„Hyperlokaler Journalismus hat Potenzial“

Publishing Hyperlokal gehört zu Modewörtern, wenn es um Journalismus 2.0 geht. Die Schüler der Axel Springer Akademie versuchen in ihrem neuesten Projekt, das Buzzword mit Leben zu Füllen. Dafür haben sie sich die Oranienstraße ausgeguckt und rücken dem Kreuzberger Kiez mit App, Blog und via Facebook und Twitter zu Leibe. Im Interview verrät Schulleiter Spahl: „Die Herausforderung liegt darin zu zeigen, dass die alte Journalistenweisheit 'Die besten Geschichten liegen auf der Straße vor Deiner eigenen Tür' stimmt."

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Wo lag die größte Herausforderung beim Projekt Zoom-berlin.com?

Marc Thomas Spahl: Erstens zu zeigen, dass die alte Journalistenweisheit „Die besten Geschichten liegen auf der Straße vor Deiner eigenen Tür“ stimmt. Zweitens eben nicht nur über diese Straße zu berichten, sondern direkt aus ihr, mit allem, was dazu gehört, zum Beispiel dass einer aus dem Team dort sogar für sein Blog in eine WG gezogen ist. Und drittens – die größte Herausforderung: zu beweisen, dass das Ganze nicht langweilig wird. Tolle Geschichten sind auf der Seite, viele exklusiv, dazu allein mehr als 60 Videos. Man kann sich da richtig verlieren.  

Zoom-Berlin.com
Hat hyperlokaler Journalismus überhaupt eine Zukunft? Die NYT fährt ihr Engagement in diesem Bereich ja gerade massiv runter?
Uns ging es darum, das enorme Potenzial zu zeigen, das professioneller hyperlokaler Journalismus hat. Wir sagen immer, wir müssen als Journalisten noch mehr Nähe zu unseren Lesern und Usern finden. Das hier ist eine phantastische Möglichkeit, genau das zu erreichen! Näher dran und authentischer kann Lokaljournalismus kaum sein. Und wie man als Redaktion davon profitiert – nämlich ein wahres Füllhorn von spannenden Geschichten zu haben, bei denen wirklich die Menschen im Mittelpunkt stehen – das zeigt die Seite sehr schön.
Wie realitätsnah ist ein solches Projekt?
Klar wäre dieses Konzept, wollte man es ausweiten, zu aufwändig. Aber man muss ja nicht gleich alle 14.000 Berliner Straßen angehen. Man könnte sich jeweils eine Straße in jedem Bezirk vornehmen, die ihn in besonderer Weise repräsentiert. Die für den ganzen Bezirk steht. Allein das hat Signalwirkung: Wir sind vor Ort! Das Hamburger Abendblatt und die Berliner Morgenpost aus unserem Haus haben ja schon gute Erfahrungen mit hyperlokalem Journalismus gemacht. Was die redaktionellen Inhalte und die Arbeit des Teams betrifft: Das war nicht nur realitätsnah, sondern professionell, in jeder Hinsicht. Da ist eine beachtliche Tiefe und Authentizität der Berichterstattung gelungen.
Liese sich so etwas auch kostendeckend von Regionalverlagen machen?
Da sind wir wieder bei unserer Schicksalsfrage: Bezahlangebote im Internet. Haben wir den Mut zu investieren, den unbedingten Willen, wirklich den besten, leidenschaftlichsten und in der ganzen Bandbreite überzeugendsten Journalismus zu machen? Und finden wir dann innovative Wege der Vermarktung – für dieses Angebot zum Beispiel die Idee einer eigenen Reihe von Stadtführern, die es so noch nicht gegeben hat? Dann ist die Antwort: ja. Ein Wagnis, natürlich, aber wenn es irgendwo funktionieren kann, dann mit Sicherheit im Lokalen.
Auf wie lange ist das Projekt angelegt. Werden die Journalisten-Schüler auch weiterhin aus der Oranienstraße berichten?
Die sind jetzt in ihrer nächsten Station und produzieren als Team vier Monate lang Welt Kompakt. Die nächste große Herausforderung ihrer Ausbildung. Insofern ist das Projekt, das ja auch ein Experiment ist, erst mal abgeschlossen und stellen wir es so zur Diskussion. Aber ich weiß, die jungen Kollegen sind dort in Kreuzberg inzwischen so verwurzelt, dass sie da selbstverständlich weiter recherchieren. Einige Geschichten haben sie eh noch in der Mache, so dass sie weiter per Blog und auch Facebook und Twitter aus der Oranienstraße berichten werden.
Was muss passieren, damit Sie sagen: das Projekt war ein Erfolg?
Es steht mir nicht zu zu sagen, das ist es jetzt schon. Aber zur Sitekritik hatten wir etwa den Vizechef der Augsburger Allgemeinen Jürgen Marks und die Lokalchefin von Bild Berlin Miriam Krekel zu Gast, und die waren absolut begeistert. Wir wollen mit diesem Projekt den Lokaljournalismus auf besondere Weise feiern. Wenn das gelingt, wenn wir auch die Leute begeistern können, die eigentlich gar nichts mit der Straße am Hut haben, dann ist es ein großer Erfolg.

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