JvM-Holocaust-Film zeigt falsches Nazi-Opfer

Marketing Die Diskussion um den Cannes mit zwei Löwen ausgezeichneten Casefilm der Agentur Jung von Matt zum Holocaust-Gedenken entwickelt sich für die Hamburger Werber immer mehr zum Lionsgate. Wie berichtet enthält der Festival-Streifen eine Reihe von Unstimmigkeiten und regelrechten Fakes, die die tatsächlichen technischen Möglichkeiten der virtuellen Stolpersteine-Map weit übertreiben. Nach Recherchen von MEEDIA zeigt der Film zudem gleich zweimal ein falsches Opfer-Foto.

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Zur Vorgeschichte: Die Werbeagentur Jung von Matt gewann beim renommierten Werbefestival in Cannes zwei Löwen für die Arbeit "Stones telling Stories", bei der es um das Stolpersteine-Projekt zum Gedenken an den Holocaust geht. Allerdings war der in Cannes vorgeführte Casefilm zu großen Teilen ein Fake – es wurden zahlreiche Funktionen vorgeführt, die es gar nicht gab. Zudem stellte sich heraus, dass die Idee zu dem Projekt auch nicht neu ist.
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Jetzt zeigt sich, dass sogar Fotos von Holocaust-Opfern in dem Case-Film von Jung von Matt falsch sind. Dass das zufällig oder versehentlich geschehen sein könnte, scheint unwahrscheinlich. Denn das Schicksal des aus der Hamburger Susannenstraße deportierten und später ermordeten Siegfried Salomon wird im Casefilm von Jung von Matt geradezu als Musterbeispiel der Kampagne verwandt. So wird die Biografie von Siegfried Salomon wiederholt eingeblendet (bei Filmminute 1:13 und 1:33), jeweils zusammen mit einem Foto, das einen Jugendlichen mit Brille zeigt. Nur: Von Siegfried Salomon gibt es weder auf der offiziellen Stolpersteine-Seite der Stadt Hamburg (www.stolpersteine-hamburg.de)‘>www.stolpersteine-online.com ein Foto – dort erscheint nur eine Leerfläche mit dem Eintrag "kein Foto vorhanden".
MEEDIA fragte bei Autorin Gunhild Ohl-Hinz nach, die für die offizielle Seite den Biografie-Eintrag zu Siegfried Salomon recherchiert und geschrieben hat. Sie erinnert sich: "Gerade in diesem Fall war es für uns ganz schwierig, überhaupt Material zu finden. Fotos waren nicht dabei."

Das Foto zu dem Stolpersteine-Eintrag von Siegfried Salomon aus dem Jung-von-Matt-Casefilm (unten) zeigt in Wirklichkeit Heinz Adolf Abramssohn (oben)
Wer aber ist auf dem Foto abgebildet? Ein alphabetische Fotosuche auf der offiziellen Website der Stadt Hamburg liefert schon nach wenigen Einträgen das Ergebnis. Im Werbefilm zu sehen ist das Porträt von Heinz Adolf Abrahamssohn, von den Nazis verschleppt aus der Eppendorfer Landstraße 84. Salomon war Jahrgang 1882 und zum Zeitpunkt seiner Inhaftierung 1941 bereits 59 Jahre alt. Abramssohn wurde 1923 geboren und als 18-Jähriger ins KZ Lodz deportiert. Dass sein Jugendfoto, auf der Webseite mit einer eindeutigen Bildunterschrift sowie einem Copyright-Hinweis (Yad Vashem) hinterlegt, plötzlich unter einem anderen Namen im Casefilm von Jung von Matt auftaucht, ist kaum nachvollziehbar und entweder ein schwerwiegender Verstoß gegen die Sorgfaltspflicht oder – schlimmer – eine Respektlosigkeit gegenüber den Opfern.
Von Seiten der Agentur gab es dazu auf Anfrage von MEEDIA keine Erklärung. Auch dazu, woher die im Casefilm kleiner abgebildeten "weiteren Fotos" zur Biografie von Siegfried Salomon stammen könnten, schweigt Jung von Matt. Möglicherweise spielte es eine Rolle, dass die Susannenstraße im trendigen Hamburger Schanzenviertel liegt und deshalb gut zur Kampagnenidee passt, dass junge Leute auf ihrem Weg "zur Pizzeria oder zum Friseur" auch die Stolperstein-Mahnmale der Opfer passieren – ausgerechnet dort fehlen aber (wie generell bei vielen Mahnmalen) Fotos, die die Ermordeten zeigen. Doch gerade die Bebilderung ist ein zentrales Element im Casefilm, in dem es aus dem Off heißt: "Auf einen Klick werden die Opfer wieder lebendig – Bilder, Biografien, Erinnerungen."
Im Fall Siegfried Salomon bleibt lediglich eine Biografie, die sich auf einige Amtsunterlagen und einen von seiner nach Amerika ausgewanderten Tochter in den 50er Jahren angefertigten schriftlichen Lebenslauf stützt – und der Verdacht, dass die Verantwortlichen in der Werbeagentur womöglich unter dem Druck des nahenden Festivals in Cannes ihrer Kampagne mit Tricksereien auf die Sprünge halfen. 

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