Bellut: „Unterhaltung nicht auf der Höhe“

Fernsehen Der ZDF-Intendant Thomas Bellut hat seine erste Interview-Runde gegeben – und erweist sich als besonnener, realistischer und dabei veränderungswilliger TV-Manager. Anders als sein Vorgänger Markus Schächter, der zuweilen stark verklausuliert formulierte, spricht Bellut geradeheraus. Über die Verjüngung des Senders, die Reform der "heute"-Nachrichten, den Streit mit Verlagen. Dennoch ist von ihm keine Revolution im ZDF zu erwarten. Es müsse "vorsichtig umjustiert" werden, sagte Bellut der Zeit.

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Keine Frage, der Job des ZDF-Intendanten benötigt viel Feingefühl. Bellut bemühte sich in seinen Antrittsinterviews, nicht zu sehr herumzuschwafeln, ein bisschen Selbstkritik darf durchaus sein. So sagte er im Gespräch mit der Zeit: "Bei uns ist die klassische Unterhaltung, zum Beispiel Quiz, auch nicht mehr auf der Höhe, auf der sie früher war." Zuvor hatte Bellut prognostiziert, dass Castingshows "ihren Zenit überschritten" hätten. Die Unterhaltung befinde sich im Umbruch, "alte Muster" stimmten nicht mehr: "Die große Show muss neue Impulse bekommen".

Auch ohne explizite Nennung von "Wetten, dass…?" ist klar, was gemeint ist: Der neue Moderator Markus Lanz soll die ZDF-Samstagabendshow neu beleben. Ganz nebenbei erwähnt der Mann, der bereits sein Volontariat beim ZDF absolvierte, er habe Thomas Gottschalk vom Wechsel zur ARD abgeraten, vor allem abgeraten "von Format und Sendeplatz" der inzwischen gefloppten und eingestellten Vorabendsendung.

Bellut sieht in dem ZDF nicht mehr den "Unterhaltungsdampfer", sondern einen "Informationssender". Die "heute"-Sendung um 19 Uhr müsse sich "gewiss auch erneuern". Es bleibe indes bei einer politischen Talkshow im ZDF. Mehr "hart recherchierte Dokumentationen" wünsche er sich im Programm, auch auf die Gefahr hin, niedrigere Quoten hinnehmen zu müssen. Doch Bellut greift auch das auf, was Vorgänger Schächter den drohenden "Generationenabriss" nannte – er wolle "Erfolg haben". Dazu gehöre auch eine gute Quote.

Schon heute ist dagegen klar, dass Bellut sich auf Dauer nicht schützend vor alle drei Digitalsender des ZDF stellen wird. "Wir müssen uns schon fragen, wie viele Digitalkanäle wir stemmen können", sagte er. Priorität genössen ZDF.neo und der Infokanal, auch wenn sein Herz für ZDF.kultur ebenso schlage. Damit zeichnet sich aber ab, dass vermutlich auch die ARD einen Digitalkanal in den kommenden Jahren streichen wird – um vielleicht gemeinsam mit dem ZDF einen Jugendkanal aufzubauen.

Bellut ging auch kurz auf den Streit zwischen Verlagen und öffentlich-rechtlichen Sendern ein. Er bekräftige noch einmal, das ZDF werde seine digitalen Angebote vor allem auf die Wiedergabe von Bewegtbildern konzentrieren. Dafür seien TV-Sender schließlich Spezialisten. Die "ausführlichen Textangebote" sollten die Verlage liefern. Hintergrund: Eine Reihe von Verlagen klagt gegen die App der ARD-"Tagesschau", weil diese dort einen zu hohen Anteil von Texten festgestellt haben – der die kostenlose App in Konkurrenz zu kostenpflichtigen Verlags-Apps bringe.

"Ich muss erahnen, was in zehn Jahren sein wird", sagte der ZDF-Chef der Süddeutschen Zeitung. Jeden Tag bekomme er einen Report, wie der Sender wahrgenommen werde – von Medien, aber vor allem von den Zuschauern. Darum suche er "nach neuen Formen, mit dem Publikum in einen Dialog zu treten". Auf Facebook allerdings werde er kein Profil einrichten, das lehne er ab, so Bellut gegenüber der Zeit.

Viele Themen, die schon seinen Vorgänger Markus Schächter umtrieben, wird Bellut übernehmen. Die Kernfrage ist und bleibt: Wie will das öffentlich-rechtliche Fernsehen sich beim Gebührenzahler so empfehlen, dass es seinen Werten und seinem Auftrag verpflichtet bleibt, zugleich aber diesen Anspruch neu definiert für neue Generationen von Fernsehzuschauern, die mit dem Zweiten nicht besser sehen, weil sie den Sender gar nicht auf ihrer Fernbedienung eingespeichert haben?

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