„Social Media-Plattform für Journalismus“

Publishing Von Leserbeteiligung sprechen alle Zeitungen. Am konsequentesten hat bisher die Wochenzeitung Der Freitag versucht, ihre Leser-Community in die Redaktion einzubinden. Mit der frisch relaunchten Seite will Freitag-Chefredakteur Philip Grassmann näher an das Ziel kommen, zu einer "Social Media-Plattform für Journalismus" zu werden. Registrierte Nutzer sollen künftig mehr Möglichkeiten zur Mitgestaltung bekommen. Die komplette gedruckte Ausgabe soll es dagegen nicht mehr kostenlos geben.

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Vor drei Jahren machte der Freitag mit einem großen Neustart von sich reden – Neu-Verleger Jakob Augstein wollte nicht nur die gedruckte Wochenzeitung neu erfinden, sondern das Internet zum integralen Bestandteil des Konzepts machen. Was bei einer Zeitung mit dezidiert linken Wurzeln naheliegt – so viel Nutzer wie möglich einzubeziehen. Wie keine andere Tages- oder Wochenzeitung wollte der Freitag einen Austausch zwischen Redaktion und Community herstellen. Das Versprechen des Netzes – Partizipation – sollte eingelöst werden. Denn während auf Social Media-Plattformen die Vernetzung der Menschen rasend schnell vorangeht, tun sich klassische Medien mit der Vernetzung ihrer Leser noch schwer. Über Kommentarkaskaden wie etwa bei Spiegel Online geht die Beteiligung der Leser bisher kaum hinaus.

Startseite

Die bisherige Webseite des Freitag war allerdings vergleichsweise schwergängig – zu langsam, recht unübersichtlich. Die Reichweite liegt derzeit bei 240.000 Unique Usern (Agof) und gut 500.000 Visits (IVW) im Monat – da ist noch viel Luft nach oben. Die Zahl der registrierten Nutzer steige aber kontinuierlich, sagt Grassmann im Gespräch mit MEEDIA – derzeit gebe es 12.500 Mitglieder. Neben den Kommentaren werden auf der Webseite jede Woche etwa 200 Artikel von Nutzern als eigenständige Beiträge veröffentlicht. Dem gegenüber stehen etwa ein Dutzend Beiträge aus der Redaktion am Tag. Die Unterschiede zwischen Nutzer- und Redakteursbeiträgen sollen noch stärker als bisher verschwinden – beide Formate werden intern als "Beiträge" bezeichnet", in der Artikelleiste deutet nur eine blaue (Redaktion) oder pinke (Nutzer) Unterlegung des Namens auf die Quelle hin. Zwischen Redaktion und Community soll "auf Augenhöhe" kommuniziert werden.

"Die Nutzer sollen mehr Möglichkeiten und Rechte bekommen, die Seite selber zu gestalten. Denkbar wäre es beispielsweise, dass autorisierte Nutzer ihre Blogs selber moderieren oder dass sie ganze Dossier-Themen betreuen", sagt Grassmann. Technisch soll das bald möglich sein – dank der Umstellung auf ein neues System. Die Mitglieder der Community sollten die Seite auch als "ihr eigenes Ding" verstehen. "Aber das geht nur, wenn sie sich entfalten können", sagt der Chefredakteur. In den Relaunch seien Vorschläge und Anregungen von Freitag-Bloggern eingegangen – vor einiger Zeit hatte die Zeitung ihre aktiven Mitglieder zu einer Redaktionskonferenz nach Berlin eingeladen.

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Das ist mehr, als die meisten anderen Redaktionen ihren Lesern und Nutzern bieten können – und noch längst nicht genug. Auch die nun relaunchte Webseite des Freitag kann nur ein Zwischenschritt zu einer journalistischen Plattform sein, die Redakteure und Leser auf eine Stufe stellt – zumindest was die inhaltliche Schwerpunktsetzung angeht. Und: Längst nicht alle Medien werden diesen Schritt gehen wollen und können. Sie werden sich die alte Hierarchie – der Redakteur erklärt, der Leser nimmt zur Kenntnis und schreibt eventuell einen Leserbrief – möglichst lange bewahren wollen. Ob nun der Freitag die Zeitung sein wird, die den Weg zum gleichberechtigten Mitmach-Medium vorgibt? Unmöglich zu sagen, auch wenn der Wunsch da ist. Eine Nachrichtenwebsite wie viele andere kann und will das Wochenblatt jedenfalls nicht bieten – es ist auch aus ökonomischen Gründen auf die inhaltliche Unterstützung der Leser angewiesen.

Communityseite

Verleger Augstein ist bekanntermaßen ein Paywall-Skeptiker, also wird es wohl auch beim Freitag keine Bezahlschranke im eigentlichen Sinn geben. Aber schon bald soll es möglich sein, ein E-Paper vom Freitag gegen Bezahlung zu beziehen. Zeit wird´s. Die verkaufte Auflage der Wochenzeitung liegt derzeit bei 14.363 Exemplaren. Grassmann sagt, dass es die gesamte gedruckte Zeitung entsprechend bald nicht mehr kostenlos im Netz geben wird. Klar ist, dass der Freitag auch als Mitmach-Medium auf klassische Erlösmodelle wird setzen müssen – Werbung und vor allem Vertriebserlöse. Flattr, der freiwillige Bezahl-Button im Netz, werde nicht die wirtschaftliche Zukunft sein, sagt Chefredakteur Grassmann. Von den Erträgen könne bisher nur die Kaffeekasse gefüllt werden.

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