Deutschlands meister Autojournalist

Nicht immer ist alles so, wie es auf den ersten Blick scheint. Wenn Sie einen Artikel über dieselbe Auto-Präsentation in verschiedenen Zeitungen oder Online-Medien lesen, die von verschiedenen Autoren stammen - dann muss das nicht heißen, dass diese Texte von verschiedenen Personen geschrieben wurden. Im Auto-Journalismus gibt es einige wenige extrem gut vernetzte freie Journalisten, die vielen Namen haben und viele Artikel schreiben. Einer, der dieses System zur Perfektion gebracht hat, ist Thomas Geiger.

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Auto-Journalismus (und Reise-Journalismus) genießen innerhalb des Medienzirkus einen schlechten Ruf. Manche Insider meinen gar, die Berichterstattung über Autos sei ein zutiefst korruptes Geschäft: Fahrzeug-Präsentationen in Luxushotels, Gratis-Flüge, Spesen bis zum Abwinken, Test-Fahrzeuge zur Privatnutzung. Vordrucke für die großzügige Erstattung vermeintlicher "Fahrtkosten" liegen schon mal vorsorglich im Handschuhfach. Es soll Journalisten geben, die Redaktionen ihre Texte gratis feilbieten. Der Verdienst kommt dann über die “Spesen-Erstattung” der Autokonzerne rein. Die Artikel sind meist heiter bis euphorisch.

Legendär ist die Geschichte, als der VW-Konzern 2008 rund 30 handverlesene deutsche Autojournalisten zu den Olympischen Spielen nach Peking einlud. Kostenpunkt pro Person für vier Tage Peking-Sause: bis zu 25.000 Euro. Die Sache flog auf, weil das zuständige Finanzamt den Trip nicht als Dienstreise anerkennen wollte und die Journalisten aufgefordert wurden, üppig nachzuversteuern. Das war natürlich nicht im Sinne des Konzerns. In der Branche wird gemunkelt, VW habe die fälligen Steuernachzahlungen für die Journalisten dann eben auch mal diskret übernommen. Man kennt sich, man hilft sich.

In diesem Ökosystem der meistens profitablen und manchmal problematischen Wechselbeziehungen zwischen Journalisten und Autoherstellern nimmt der Freie Thomas Geiger aus Wetzlar eine besondere Rolle ein. Geiger ist ein bekannter Mann in der Branche. Er gilt als der deutsche Motor-Journalist mit den besten Kontakten und der mit Abstand größten Reichweite. Spiegel-Online-Leser kennen ihn als den Vielschreiber Tom Grünweg (dem Blog Spiegelkritik fiel "Tom Grünweg" schon 2006 auf). Im renommierten “Technik und Motor”-Teil der FAZ veröffentlicht er als Tom Debus. Für die Motor-Agentur Spotpress vertreibt er seine Artikel als Benjamin Bessinger. Hinter den vielen Namen steht aber immer eine Person: Thomas Geiger. Er selbst sagt über sich: "Eine Sonderstellung habe ich insofern, als dass ich für die Autoindustrie ein wichtiger Multiplikator bin."

Geiger gilt als Phänomen, weil er es schafft, extrem viele Termine der Auto-Industrie wahrzunehmen und in kürzester Zeit sehr viele Artikel darüber zu schreiben. Das kann dazu führen, dass er den Super-Sportwagen Bugatti Veyron Vitesse fahren darf. Darüber schreibt er dann als Benjamin Bessinger für Spotpress, und Focus Online veröffentlicht den Artikel (“Heizen bis zum Horizont”). Bei Spiegel Online schreibt er als Tom Grünweg über denselben Termin unter der Überschrift “Wumms!”, und im Hamburger Abendblatt veröffentlicht er das Thema unter seinem echten Namen Thomas Geiger. Zu seinen Abnehmern gehören auch Bild, Auto Bild, Bild am Sonntag, Die Welt, die Rheinische Post, das Darmstädter Echo oder die Hannoversche Allgemeine.

Geigers Texte sind tatsächlich immer unterschiedlich. Es ist keinesfalls so, dass er immergleiche Text-Bausteine hin und her verschiebt. Beim Lesen fällt nicht auf, dass Thomas Geiger, Tom Grünweg, Tom Debus und Benjamin Bessinger ein und derselbe Autor sind. Geiger hat hierfür eine Analogie aus der Autowelt parat: Der VW-Konzern baue die gleichen Teile in einen Volkswagen und eine Seat ein – so ähnlich sei das eben auch bei Medien. Geiger gilt als fleißig und hochprofessionell. Alle sind zufrieden: Die Medien freuen sich über seine zuverlässigen, sachkundigen Artikel. Die Autohersteller freuen sich, dass sie mit einem einzigen, kompetenten Ansprechpartner eine riesige Medien-Reichweite erzielen. Thomas Geiger freut sich, dass sein Geschäft gut läuft. Überhaupt kein Problem. Oder?

