Presserat: Bild durfte tote Kinder zeigen

Publishing Mit diesem Ergebnis hatten nicht viele Beobachter gerechnet: Bei ihren aktuellen Sitzungen beschäftigten sich die beiden Beschwerdeausschüsse des Presserates auch mit der umstrittenen Bild-Titelseite, auf der die Fotos aller toten belgischen Kinder zu sehen waren, die bei einem Busunglück in der Schweiz ums Leben kamen. Die dazu eingegangenen Beschwerden hielten die Medienwächter allerdings für "unbegründet". Stattdessen wurden u. a. Welt Online, TV14 und die Berliner Morgenpost Online gerügt.

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Der Presserat sah bei dem umstrittenen Bild-Cover keine Verletzung der Sorgfaltspflicht, weil die Zeitung die Fotos mit Genehmigung der Stadtverwaltung in einem Gedenkraum aufgenommen hätte. "Sie konnte in gutem Glauben davon ausgehen, dass eine Einwilligung der betroffenen Eltern vorlag." Das dies nicht der Fall war, enthüllte kurze Zeit später eine ARD-Dokumentation.

Der umstrittene Bild-Titel vom 16. März
Allerdings überschritt nach Meinung der Medienwächter eine andere Berliner Boulevardzeitung in diesem Fall "die ethische Grenze". Das Blatt hatte zwei Gruppenbilder der Schüler veröffentlicht, die auf der Reise entstanden waren. "Die Fotos zeigten eine fröhliche Kinderschar in den Bergen. Die Bilder stammten aus dem privaten Bereich und standen nicht mit der Gedenkfeier in Zusammenhang", heißt es in der Begründung. Zudem lag eine Einwilligung der Eltern für eine Veröffentlichung nicht vor. Neben den Fotos zitierte die Zeitung noch aus dem Reisetagebuch, das die Schüler ins Web eingestellt hatten. In der Verbindung von Text und Fotos sah der Beschwerdeausschuss einen "schwerwiegenden Eingriff in die Privatsphäre von Kindern und Angehörigen". Deshalb sprachen die Berliner eine Missbilligung aus. Bei Missbilligungen nennt der Presserat jedoch nicht die Namen der kritisierten Medien.
Unzufrieden war der Presserat auch mit einer weiteren Boulevard-Geschichte. So wurde Bild.de für ihre Berichterstattung über einen Mord an einem Mann gerügt. Das Opfer war zerstückelt aufgefunden wurden. Neben der Beschreibung des Tatortes zeigt Bild.de noch ein Foto des Mannes. In dem Text wurde sein Vorname mit abgekürztem Nachnamen, sein Alter, sein Geburtsort und sein früherer Wohnort genannt. Der Ausschuss sah den Schutz der Persönlichkeit (Ziffer 8, Richtlinie 8.1) verletzt.
Auch die Springer-Publikationen Welt Online und Berliner Morgenpost Online erregten das Missfallen des Presserates. Sie wurden für die Veröffentlichung eines identischen Beitrages gerügt. In dem Artikel "Erneut Hetze gegen Farbige in Polizei- Kalender" sollen beide berichtet haben, dass bei der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Bayern ein Kalender mit rassistischen und frauenfeindlichen Motiven aufgetaucht sei. In dem Text stand zudem, dass nach Informationen der Redaktion Herausgeber des Kalenders ein ehemaliger Vorsitzender der GdP und jetziger bayerischer Landtagsabgeordneter sein solle. "Der Betroffene wurde namentlich genannt", schreibt der Presserat. Allerdings: "Nachdem Zweifel am Wahrheitsgehalt der Darstellungen entstanden waren, entfernten die Redaktionen die Artikel von den Online-Seiten. Ein erläuternder oder korrigierender Hinweis wurde nicht veröffentlicht."
Insgesamt sah der Beschwerdeausschuss in den Beiträgen eine grobe Verletzung des Pressekodex. "Die Redaktionen verbreiteten ohne selbst recherchierte Fakten Gerüchte mit schwerwiegenden Behauptungen zu Lasten des Betroffenen." Die Redaktionen hätten weder die GdP noch den genannten Abgeordneten zu den Vorwürfen befragt. "Mit diesem Vorgehen verstießen sie gegen die journalistische Sorgfaltspflicht. Der Betroffene wurde damit in seiner Ehre verletzt."
Zudem rügten die Pressewächter noch zwei Verstöße gegen die Trennung zwischen Redaktion und Werbung.  So störten sich die Berliner an einem Stück aus der Zeitschrift tv14. Unter der Überschrift "10 Jahre jünger in 4 Wochen" hatte das Magazin über ein Anti-Aging-Produkt berichtet und dabei eine konkrete Creme genannt. Zudem kam noch ein Experte zu Wort und lobte zusätzlich das Produkt.
Ebenfalls Schleichwerbung erkannte der Presserat in einem Beitrag von tz-online. Das Web-Portal hatte das Playboy-Playmate des Monats Mai mit der Information vorgestellt, dass es gerne in der Therme Erding sauniere. Dazu veröffentlichte die Online-Redaktion noch eine Klickstrecke mit 95 Bildern aus der Therme. "Für eine derart ausführliche Illustration des Angebots der Therme sah der Ausschuss keine redaktionelle Veranlassung".

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