Schwergewicht: Das Buch Bild

Publishing Der Taschen Verlag hat schon eine Reihe schwergewichtiger Bücher veröffentlicht, u.a. zu Ehren von Muhammad Ali oder Helmut Newton. Nun hat sich Verleger Benedikt Taschen mit der Bild-Zeitung eingelassen – und legt ein Schwergewicht von 11 Kilo und 748 Seiten im Bild-Originalformat vor. Schwer zu sagen, ob das Buch Bild eher eine Hommage an eine Boulevardzeitung von 60 Jahren ist – oder eine aufwändig gestaltete Bestätigung der Kritiker, die in Bild ein "Drecksblatt" sehen.

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Aus jedem Monat seit dem ersten Erscheinen von Bild im Juni 1952 zeigt das Bild-Buch eine Titelseite (hier zur MEEDIA-Galerie mit Titelseiten und Fotos aus dem Bild-Buch). Das Blättern durch die Weltgeschichte, wie sie Bild sah, ruft verschiedenste Gefühle hervor: Interesse, Erstaunen, Lachen, Kopfschütteln und Befremden. Die tägliche Gratwanderung zwischen Banalität und Relevanz, also gewissermaßen zwischen Bohlen und Maueröffnung, ist nicht nur für Medienhistoriker aufschlussreich.

"Ein Bild-Buch, das Distanz wahrt, sich nicht anbiedert oder wie eine Ikonisierung von Bild wirkt, ist eine besondere Herausforderung", sagt Florian Kobler im Gespräch mit MEEDIA. Kobler hat das Buch gemeinsam mit Margit J. Mayer, der ehemaligen AD-Chefredakteurin, die heute Berlin-Chefin von Taschen ist, lektoriert. "Wir wollten einen frischen Blick auf die Kulturgeschichte der Zeitung werfen, gleichzeitig Geschichtsklitterung vermeiden." Die Frage, warum Taschen ein so monumentales Bild-Buch macht, werde in diesen Tagen häufig gestellt. Koblers Antwort: "Taschen ist immer auch ein Stück Provokation."

Wobei sich fragen läßt: Wie sehr provoziert Bild heute noch? Immer mal wieder, ließe sich im Hinblick auf die Griechenland-Berichterstattung des Boulevardblatts sagen, oder die Anbiederung an den später als Abschreiber enttarnten Freiherr zu Guttenberg. Bild polarisiert wie eh und je, wenn ihre Macher denn wollen. Auch in der Branche – zuletzt lehnte es ein Trio von Redakteuren der Süddeutschen Zeitung ab, gemeinsam mit Bild-Kollegen den Henri Nannen-Preis entgegenzunehmen. Bild sei eben ein "Drecksblatt", sagte Hans Leyendecker später. Ob von dieser nach wie starken Reaktion, die Bild in- und außerhalb der Branche bei Lesern wie Nicht-Lesern hervorruft, beim Blättern und Lesen des Buches etwas übrigbleibt? Der soziale Sprengstoff, den Bild gelegentlich auf der Titelseite verbreitet, wird – so zumindest der Eindruck bei der ersten Begegnung mit dem Wälzer – eher gemildert.

Bild-Chef Kai Diekmann hat seinem Blatt jedenfalls – ob von Taschen so gewollt oder nicht – ein kleines Denkmal gebaut. Die Titelseiten hat er gemeinsam mit dem Verlag ausgesucht, ebenso die vier Autoren – Stefan Aust, Ferdinand von Schirach, Sebastian Turner und Franz-Josef Wagner. Zur Einstimmung die jeweils ersten Sätze der vier Essays zum Mitraten: Von wem stammen die Sätze?

"Die größte Zeitung auf dem europäischen Kontinent lebt von einer Falschmeldung."

"Warum bist du so laut?"

"Als ich ein kleiner Junge war, gab es bei uns zu Hause keine Bild."

"Am Anfang war das Bild."

Die Auflösung gibt´s am Ende des Artikels.

99 Euro kostet das Bild-Buch, das sich auf vielerlei Arten lesen lässt – es ist Blätterbuch wie Zeitdokument und Zerrbild. Die ersten Ausgaben hatten jeweils sechs bis sieben Fotos auf dem Titel, die nur wenig Text als Unterzeilen hatten. Im zweiten Jahr 1953 wurden die Texte, die vor allem von Agenturen kamen, schon etwas länger und die Fotos weniger. In den 80ern dominierten die Überschriften die Seiten, sie verschluckten fast Text und Fotos. Später in diesem Jahrzehnt kam dann der Vier-Farbdruck, die Auflage stieg. Noch. Der Preis auch. Anfang 2002 wurde von 80 Pfennig auf 40 Euro-Cents umgestellt. Die letzte Seite vom Buch ist die Ausgabe vom 9. März 2012. Damals gab die Redaktion das Ende des Seite-1-Girls bekannt – nur um die Oben-ohne-Damen ein paar Seiten später weiter abzudrucken. Das Bild-Buch ist auch die Geschichte der Bild-Zeitung selber.

Springer gibt für besonders große Bild-Fans eine Luxusedition des Buchs heraus – mit verschiedenen Devotionalien in einem silbernen Rahmen. Dazu zählen u.a. ein Stück der Berliner Mauer, ein Teil vom Schal des Dalai Lama, ein Fetzen einer Jeans von Madonna, ein herausgeknackstes Teil vom Formel1-Boliden des Sebastian Vettel. 2.000 Euro kostet die Sonderedition, von der es nur 600 Exemplare gibt. Eine weitere Edition mit einem Teil eines Tennisschlägers von Boris Becker ist in Vorbereitung. Mit diesen Ausgaben, heißt es auf Nachfrage beim Taschen Verlag, habe man konzeptionell nichts zu tun, dies sei Sache von Springer. Benedikt Taschen werde sich mit diesen Ausgaben auch nicht fotografieren lassen. Zum Bild-Testimonial will der Kölner Verleger dann doch, Provokation hin, Provokation her, nicht werden.

Auflösung des Ratespiels: Die Sätze stammen in dieser Reihenfolge von: Sebastian Turner, Franz-Josef Wagner, Ferdinand von Schirach, Stefan Aust. Hier geht´s zur Verlagsseite von Taschen.

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