Schnappatmung und Lächellähmung

Fernsehen Sport und Medien treffen sich in London zum großen Spektakel. Dabei zu sein sei alles, so sagt man. Mal ehrlich - wir wollen auch dabei sein. Ein wenig zumindest. In unregelmäßiger Reihenfolge wirft MEEDIA-Autor Christopher Lesko einen Blick auf Olympia 2012, auf Berichterstattung und Berichterstatter in den Medien - mit Freude, mit Spott oder Verwunderung. Nicht immer ernst, bewusst nicht immer freundlich. Eindrücke aus der Welt der medial-olympischen Rundum-Versorgung.

Werbeanzeige

Es ist wieder soweit. Spiele sind, olympische. ARD und ZDF berichten im medialen Overkill und blasen quotentechnisch alles weg: Biertisch oder Eheringe haben  aktuell keine Chance gegen jene fünf olympischen Ringe, die Syrien, die Euro-Krise und andere Nebensächlichkeiten des Weltgeschehens in ihren medialen Schatten stellen. Wir also sind aktuell nicht Papst, nicht Bohlen und nicht Dschungelcamp: Wir sind Olympia. Und wir sind öffentlich-rechtlich. Dabeisein ist alles: Auch für jene Moderatoren und Kommentatoren, die als olympische Reiseleiter deutsche TV-Zuschauer aus Schwimmbädern und Eiscafés vor die Schirme hieven sollen.
Zeit, um einen kleinen, bösen Blick aufs Personal zu werfen und mit einigen Reiseleitern des ZDF zu beginnen. Und da man über Gutes, Bewährtes und Grandioses kaum vernünftig lästern kann, sollen Positives, Euphorie und Begeisterung für heute auf spätere Olympia-Splitter verschoben werden. Nicht zuletzt die deutsche Olympia-Mannschaft hat ja bewiesen, dass es auf Sicht nicht immer schlecht sein muss, mit Losern und kritischen Eindrücken zu beginnen.
ZDF-Reiseleiter in der Einzelkritik
Was hormonelle Episoden angeht, ist Béla Réthy als grundlos aufgewühlter Poschmann-Nachfolger mit Schnapp-Atmung erfolgreich auf der Spur: Nur wenigen Kommentatoren im deutschen Fernsehen gelingt es, selbst die belanglosesten aller Banalitäten blutdrucktechinsch mit einer derart vehementen  Dramaturgie zu versehen, dass deutsche Zuschauer den Impuls verspüren mögen, aus tiefer Sorge um die Gefäßwände des 55-Jährigen Londoner Notärzte mit Anrufserien zu Réthy in die Sendebunker beamen.
Béla Réthy ist durchaus sympathisch, und Sportkommentare brauchen Emotion. Wenn sie jedoch regelmäßig derart die Kontrolle über Stimme und Silbenendungen übernimmt, dass gesprochene Worte zur Nebensache werden, stimmt das Verhältnis nicht.
Poschmann, der Rar-Gewordene, hatte jenen Kommentatoren-Stil wesentlich geprägt: Leidenschaft mit Aufgeregtheit zu verwechseln. Stimme und Tonmelodie an jenen Stellen anzuheben, an denen Zuschauer auf der Couch einzunicken drohen, weil wirklich gar nichts passiert. Ein bisschen “Tschaka“ und immer unter Druck. Nein, Réthy und Poschmann sind keine Meister jener Zwischenräume, die so wichtig sind für Moderatoren und Kommentatoren.
Immerhin bilden sie als Reiseleiter ein solides Gegenstück zu Kathrin Müller-Hohenstein, die sich in den ersten Tagen der Spiele ohne Olli Kahn geduckt an neue sportliche Co-Kommentatoren heranwieselte, um mit gelernter Lächellähmung deutsche Misserfolge schön zu grinsen. KMH trotze den anfangs desaströsen deutschen Leistungen mit bedauernswerter Konsequenz und wirkte dabei in einer Weise glückselig, wie man sie von Menschen kennt, die – wenige Millimeter vor der Verblödungsgrenze – durch Wirklichkeit nicht mehr zu irritieren sind. Die Frau ohne Ecken und Kanten bleibt auch in London ein schwieriges Thema für jene Zuschauer, die es schlecht ertragen können, wenn Frauen neben Männern sich ohne Not kleiner machen, als sie sind. Das wirkt bei aller Routine und fachlichen Professionalität in den leisen Tönen und Gesten manchmal fast erbärmlich.
Bei Michael Steinbrecher warten Zuschauer auch während der Olympischen Spiele 2012 bislang vergeblich auf den Stimmbruch. Der Mann, der  seit Beginn seiner TV-Karriere so wenig hält, was sein Nachname verspricht, säuselt bislang auch in London süffig durch den Äther: zart, indifferent und stets ein wenig glitschig. Ebenso legendär wie tragisch seine Gesprächsführung mit Bündeln in sich geschlossener Fragen, die jedes Leben, jeden wirklichen Kontakt konsequent abwürgen.
Man hat als Zuschauer die Hoffnung auf Entwicklung aufgegeben, obwohl man immer noch ein wenig wünscht, aus dem Michael möge durch ein unvermutetes Wunder doch noch ein Steinbrecher, aus dem inzwischen großen, müden Jungen irgendwann ein Mann werden. Steinbrecher selbst allerdings trotzt diesem Wunsch: Ein Mann, gemacht fürs Synchronschwimmen. Jede deutsche Hockey-Dame hat mehr Drive als der bemühte Lockenmann mit der Fistelstimme. Wer in London auf Spannung im Kontext von Steinbrecher hofft, wartet also vor der Glotze besser darauf, dass einer seiner Gesprächspartner irgendwann auf der journalistischen Schleimspur ausrutscht.
Immerhin haben die Mainzelmänner nach den Erfahrungen der Fußball-EM bislang bei Cerne-Rudi darauf verzichtet, ihn in die Strudel englischsprachiger Interviews zu jagen. Eine ohne Zweifel weise Entscheidung. Cerne fühlt sich auf gefrorenem Wasser sicherer. Zu deutlich ging der Nordic-Talker Cerne in seinen englischen Interviews während der EM in Polen sprachlich am Stock. Auch Cerne ist als Olympia-Reiseleiter niemand für Survival-Touren, sondern scheint mit der Konzentration auf eigene Überleben angemessen ausgelastet. Als Kurparkwächter eines Freizeitparks für Senioren oder in weißer Joppe als Kellner auf der Aida gäbe Cerne sicher eine stilechte Figur und könnte es leichten Fußes in Herzen und Testamente pelzbehangener, deutschsprachiger Mittachtzigerinnen schaffen.
Ach ja: Natürlich hat das ZDF auch Touristik-Kollegen auf der guten Seite der Waage, und natürlich haben jene Moderatoren und Kommentatoren, die hier kritisch beschrieben werden, gute Tage und Momente:
Mit Blick auf Kretis, Pletis, Yetis oder  Réthys des Screens darf man allerdings hoffen, dass die Qualität der Wirkung der ZDF-Reiseleiter in den kommenden Tagen ebenso gewinnt wie das Medaillenkonto der deutschen Olympiarecken.
Sie müssten für sich selbst vielleicht glauben können, was Béla Réthy vorgestern in seinem Kommentar den deutschen Hockey-Damen zugesprochen hat: "Schließlich sind die deutschen Damen gut besteckt."

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige