Der Spiegel feiert das Smartphone

Das iPhone wird fünf: Was liegt da näher als eine Spiegel-Titelgeschichte? "Sei doch mal still!" fordern die Hamburger auf – und wollen eine Anleitung zur digitalen Diät geben, pünktlich zur Ferienzeit. Das ist jedoch nur der Aufmacher des Spiegels – im Heft spielt die Frage, wie sehr uns grenzenlose Mobilität vereinnahmt, eine Nebenrolle. Die Titelgeschichte beschäftigt sich vielmehr mit dem grenzenlosen Siegeszug der Smartphones. Und das diesmal sehr lesenswert, Thomas Tuma sei Dank.

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Das iPhone wird fünf: Was liegt da näher als eine Spiegel-Titelgeschichte? "Sei doch mal still!" fordern die Hamburger auf – und wollen eine Anleitung zur digitalen Diät geben, pünktlich zur Ferienzeit. Das ist jedoch nur der Aufmacher des Spiegels – im Heft spielt die Frage, wie sehr uns grenzenlose Mobilität vereinnahmt, eine Nebenrolle. Die Titelgeschichte beschäftigt sich vielmehr mit dem grenzenlosen Siegeszug der Smartphones. Und das diesmal sehr lesenswert, Thomas Tuma sei Dank.
Die Vorlage ist groß: 35 Millionen verkaufte iPhones in 91 Tagen können nicht lügen. Ein Produkt, das es vor fünf Jahren noch nicht gab, generiert heute 25 Milliarden Dollar von Apples Umsätzen – pro Quartal. Das sind 100 Milliarden Dollar im Jahr, mehr als die Hälfte von Apples Gesamtumsätzen, mehr als alle Umsätze von Microsoft. In anderen Worten: Apples iPhone-Sparte ist wertvoller als der zweitwertvollste Technologiekonzern der Welt.
Keine Frage: Das iPhone ist der bislang größte Wirtschaftserfolg des laufenden Jahrhunderts. Nun kommt der Ritterschlag mit einiger Verspätung auch vom Spiegel: Zwar gab es auch vor Apples Launch vor fünf Jahren Smartphones von Nokia und vor allem von dem Blackberry-Anbieter RIM – doch: "erst das iPhone entwickelte diese kathartische Wirkung, weil es mehrere Ideen zu einer Weltrevolution bündelte", adelt der der Spiegel in seiner aktuellen Titelgeschichte.

Verspäteter Ritterschlag vom Spiegel: Das iPhone – "eine Weltrevolution"

Das iPhone – "eine Weltrevolution"? Man muss angesichts solcher Superlative schon zweimal hinsehen, dass man tatsächlich den Spiegel in den Händen hält – jenes Leitmedium, das noch vor rund einem halben Jahr einen denkwürdigen Abgesang  auf Apple startete: "Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Apple ohne seinen Gründer und Ideengeber (Steve Jobs) nicht mehr zurechtkommt und man schon in ein paar Jahren von Apple nur noch in der Vergangenheitsform redet", so das harsche Urteil der Hamburger Nachrichtenredakteure Ende November. 
Der Macintosh-Hersteller sei "zur Sensation verdammt", folgerte der Spiegel und war sich sicher: "Apple hat es schwer." Ein halbes Jahr später steht der Kultkonzern aus Cupertino besser da als je zuvor, ist mit weitem Abstand das wertvollste Unternehmen, das seinen Börsenwert seit den Prophezeiungen der vergangenen Spiegel-Titelgelschichte etwa um 250 Milliarden oder fast 50 Prozent gesteigert hat. 
Kolumnig statt verkopft: Krisenkolumnist Thomas Tumas Titelstory
Doch das war nur das eine Problem der vergangenen Internet-Titelgeschichten des Spiegels. Jahrelang haben sich Print-Redakteure an der Elbe an Internet-Themen in anachronistischer Form abgearbeitet – und dabei eine steile These nach der nächsten aufgestellt: Apple sei das neue MySpace, AOL oder Netscape, Facebook dagegen das Unternehmen der Zukunft, Google "datenbesessen". Viel zu verkopft, viel zu wirklichkeitsfremd kamen die Hamburger Co-Produktionen  von teilweise bis zu 10 Autoren oft daher. 
Diesmal ist endlich alles anders:  Der Internet-Titel ist ein Autorenstück des Wirtschaftsressortleiters Thomas Tuma, der in der Vergangenheit bereits die eine oder andere Auszeichnung eingeheimst hat. Nebenbei war der 47-Jährige Spiegel Online-Lesern  als "Krisenkolumnist" bekannt – "Weltkrise privat" zählt zum Besten, was über die Auswirkungen der Post-Lehmann-Ära im Alltag zu lesen war. 
Allgegenwärtiges iPhone: Den Weg in die Westentasche gefunden

In dieser Tradition liest sich die Titelstory wie eine süffige Kolumne im XXL-Format. Tuma weist einerseits auf den enormen Erfolg des iPhones hin, vor allem aber erklärt er die Wirkung des Apple-Bestsellers oder anderen Smartphones im Privaten. 

Selten war der viel zitierte Apple-Slogan "Das verändert alles" schließlich so zutreffend wie beim bestverkauften Smartphone-Modell der Welt. Gerade mal fünf Jahre ist der Launch der ersten iPhone-Generation her, ein halbes Jahrzehnt, in dem sich unser Umgang mit dem Internet so fundamental verändert hat wie nie.

Dank des iPhones ist das Web tatsächlich mobil geworden, es hat buchstäblich den Weg in unsere Westentasche gefunden und ist damit immer präsent – erst recht in Form des Ökosystems der App-Economy, die es seit gerade mal vier Jahren gibt und doch in unserem Alltag nicht mehr wegzudenken ist.

Die menschliche Seite der Smartphone-Sucht: "Ich verehre das Produkt" 
Welche Auswirkungen die neue Abhängigkeit vom Smartphone in unserem Alltagsleben hat, beschreibt Tuma auf wunderbar lässige Weise, die den vorangegangenen Internet-Titeln völlig abging: Was passiert eigentlich, wenn man seinen SIM-Code vergisst, drei Schüsse hat man schließlich nur frei? 
Und mehr noch: Wir erfahren, wie Tuma seine Tochter mit seiner Taschenlampen-App beeindruckt. Warum er Angry Bird-spielsüchtig geworden ist. Warum in der Kleinfamilie Tuma der Tech-Konsum in fünf Jahren von einem Handy auf drei weitere Smartphones, zwei Tablets und vier Laptops anzog. Wie Tuma mit den eingesteckten Ohrstöpseln zu Boden blickend durch Hamburg stiefelt. Warum er heute weniger telefoniert, dafür aber mehr mailt oder SMSst. 
Es menschelt also. Gut so!

Im Sog des Smartphones:  "Die Piraten sind die Partei zum Produkt" 

Am Ende liest man sogar gänzlich unvermutete Bekenntnisse wie diese: "Ich verehre das Produkt. Ich trage es immer bei mir wie sonst nur Ehering oder Brieftasche. Ich packe es in ein Schutzmäntelchen. Ich habe  Stunden damit verbracht, den schönsten Klingelton auszuwählen. (…) Letztlich will ich aus einem Massenprodukt ein Stück Ich machen, Prestigegewinn inklusive. iPhone, also bin ich." 

Auch das Politische bekommt seine Dimension: "Das Smartphone hat die Politik verändert, die Wirtschaft, die Gesellschaft und ihre kompletten Kommunikationsstrukturen", so wie Tuma eine interessante Folgerung macht: "Es kann kein Zufall sein, dass der Aufstieg der Piraten parallel zu dem des Smartphones verlief. Die Piraten sind die Partei zum Produkt." 
Eine interessante These einer lesenswerten Titelgeschichte, die allerdings das Versprechen ihres Covers nur bedingt einlöst. Tumas Aufmacherartikel beschäftigt sich mit Phänomen des digitalen Fastens – und ob es nötig sei – bestenfalls am Rande. Im Zweiseiter "Aus! Zeit!" wird die Zeitgeistdebatte um digitale Überflutung, Burnout und die Notwendigkeit abzuhalten, nachgereicht, ohne allerdings wirklich neue Aspekte zu beleuchten. 

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