte Handelsblatt-Cover ein, die Woche davor eine Liebeserklärung an die Sparkassen. Die übrigen Ausgaben während der Woche haben dagegen weiter eine normale Zeitungsoptik. Die Logik dahinter ist klar: Das Handelsblatt erscheint samstags nicht und die Zeitung versucht zum Wochenausklang magaziniger daherzukommen. Die Rechnung scheint aufzugehen: In der jüngsten IVW-Auflagenanalyse war die Wirtschaftszeitung die einzige Tageszeitung, die, um die Effekte der neuen IVW-Regeln und sonstige Tricksereien bereinigt, Auflage dazugewinnen konnte.

Manchmal schielen deutsche Blattmacher rüber nach Übersee, um sich Cover-Ideen zu holen. Womöglich ließ sich der Stern für die Titelidee vergangene Woche mit der Familie, die in modernen Gadgets in ihrer iSolation versunken ist, inspirieren. Meinem Kollegen Nils Jacobsen war in den USA das Cover der Mitte-Juli-Ausgabe des New Yorker aufgefallen, das eine gewisse Nähe zum Stern-Titel hat. Auch der New Yorker zeigte eine Familie, versunken in ihre Gadget-Welt. Der New Yorker hat, anders als der Stern, aber keine Geschichte zum Cover – das US-Magazin gestaltet seine Titelseiten gerne unabhängig vom Heft-Inhalt. Das New Yorker-Cover ist zudem gemalt, während der Stern die Optik in Art früherer iPod-Anzeigen gestaltet hat. Beide Cover sind also durchaus eigenständig. Aber das Motiv der gemeinsam-einsamen Familie trifft offenbar einen Nerv in unserer vernetzten Gesellschaft. In den USA, wie auch hier.  
Schönes Wochenende!

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