Fünf überraschende Print-Erfolge

Publishing Print ist tot? Von wegen! Zwar haben zahlreiche Magazine und Tageszeitungen mit rückläufigen Auflagen und Werbe-Erlösen zu kämpfen, es sie gibt aber durchaus: die gute Nachrichten aus Print-Land. Vor allem mit Nischen-Titeln und Konzepten, die neue Zielgruppen bedienen, lassen sich Print-Erfolge erzielen. MEEDIA hat fünf Beispiele für konzeptionell interessante und erfolgreiche Print-Titel zusammengestellt, die zeigen, dass das Totholzmedium Print nach wie vor ziemlich lebendig ist.

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Women’s Health – die erfolgreiche Erweiterung

Verlag: Rodale Motor Presse
Chefredakteur: Wolfgang Melcher
Auflage: 143.000 (Einzelverkauf Heft 3-4 2012 laut Verlagsangaben)
Erscheinungsweise: monatlich ab August 2012
Heftpreis: 3 Euro
Konzept: Men’s Health für die Frau

Line Extensions sind ein alter Hut. Aber clever gemacht funktionieren sie noch immer. Ein Beispiel aus der jüngeren Zeit ist Women’s Health, die weibliche Ergänzung zum Motor-Presse-Titel Men’s Health. Eigentlich ist Women’s Health vom Konzept er eine Rolle rückwärts. Das Vater-Blatt Men’s Health war schon seit jeher eine männliche Antwort auf Frauenzeitschriften. Ein Magazin für Männer, die sich für ihr äußeres Erscheinungsbild, für ihre Fitness, für ihre Gesundheit interessieren. Der Ableger Women’s Health ist nun das weibliche Pendant, das hierzulande erstmals im April 2011 erschien. Der Erfolg war so groß, dass sich der Verlag entschloss, auf eine zweimonatliche Erscheinungsweise umzustellen, ab August erscheint Women’s Health sogar monatlich. Die erste zweimonatliche Ausgabe von Women’s Health wurde nur im Einzelverkauf 143.000 mal abgesetzt. Das ist ein bemerkenswert gutes Ergebnis. In der dazugehörenden Jubel-Pressemitteilung des Verlags wurde auf eine Leser-Befragung verwiesen, laut der 81% das Magazin wieder kaufen wollen. Wie schafft Women’s Health das? Das Blatt nimmt seine Leserinnen ernst. Es gibt fundiert recherchierte Artikel, zum Beispiel zum Thema Schlaganfall, überraschend Unterhaltendes (“Landkarte der Frauenpower”) sowie den üblichen Mix aus Rezepten, Mode, Lebensberatung. Alles schön layoutet in einer entspannten Mischung, die offenbar das Lebensgefühl vieler Frauen trifft. Einen ganz ähnlichen Erfolg mit anderer Zielgruppe legte übrigens Burdas Freundin-Ableger Donna hin. Die Frauenzeitschrift für die Zielgruppe ab 45 wurde auch erst zweimonatlich in Serie geschickt und später auf monatlich umgestellt. Mittlerweile verkauft Donna laut der jüngsten IVW-Auflagenanalyse 1/2012 knapp 130.000 Exemplare und gilt bei Burda als die erfolgreichste Print-Neugründung der jüngeren Zeit.

Merke: Line-Extensions können immer noch funktionieren – wenn sie auf ein tatsächliches Bedürfnis treffen und gut gemacht sind.

View – lasst Bilder sprechen

Verlag: Gruner + Jahr
Chefredakteur Hans-Peter Junker
Auflage: 128.573 (IVW 1/2012)
Erscheinungsweise: monatlich
Heftpreis: 3,50 Euro
Konzept: die Bilder-Wundertüte für zwischendurch

