Dapd liefert News an Mercedesfahrer

Publishing Ohne den angekündigten Verkehrsminister Ramsauer, aber mit drei Mercedes-Modellen vor der Haustür stellte die Nachrichtenagentur dapd am Mittwoch eine Kooperation vor, die richtungsweisend sein könnte. In mit Multimediasystemen ausgerüsteten Mercedes-Modellen rauschen künftig Meldungen und Bilder der Agentur ein. Die Kooperation zwischen dapd und der Daimler AG gilt weltweit; der Service wird in 28 Sprachen verfügbar sein. Für die Agentur ist das Tor zu neuen Geschäftsmodellen aufgestoßen.

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Die Agentur kann mit dem Projekt gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen – zum einen zieht sie einen Referenzkunden aus den Reihen der DAX-Konzerne an Land. Auf diese so zahlungskräftigen wie innovationsfreudigen Unternehmen haben es alle Nachrichtenagenturen abgesehen, denn allein mit ihren Bestandskunden im Mediensektor werden sie in Zukunft nicht bestehen können. Laut dapd-Gesellschafter Peter Löw liegen die Umsätze mit Unternehmenskunden wie Vodafone, Telekom und Orange, die News von dapd beziehen, bisher bei 4 Millionen Euro jährlich. Der Deal mit Daimler stoße die "Tür zu einem neuen Level auf". Peter Häußermann, der Telematik-Chef bei Daimler, sparte bei der Vorstellung der Partnerschaft nicht mit Lob – dapd erfülle "als einzige Nachrichtenagentur die hohen Anforderungen", die der Konzern an einen News-Lieferanten stelle.
Zum anderen gibt die Kooperation eine mögliche Antwort auf die Frage, wie Agenturen von den Chancen der zunehmenden Mobilität mit neuen Geschäftsmodellen profitieren können. So sehr Mobiltelefone die Vernetzung und ständige Verfügbarkeit vorangetrieben haben, so sehr ist das Automobil als solches noch entwicklungsfähig, was seine Rolle als Service- und Informationsvehikel angeht. Das Radio allein reicht längst nicht mehr, es gilt das Ziel "always on" nun auch fürs Autofahren. Mehrere Millionen Autos der Marke Mercedes, so die vage offizielle Aussage, sollen mit dem System "News on Board" ausgestattet werden.
Wie sieht "News on Board" konkret aus? Auf das Display des Bordsystems von Mercedes werden in der jeweiligen Landessprache aktuelle Meldungen und Bilder geliefert, vorrangig aus den Themenfeldern Politik, Wirtschaft, Sport und Entertainment. Die Inhalte stammen von Kooperationspartnern der Agentur in 22 Ländern. Wermutstropfen: Bisher laufen in das System tatsächlich nur Meldungen auf dem Bildschirm ein. Eine Vorlesefunktion fehlt noch, soll aber rasch angeboten werden. Bis dahin müssen Mercedesfahrer über gute Multitasking-Fähigkeiten verfügen, bzw. im Fahren auch lesen können.
Für Daimler bedeutet die News-Belieferung eine Erweiterung der Angebotspalette. Über ihr Multimediasystem, genannt Comand Online, stellen die Autobauer ihren Kunden bereits seit dem vergangenen Jahr verschiedene kostenlose wie kostenpflichtige Anwendungen, die sie auch Apps nennen, zur Verfügung: etwa Google Local Search und Streetview, Routenplaner, Wetterbericht, neuerdings auch Facebook. Bis zu zwölf Apps will der Konzern im Jahr anbieten. Die News-App kostet für Kunden, die bereits ein Auto mit Comand Online besitzen, 9,95 Euro im Jahr. Neukunden und Mercedes SL-Fahrer bekommen den Service zunächst gratis. Das System ist übrigens nicht direkt mit dem Internet verbunden – aus Sicherheitsgründen. Die Informationen werden über einen sicheren Server übermittelt, beruhigt Elektronik-Chef Häußermann solche Kunden, die sich vor Viren im Auto fürchten.

Ganz neu ist die Idee, Autos zu fahrenden Informationszentralen zu machen, freilich nicht. AFP-Chef Clemens Wortmann weist in den Kommentaren zu diesem Artikel darauf hin, dass BMW über das System Connected Drive schon seit einiger Zeit News anbietet, die von der französischen Nachrichtenagentur in verschiedenen Sprachen geliefert werden, auch auf Deutsch. Und der Audi A8 wurde von einer Jury in den USA zum "Connected Car of the Year 2012" ausgezeichnet.
Finanzinvestor Löw, der dapd vor einigen Jahren gemeinsam mit Martin Vorderwülbecke gekauft hatte, preist die Kooperation dennoch als Partnerschaft von "Innovationsführern". Als Nachrichtenagentur gelte es, "andere Absatzmöglichkeiten" für die Ware News zu finden. Maßstab des Erfolgs sei nicht mehr allein, wie oft eine Nachricht abgedruckt werde. Unternehmen suchten nach Informationsanbietern, die ihnen "professionell recherchierte Nachrichten" anbieten. Die Agentur arbeite "mit Hochdruck" daran, das Angebot auszubauen. "News on Board" stehe auch anderen Automobilkonzernen und Industriekunden zur Verfügung. Laut dapd-Gesellschafter Peter Löw ist die Partnerschaft mit Daimler, die insgesamt einen Betrag in zweistelliger Millionen Euro-Höhe in die Kassen spülen soll, auf 20 Jahre angelegt. Ob es bis dahin noch Nachrichtenagenturen und Autos gibt – unklar.

Dapd-Gesellschafter Martin Vorderwülbecke hatte die Kooperation bereits Anfang des Jahres in einem Interview mit MEEDIA angedeutet.

Hinweis: Ein Absatz in diesem Artikel, der auf alternative Multimediasysteme in Autos verweist, wurde nachträglich eingefügt.

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