Wenn man mit Vertretern der Auto-Industrie und Medien spricht, dann ist da doch ein leicht besorgter Unterton. Es sei vielleicht schon ein bisschen zuviel an Medienmacht, die Thomas Geiger da angehäuft habe. Man überlege, die Geiger-Texte ein wenig zu reduzieren usw. Dass Phänomen Geiger bekommt auch eine besondere Note wenn man bedenkt, dass er viele Artikel für Medien der Axel Springer AG schreibt. Das ist jenes Verlagshaus, das sich mit einigem Tamtam journalistische Leitlinien auferlegte, laut denen u.a. Reisekosten von der Redaktion stets selbst getragen werden sollen und keine Geschenke angenommen werden dürfen. Das Beschäftigen von freien Journalisten, die sich dann wiederum Reisekosten von Autokonzernen erstatten lassen, wird in solchen Leitlinien nicht explizit angesprochen.

Thomas Geiger hält solche Grundsätze ohnehin für weltfremd: "Selbst Branchenriesen unter den Redaktionen sind darauf angewiesen, dass sie die Autos von Herstellern zur Verfügung gestellt bekommen. Das geschieht mal an den Standorten der Autohersteller, mal an anderen Plätzen, die vielleicht auf den ersten Blick attraktiv sind. Aber wenn man drei solche Termine pro Woche macht, dann verliert das sehr schnell an Attraktivität.“ Geiger erzählt, dass er Hersteller sogar darum bitte, die Präsentationen an den Standorten zu machen – für einen Vielbeschäftigten wie ihn wäre das schlicht praktischer. Solche Ausnahmen werden für ihn persönlich sogar manchmal gemacht – was seine Stellung in der Branche dokumentiert und bei Kollegen für einen gewissen Neid sorgt.

Auch andere Auto-Journalisten und Vertreter der Industrie lachen nur, wenn man sie auf journalistische Leitlinien anspricht, laut denen Reisekosten zu Präsentationen selbst zu übernehmen sind. Wirklich ernst nimmt so etwas keiner. Und die Autobranche will offenbar auch gar nicht von den schönen Reisen zu schönen Plätzen mit schönen Autos lassen. Auto-Journalisten erzählen im vertraulichen Gespräch, dass sie es durchaus lieber sehen würden, wenn die Industrie auf die üblichen Präsentationsreisen zu Luxus-Resorts verzichten würde. Man hat ein komisches Gefühl dabei, und die kurzen Ausfahrten unter spanischer Sonne ergeben ohnehin kein realistisches Bild, wie sich ein Wagen im deutschen Alltagsverkehr schlägt. In manchen Redaktionen werden die Einladungen zu Auto-Präsentationen schon lange als eine Art Belohnung für Mitarbeiter ausgegeben – ob die jeweilige Person fachlich für einen Autotest kompetent ist, spielt dann oft keine Rolle.

Wirklich kritisch über Autos zu berichten, scheint also nicht ganz einfach. Die Vielzahl der freundlichen Artikel über VW, BMW, Mercedes und Co. mögen mit der Wohlfühl-Atmosphäre zu tun haben, die die Industrie für die Journalisten bereitstellt. Geiger hat noch eine Erklärung: "Wirklich grundschlechte Autos gibt es heutzutage zugegebenermaßen wenige.” Er fügt hinzu, dass es aber durchaus immer mal wieder etwas auszusetzen gebe, “und das schreibe ich dann auch sehr kritisch."

Ist einer wie Thomas Geiger jetzt eine Gefahr für die Meinungs-Vielfalt der Presse, wie einige hinter vorgehaltener Hand meinen? Oder ist er einfach nur ein bisschen besser organisiert und vernetzt als viele Kollegen? Leute wie Geiger zeigen einerseits, wie groß die Nähe zwischen Industrie und Medien in einigen Branchen immer noch ist – auch ganz ohne Korruption, einfach nur weil es für alle so praktisch ist. Andererseits zeigt seine Arbeitsmethode auch, wie viele Medien ein Scheinbild von Exklusivität und Unabhängigkeit aufrecht erhalten wollen, das so längst nicht mehr existiert.
Statt sich weltfremde Leitlinien zu verordnen, wäre es womöglich besser, größere Transparenz walten zu lassen und stärker offenzulegen, was bei welchen Artikeln von wem bezahlt wurde. Und was die Exklusivität betrifft: „Manche Redaktionen legen Wert auf meine Texte, aber wollen auch Texte, die exklusiv sind und sich auch namentlich von anderen Redaktionen abgrenzen. Deshalb veröffentlichen sie meine Beiträge unter einem Pseudonym", so Thomas Geiger. Exklusivität ist für viele Medien nach wie vor eine Art heilige Kuh – auch wenn sie nur vorgegaukelt ist.

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Alle Kommentare

  1. Wie hat’s mal ein Kollege eines strahlenden Januartags beim Warten auf den Shuttlebus zu Flughafen nach einer Auto-Pressepräsentation in Andalusien auf der Terrasse des Parador von Málaga auf den Punkt gebracht: „Wenn mi mei Müdderle was Gscheits hät lerna lassa, müssd in ned middn im Winter am Middlmeer hocka und Champagner saufa ..“

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