Prof. Pichler & die Stichworte des Herrn Leif

Publishing MEEDIA veröffentlichte am vergangenen Freitag einen Beitrag über kritische Fragen an das Netzwerk Recherche. Die Fragen hatte Professor Rüdiger Pichler im Februar an den Vorstand des Vereins gestellt. Eine Mail Pichlers mit Fragen und Hinweisen war am Freitag an Journalisten gegangen. Aus dieser Mail hatte MEEDIA zitiert. Nun drängt sich der Verdacht auf, dass hinter Pichler der geschasste Netzwerk-Vorsitzende Thomas Leif steht. Der seinen Kollegen offenbar mit Informationen und Argumenten munitionierte.

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Im Nachgang zu dem am Freitag veröffentlichten Beitrag "Professor kritisiert Netzwerk Recherche" hatte MEEDIA eine Anfrage an Pichler gestellt: Warum er denn nicht zur Mitgliederversammlung erschienen sei? Schließlich hatte sich das Mitglied Pichler bereits im Februar mit einem langen Fragenkatalog an den Vorstand des Vereins gewendet. Weil er, wie Pichler sagt, einen Verstoß gegen "Transparenzgrundsätze" durch den Vorstand des Vereins gegeben sah und sieht. Mit dem NR-Vorsitzenden Oliver Schröm hatte es in den folgenden Monaten einen Mailwechsel gegeben – während Schröm den Kontakt per Telefon suchte, bestand Pichler auf einer schriftlichen Antwort. Der Professor lehrt Kommunikationsdesign an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden und ist im Präsidium der Hessischen Film- und Medienakademie tätig.
Zunächst antwortete Pichler auf die MEEDIA-Nachfrage am Montag, er habe "aus familiären Gründen" nicht an der Versammlung teilnehmen können. Auf eine weitere Nachfrage erhielten wir eine ausführliche Begründung – "damit Sie sich ein vollständiges Bild machen können". Demnach sei Pichler "an jener Transparenz und dem Erhalt journalistischer Werte interessiert, für die sich das NR lange Zeit glaubwürdig und erfolgreich engagiert hat". Und weiter: "Wenn ich mir nun die Mühe mache und meine Mitgliedsrechte aktiv wahrnehme und mich in einer Weise engagiere, die von anderen Mitgliedern durchaus gewürdigt wird, dann ist es mehr als merkwürdig, wenn man sich dafür rechtfertigen soll."
Doch auch Pichler hat offenkundig ein Problem mit der Transparenz. Denn MEEDIA liegt eine weitere Mail Pichlers an den ehemaligen NR-Chef Thomas Leif vom 4. Juni vor, in der er unsere Anfrage weiterleitet, mit dem Vermerk "zur Info". Nur etwas mehr als eine Stunde später antwortete Leif auf Pichler: "Lieber rüdiger, Schreib ihm doch einfach, wie es ist." Es folgt eine Aufzählung von acht Punkten, die Leif seinem Kollegen Pichler zur Beantwortung unserer Frage an die Hand gibt. Unter Punkt A beispielsweise: "die information ging an einige mitglieder – und nicht-mitglieder….Und an k e i n e medien." So hatte es auch Pichler später in seiner Rückmeldung formuliert. Unter Punkt D notiert Leif: "du hast dich schriftlich abgemeldet, da betreuung kind…" Und unter Punkt F: "als mitglied bist du an transparenz interessiert", sowie unter Punkt G: "wenn sich jemand die mühe macht…und sich kümmert, ist das doch etwas engagement, das von anderen mitgliedern Gewürdigt wurde, muss man sich doch nicht rechtfertigen. Du hast schlicht deine mitgliedsrechte aktiv wahrgenommen."
Leifs Hinweise lesen sich wie ein Entwurf oder eine Vorlage für die spätere Mail Pichlers an MEEDIA. Als letzten Punkt nennt Leif dann noch eine Anregung, die Pichler später nicht in seine Antwortmail aufnimmt. Ein Antrag, dass kooptierte Mitglieder des Vorstands keine PR machen dürfen, sei in der Mitgliederversammlung abgelehnt worden. Darum solle sich der Mediendienst "mal kümmern", notierte Leif: "Pr mitglieder sind bei nr-Willkommen, 10 jahre programmarbeit perdu."
Hintergrund: SWR-Chefreporter Thomas Leif ist Mitgründer und war langjähriger Spiritus Rector des Journalistenvereins. Der sich über die vergangenen Jahre zu einem der renommiertesten Organisationen von Journalisten in Deutschland entwickelt hatte. Gemeinsam mit dem zweiten Vorsitzenden Hans Leyendecker war Leif das Aushängeschild des Netzwerks – immer in Bewegung, immer auf der Suche nach Möglichkeiten, den Verein zu fördern und so einflussreicher zu machen. Seit dem vergangenen Jahr ist Leif Honorarprofessor der Universität Koblenz-Landau.  
Im vergangenen Jahr nahm die Erfolgsgeschichte Leif/NR allerdings ein jähes Ende. Auf der Mitgliederversammlung des Vereins im vergangenen Juli eröffnete Leyendecker, dass es Unregelmäßigkeiten bei der Verbuchung von Fördergeldern gegeben habe. So seien rund 75.000 Euro, die die Bundeszentrale für politische Bildung im Rahmen einer Defizitförderung über einen Zeitraum von mehreren Jahren an das Netzwerk vergeben habe, zu Unrecht geflossen. Das Geld wurde umgehend zurück an die Bundeszentrale überwiesen, Wirtschaftsprüfer wurden eingeschaltet. Als Hauptschuldiger an der Misere wurde schnell Leif ausgemacht – der auf Drängen seiner Vorstandskollegen schließlich nicht mehr zur Wahl des Vorsitzenden kandidierte. Leif muss die Geschehnisse damals als Putsch interpretiert haben. Gegenüber dem Spiegel sprach er einige Monate nach der turbulenten Mitgliederversammlung von einer "Konfliktinszenierung". Ohne Frage hat Leif, dessen Verdienste für das Netzwerk unbestritten sind, bis heute offene Rechnungen mit seinen ehemaligen Vorstandskollegen.
MEEDIA hatte einen Teil des Fragenkatalogs Pichlers am Freitag veröffentlicht, weil die aufgeworfenen Themen aus unserer Sicht relevant sind, was die Aufarbeitung der Affäre um die Finanzen des Vereins angeht. Dafür wurden wir von einzelnen Mitgliedern des Netzwerks kritisiert – wir hätten uns "instrumentalisieren" lassen. Nun zeigt sich, dass die Fragen in der Tat ihre Berechtigung haben, denn sie kamen aus vermutlich sehr gut informierter Quelle. Schließlich kennt sich niemand so gut in dem Verein aus, wie dessen Mitgründer Thomas Leif selber. Professor Pichler reduziert sich, so zumindest hat es nach Lektüre des Mailverkehrs den Anschein, auf einen Mittelsmann, einen Überbringer unbequemer Fragen. Der Sache des Netzwerk Recherche hat er damit, anders als er selber in seiner Mail beteuert, nicht gedient. Und Thomas Leif, der den Verein mit großer Energie aufgebaut hat, muss sich fragen lassen, warum er nicht mit offenem Visier kämpft. 

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