Man muss ja auch mal zugeben, wenn man sich irrt. 2008 hieß es bei MEEDIA zu View: “View ist heute leider ein bisschen wie der stern, nur weniger aktuell und mit schlechteren, kürzeren Texten.” Sorry, da lagen wir falsch. Vier Jahre später gibt es View immer noch und das monatliche Bilder-Heft ist lebendiger denn je. Die Auflage klettert, zumindest bei den Abos, gegen den Trend. In der jüngsten IVW-Auflagenanalyse weist das Magazin immerhin ein Plus beim Gesamtverkauf von 3,4% aus. Bemerkenswert: Mit 3,50 Euro kostet View genausoviel wie der große Bruder stern, dafür dürften die Kosten aber ungleich niedriger sein (allerdings erscheint der stern auch wöchentlich und hat ein ungleich höheres Anzeigen-Volumen – insofern hinkt der Vergleich). Fast noch wichtiger aber als die nackten Zahlen ist, dass View sein Konzept tatsächlich gefunden hat. Machen Sie mal ein Experiment: Kaufen sie die View und legen sie das Heft in Reichweite von Kindern oder Jugendlichen. Fast immer greifen die zu und blättern das Magazin interessiert durch. View schafft ganz spielerisch das gar nicht mal kleine Kunststück, junge Leute für ein Print-Produkt zu interessieren. Das liegt wahrscheinlich an dem totalen Fokus auf die Optik. Als Bilder-Wundertüte für den schnellen Print-Snack zwischendurch funktioniert das Magazin ausgezeichnet.

Merke: Bilder sind nach wie vor eines der großen Assets von Print und sprechen auch die viel umschwärmte junge Zielgruppe an.

happinez – keine Angst vor schrägen Themen

Verlag: Heinrich Bauer Zeitschriften Verlag
Chefredakteur: Uwe Bokelmann
Auflage: 100.673 (IVW 1/2012)
Erscheinungsweise: zweimonatlich
Heftpreis: 4,95 Euro
Konzept: Premium-Esoterik

happinez ist vielleicht eine der unwahrscheinlichsten Print-Erfolgsgeschichten der vergangenen Jahre. Ein Esoterik-Magazin? Bei dem Thema denken viele an unseriöse Astro-Abzock-Shows in Endlosschleife im TV, seltsame Shops abseits der Fußgängerzone und angejahrte Damen mit batikbunten Haaren und ebensolcher Wallewalle-Kleidung. Der Bauer Verlag hat das Experiment gewagt und mit happinez die Lizenz eines erfolgreichen holländischen Titels auf den Mark gebracht. Ohne den Erfolg in den Niederlanden hätte man sich womöglich nicht getraut … Das Magazin verkauft mittlerweile gut über 100.000 Exemplare zu einem stolzen Copypreis und bekommt bei Leser-Befragungen gute Noten. Auch happinez zeigt: Erfolg hat, wer seine Zielgruppe ernst nimmt. Esoterik, Wellness, Alternativ-Medizin – all dies wird hochwertig bearbeitet und aus der Schmuddelecke rausgeholt. Vom Mandala zum Ausschneiden über exotische Rezepte ist alles auf das Thema ausgerichtet. Hinzu kommt: Die Themen sind mehr oder minder zeitlos. Mit einem entsprechenden Archiv lassen sich noch viele weitere happinez-Pakete (Bücher, Apps, Seminare) schnüren.

Merke: Wer bei der Suche nach neuen Print-Zielgruppen keine Scheuklappen kennt und seine Leser ernst nimmt, wird belohnt.

InTouch – Schadenfreude ist auch eine Freude

Verlag: Heinrich Bauer Zeitschriften Verlag
Chefredakteur: Tim Affeld
Auflage: 262.828 (IVW 1/2012)
Heftpreis: 1,90 Euro
Erscheinungsweise: wöchentlich

InTouch ist der Papier gewordene Beweis, dass es auch jenseits des polierten Hochglanzes möglich ist, erfolgreiche Zeitschriften zu machen. Das reinrassige Klatschblatt hat mittlerweile fast sieben Jahre auf dem Buckel und läuft immer noch gut. Dabei musste auch InTouch zu Beginn in Deutschland mit großen Schwierigkeiten kämpfen. Der damalige journalistische Geschäftsführer bei Bauer, Thomas “Doc” Schneider, versuchte das Heft zunächst mit teuer gekauften Exklusiv-Geschichten (Heidi Klums Baby) in den Markt zu drücken. Das war zu ambitioniert gedacht. Mittlerweile hat InTouch ein ganz anderes Erfolgsrezept gefunden: Klatsch und Trash pur. Wenn irgendwo auf dem Planeten die Unterhose eines Stars blitzt – InTouch druckt das Foto und klebt noch einen schönen, dicken Pfeil an den Allerwertesten. In InTouch menschelt es bei den Stars gewaltig: Wenn jemand besoffen durch die Gegend torkelt oder sich in einer US-Talkshow daneben benimmt – InTouch ist mit Eifer dabei. Dabei befriedigt die Zeitschrift schlicht das ur-menschliche Bedürfnis nach Klatsch in seiner Reinform. Nicht gerade Pulitzerpreis verdächtig – aber was soll‘s!? So eine InTouch ist schnell mitgenommen und schnell durchgeblättert. Ein Magazin to go, gedrucktes Fast Food – aber auch dafür gibt es einen Markt. Vom früheren RTL-Chef Helmut Thoma stammt das Bonmot: “Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.” Dies trifft auch auf InTouch zu.

