ARD-Experte: mein lieber Laber-Scholli

Fernsehen Die Vorrunde der Fußball-Europameisterschaft 2012 ist vorbei, Deutschland ist Gruppenerster, mit 27,65 Mio. Zuschauern beim Spiel Deutschland gegen Dänemark gab es mal wieder einen Zuschauerrekord. Eine gute Gelegenheit, eine Zwischenbilanz der EM-Berichterstattung bei ARD und ZDF zu ziehen. Über den “Fußball-Fernsehgarten” des ZDF auf Usedom hat sich bereits kübelweise Kritik ergossen. Doch auch ARD-Experte Mehmet Scholl macht als “Laber-Scholli” eine zweifelhafte Figur.

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Die Kritiken für das ZDF-Duo Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn waren bereits kurz nach EM-Start sehr hart. Dass “KMH” (Frau Müller-Hohenstein) gleich zu Beginn einen Versprecher wie “Mario Klose” bringen musste, war natürlich eine Steilvorlage. Und dass die Medien angesichts ihres Lederjäckchens von der Usedomina witzelten, muss sie wohl auch aushalten. Der Kölner Express machte aus den Fehltritten beim ZDF gleich eine kleine Serie mit dem schönen Namen “Insel Irrsinn” (Zitat: “Seit Sonntag ist Usedom ein Ort, an dem der Verstand Urlaub macht”). King Kahn und KMH haben sich aber offenbar erfolgreich gegen Kritik immunisiert. Beide gaben der Bild am Sonntag ein Interview, in dem sie die Akzeptanz ihrer Übertragung allen Ernstes mit den guten Quoten rechtfertigten (man könnte im Umfeld eines EM-Spiels auch Besenstiele im Studio senden und sie hätten gute Quoten). Das BamS-Interview darf man getrost in die Schublade mit der Aufschrift “Realitätsverweigerung” einsortieren. Aber ist die ZDF-Berichterstattung zur EM wirklich so schlecht, wie viele Medien meinen? Ja und Nein.

Das Problem bei den ZDF-Übertragungen ist weniger der Experte Kahn, sondern vielmehr die total missglückte Inszenierung: Fußball-Fernsehgarten trifft es ganz gut. Die Bühne, auf der KMH und Kahn verloren rumstehen ist viel zu groß. Die Leinwand im Wasser wirkt schon fast surreal. Man hat jedesmal Angst, dass da bald die Flut kommt. Und dann hocken da ZDF-Claquere in Liegestühlen fächerförmig, wie mit Zirkel und Lineal drapiert und verbreiten öffentlich-rechtlich verordneten Fußball-Frohsinn. Stimmung? Fehlanzeige!

Die Idee, die Übertragungen von einer Insel zu senden, die halb polnisch, halb deutsch ist, wirkt seltsam. Als Zuschauer erschließt sich einem der Gedanke dahinter (wohl Völkerverständigung) jedenfalls nicht. Die Filmbeiträge, mit denen das ZDF das deutsch-polnische Verhältnisse feiern will, hätte man auch von Mainz aus anmoderieren können.

Eine sehr schlechte Idee ist es zudem, eine Online-Redakteurin auftreten zu lassen, die hastig über allerlei Internet-Gedöns zur EM referiert und eine Zuschauer-Aufstellung präsentiert usw. Das interessiert bei der EM im TV, mit Verlaub, keine Sau. Zumal die Panne mit der Kahn-Twitter-Premiere, bei der die Online-Frau auf den Fake-Harald-Schmidt reinfiel, sehr peinlich war.

Nach dem ganzen Gemecker gibt es aber auch ein Gutes: Kahn ist als Experte ganz okay. Er hat so eine kantig-kauzige Art, und wenn er einen guten Tag erwischt, gelingen ihm manchmal, nur manchmal!, Sätze von fast Netzer’scher Anmutung. “Das war natürlich unglücklich, zeigt aber auch mangelnde Qualität” – war so ein treffender Einzeiler Kahns aus dem Spiel Schweden gegen England.

Und damit kommen wir schon zum Hauptproblem der ARD das da heißt: Mehmet Scholl. Die Einlassungen Scholls als Experte wurden im Verlauf der Vorrunde immer kruder. Selbst als nicht Fußball-Fex hat man bisweilen den Eindruck, Scholl habe ein ganz anderes Spiel gesehen, als jenes, das gerade gezeigt wurde. Den Zitter-Sieg der deutschen Mannschaft gegen Dänemark redete er unverhältnismäßig euphorisch schön. “Besser geht es nicht” usw. waren seine Vokabeln. In der Halbzeit war er sich sicher, dass die deutsche Mannschaft siegen würde – dabei fehlte nur ein Gegentor, und Deutschland wäre hochkant aus der EM geflogen. Bezeichnend, dass sogar DFB-Schlipsträger in Nach-Spiel-Interviews treffendere Kurz-Analysen zum Besten gaben als der ARD-Experte Scholl.
Nach dem Ärger, den sein "Wundgelegen"-Spruch über Mario Gomez beim ersten Spiel der deutschen Mannschaft ausgelöst hat, ist Scholl viel zu zögerlich mit der Kritik geworden. Das ist nicht souverän. Statt was Böses sagt er dann lieber gar nichts: “Das muss der Trainer wissen …” oder “Das wird der Trainer schon richtig machen…” sind oft gehörte Sätze von einem, der dafür bezahlt wird, eine Meinung zu haben. Es dürfte nicht wenige Fußballfans geben, die angesichts dieses Zustands der EM-Spielanalysen eine Erhöhung der Rundfunkgebühren in Kauf nehmen würden, wenn nur Günter Netzer sich selbst als Experte einwechseln würde. Bei Netzers scharfsinnigen und fein formulierten Analysen hatte man stets das Gefühl, dass da einer das Spiel analytisch durchdrungen hat. Bei Mehmet Scholl, fragt man sich, welches Fußballspiel der Mann gesehen haben könnte.
Scholls-Widerparte, Reinhold Beckmann und Mathias Opdenhövel machen ihre Sache als Stichwortgeber ganz gut. Beckmann ein bisschen staatstragender, Opdenhövel ein bisschen schelmischer, was aber eigentlich ganz gut passt. Die Inszenierung in der ARD ist klassisch mit den Experten im Stadion – da gibt es nix dran auszusetzen. Allenfalls stößt es sauer auf, dass nach den Übertragungen der ärgerlich platte, unangenehm laute und ganz und gar überflüssige Fußballclub von Waldemar “Waldi” Hartmann gesendet wird, eine der schrecklichsten Sendungen im deutschen TV. Aber dann ist es ja eh schon spät und man kann guten Gewissens abschalten und ins Bett gehen.

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