„Der Sturm“: Ein Romantod als Racheakt?

Der Name des Mordopfers macht mich schon mal nicht besonders glücklich. Denn Christian Meier, so heißt der Tote in dem Buch "Der Sturm" von "Per Johansson", so heiße ich ja auch. Ein Allerweltsname, zugegeben. Und eigentlich geht es um etwas anderes. Welt-Feuilletonist Richard Kämmerlings schreibt nämlich, der Tote in dem Krimi soll FAZ-Großmeister Frank Schirrmacher sein – und der Autor des Romans SZ-Kulturchef Thomas Steinfeld. "Ein Racheakt", glaubt Kämmerlings.

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Der Name des Mordopfers macht mich schon mal nicht besonders glücklich. Denn Christian Meier, so heißt der Tote in dem Buch "Der Sturm" von "Per Johansson", so heiße ich ja auch. Ein Allerweltsname, zugegeben. Und eigentlich geht es um etwas anderes. Welt-Feuilletonist Richard Kämmerlings schreibt nämlich, der Tote in dem Krimi soll eigentlich FAZ-Großmeister Frank Schirrmacher sein – und der Autor des Romans SZ-Kulturchef Thomas Steinfeld. "Ein Racheakt", glaubt Kämmerlings.

Der bekannte schwedische Krimi-Autor Hakan Nesser hat einen sogenannten Blurb zu "Der Sturm" geliefert, also eine kurze Lobhudelei unter Kollegen. Er lautet: "Einzigartig und unterhaltsam. Dicht liegt das Geheimnis über diesem Kriminalroman wie der Herbstnebel über den schwedischen Wäldern." Ein toller Blurb, denn er lobt und verulkt diese Form der Kurz-Kritik, die immer auf den Buchrücken von potenziellen Bestsellern abgedruckt wird, zugleich. Und er weist auf ein literarisches Spielchen hin, das die Autoren hier (vielleicht und vermutlich) treiben.

Die Handlung des Krimis in Kürze: Ein Mann wird bestialisch ermordet, in einem Ort im Süden Schwedens. Als Detektiv muss Ronny Gustafsson ran, der eigentlich Lokalreporter ist. So weit, so konventionell. Das Opfer heißt allerdings nicht Benny, Lasse oder Bengt, sondern Christian Meier. Und der ist im Roman ein deutscher Chefredakteur. Zitat im Buch: "Bei uns ist das ein ‚big shot‘, kein einfacher Journalist, sondern ein mächtiger Mann – ein bisschen verrückt, aber ziemlich erfolgreich. Er ist der Chef einer Zeitung, die in ganz Deutschland gelesen wird." Stellt sich (nicht nur mir) die Frage: Warum wählt der Autor einen deutschen Chefredakteur als Mordopfer?

Die Autorenbiografie von Per Johansson liest sich auf der Seite des S. Fischer-Verlags so: "Per Johansson wurde 1962 in Malmö geboren und wuchs in der Nähe von Osby auf. Er studierte Elektrotechnik in Stockholm und arbeitete mehrere Jahre im Anlagenbau, bevor er Anfang der neunziger Jahre nach Berlin ging, um seinen künstlerischen Interessen nachzugehen: der Fotografie und dem Kurzfilm. Daneben baute er eine Firma auf, die sich hauptsächlich mit der Entwicklung von Homepages für Künstler und künstlerische Organisationen beschäftigt. Per Johansson lebt heute in Berlin und in der Nähe von Osby, wo er einen kleinen Bauernhof bewirtschaftet. »Der Sturm« ist sein erster Roman."

Richard Kämmerlings, der selber einige Jahre als Literaturkritiker bei der FAZ arbeitete, bevor er zur Welt wechselte, hat nun eine Reihe von Indizien gefunden, dass es sich bei Johansson in Wahrheit um SZ-Mann Steinfeld handeln soll. Der wiederum FAZ-Literaturkritiker war, bevor er 2001 unter großem Getöse mit zwei Kollegen zur Süddeutschen wechselte. Es geht also – immer unter der Annahme, dass es sich tatsächlich um Steinfeld handelt, der den Roman geschrieben hat – um einen Roman über einen toten Chefredakteur, geschrieben von einem Literaturkritiker, der sich damit offenbar an einem anderen Feuilletonisten abarbeitet, und dessen Identität von einem weiteren Literaturkritiker aufgedeckt wird. 