Merke: Auch niedere Instinkte wollen professionell bedient werden.

DAV Panorama

Verlag: Deutscher Alpenverein e.V.
Chefredakteur: Georg Hohenester
Auflage: 552.103 (IVW 1/2012)
Heftpreis: Mitgliederzeitschrift DAV
Erscheinungsweise: zweimonatlich

DAV Panorama ist die Mitgliederzeitschrift des Deutschen Alpenvereins und nimmt in unserer kleinen Liste eine Sonderstellung ein. DAV Panorama wird automatisch jedem DAV Mitglied zugestellt und muss sich somit nicht dem harten Wettbewerb um Käufer und Leser am Kiosk und im Abo stellen. Trotzdem ist die Zeitschrift in mehrerer Hinsicht bemerkenswert. Da ist zunächst einmal die Auflage: Über 550.000 verkaufte Exemplare und ein Auflagenplus von 4,5% im 1. Quartal 2012 sind ein Wort. Natürlich spiegelt dies vor allem wider, dass der Alpenverein im Trend liegt und steigende Mitgliederzahlen bedeuten automatisch eine steigende Auflage der Vereinszeitschrift. Aber mit über 550.000 Exemplaren ist DAV Panorama die auflagenstärkste Outdoorzeitschrift in Europa. Entsprechend ist das Anzeigenvolumen: Das Vereinsheft ist pickepackevoll mit Anzeigen namhafter Outdoor-Firmen und von Reise-Veranstaltern. Noch dazu sind die Artikel im DAV Panorama oft von größerer inhaltlicher Tiefe, als in manchem Konkurrenzprodukt, das am Kiosk verkauft wird. Eine ähnliche Erfolgsstory ist das Kundenmagazin 4 Seasons der Outdoor-Kette Globetrotter, das auf eine IVW-geprüfte, verbreitete Auflage von über 400.000 Exemplaren kommt. Auch dieses Heft kann vor Anzeigen bisweilen kaum laufen und bietet lesenswerte Inhalte jenseits von unternehmerischem Eigenlob. Die beiden Beispiele zeigen, dass Printmedien auch ohne Kiosk funktionieren und gute Geschäftsmodelle aufweisen können.

Merke: Kunden- und/oder Mitgliederzeitschriften haben ihre Zielgruppe praktisch eingebaut.

Fazit:

Haben wir da nicht was vergessen? Doch bestimmt! Es gäbe gewiss noch zahlreiche weitere Beispiele für Print-Erfolge in der heutigen Zeit. Zum Beispiel verkauft das Wirtschaftsmagazin brand eins mit 102.550 Exemplaren mittlerweile fast genausoviel wie das etablierte manager magazin mit 105.673 Exemplaren (IVW 1/2012). Wer hätte das noch vor en paar Jahren gedacht? Da wäre auch das Beispiel der höchst erfolgreichen Geo-Ableger (u.a. Geo Epoche), die mit hohen Copypreisen und fast wissenschaftlichem Tiefgang die Grenze zwischen Magazin und Buch verschwimmen lassen. Und dann ist da natürlich auch noch die berühmte Landlust mit ihrer Millionen-Auflage und den ebenfalls erstaunlich erfolgreichen Nachahmungen anderer Verlage. Über das Phänomen Landlust wurde aber bereits so viel geschrieben, dass wir sie diesmal absichtlich ausgeklammert haben. Eines aber zeigt sich: Die Print-Titel, die heutzutage erfolgreich sind, haben in der Regel langsame Erscheinungsrhythmen (monatlich oder zweimonatlich), einen relativ hohen Heftpreis und eine sehr scharf umrissene Zielgruppe. Die Ausnahme, die die Regel bestätigt, ist Bauers InTouch. Und: Vertriebswege jenseits des Kioskverkaufs, wie Kunden- der Mitgliedermagazine, können weit mehr sein als Vehikel für platte Unternehmens oder Vereins-PR. Nachrichten vom Tode des angeblichen Patienten Print sind in jedem Fall stark übertrieben.

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