Ist also Johansson Steinfeld und Meier Schirrmacher? Die Indizien, die Kämmerlings u.a. nennt: Steinfeld ist Schweden-Kenner. Steinfeld hat über Krimis geschrieben. Die Schuhe des grausam zerstückelten Mordopfers gibt es am Hackeschen Markt in Berlin zu kaufen. Der fiktive Chefredakteur Meier hat sich mit "weltumspannenden Fantasien über die Macht der Netzwerke, die Zukunft der Roboter und die Allmacht der Gentechnik" beschäftigt" – wie Schirrmacher in der FAZ. Die internationalen Finanzmärkte und ihr Versagen, um die es später in dem Buch gehen wird, ist eines von Schirrmachers neuen Steckenpferden. Eine Figur im Roman ist einem Germanisten nachempfunden, den Steinfeld im vergangenen Jahr interviewte. Johansson gibt keine Interviews, seine Übersetzerin ist nirgends zu finden, und das schwedische Original ist noch gar nicht erschienen. Steinfeld liebt Bob Dylan, wie der Romanreporter Ronny auch. Steinfeld kennt den türkischen Schriftsteller Orhan Pamuk, der wie Nesser einen Blurb geliefert hat: "Der beste und intelligenteste Kriminalroman, den ich seit langer Zeit gelesen habe."

Undsoweiter.

Was folgert Kämmerlings nun aus den akribisch gesammelten Indizien? "Alles deutet darauf hin, dass der Feuilleton-Chef einer großen überregionalen Tageszeitung sich eine komplette Deckidentität inklusive getürkten Autorenfotos erfindet, um seinem Ex-Chef und Blattmacher-Rivalen unter dem Mantel der Fiktion eines grausigen Todes sterben zu lassen und dessen publizistisches Schaffen durch den Dreck zu ziehen." Und Kämmerlings fragt weiter: "Will er einen Skandal provozieren? Vielleicht sogar einschließlich juristischer Schritte Schirrmachers, um maximale Aufmerksamkeit und Verkaufszahlen zu erzielen? Dann wäre auch dieser Artikel hier Teil eines größeren Plans. Auszuschließen ist das nicht, es wäre allerdings publizistisches Roulette mit allerhöchstem Einsatz."

Für den Welt-Literaturkritiker steht fest: "Der Sturm" ist ein Schlüsselroman, ein als Unterhaltungsroman getarnter Racheakt. Hier wird Kämmerlings etwas tiefenpsychologisch, er spekuliert über eine "Fixierung" und "persönliches Konkurrenzverhältnis", die Verteidigung einer verletzten Ehre. Und er stellt Parallelen her zum Walser-Roman "Tod eines Kritikers", einem Angriff auf Marcel Reich-Ranicki, den Schirrmacher damals in der FAZ als "antisemitisch" verurteilte.

Die Geschichte des Krimis, wie sie Kämmerlings in der Welt aufschreibt, ist selber ein kleiner Krimi. Sehr meta, sehr selbstbezogen, sehr gefangen in der kleinen Welt der Literaturkritik. Aber, wenn man das alles überhaupt für interessant und relevant erachtet, auch spannend und unterhaltsam – wie offenbar der "Sturm" selber. Aber: Stimmt das nun alles? Steinfeld antwortete bisher nicht auf eine MEEDIA-Anfrage. Und Frank Schirrmacher lässt ausrichten: "Ich lese keine schwedischen Kriminalromane".  

Der Verfasser dieser Zeilen wartet jedenfalls noch auf einen Hinweis, ob sich der Autor von "Der Sturm" bei der Suche nach einem Namen für sein Mordopfer sehr wenig oder sehr viel Mühe gegeben hat.

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