Berliner Zeitung: DuMont geht auf Angriff

Publishing DuMont-Vorstand Franz Sommerfeld hat der Belegschaft der Berliner Zeitung am Freitag mittag verkündet: Neue alleinige Chefredakteurin der Tageszeitung wird zum 1. Juli Brigitte Fehrle. Uwe Vorkötter, bisher Chefredakteur der Hauptstadtzeitung und der Frankfurter Rundschau, gibt den Posten ab und wird Berater des Vorstands von M. DuMont Schauberg. DuMont will in Berlin zur Offensive blasen und mit neuer Aufstellung loslegen. Nicht überregionale Zeitungen seien die Konkurrenz, sondern Berliner Blätter.

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Zur Vorstellung der Veränderungen in Berlin waren Franz Sommerfeld und Isabella Neven DuMont aus Köln angereist. Vorstand Sommerfeld sagte in seiner Rede, DuMont werde sich künftig stärker auf die einzelnen Märkte Berlin und Frankfurt konzentrieren. Eine gemeinsame Chefredaktion wird es darum nicht mehr geben. Wer die Chefredaktion der Frankfurter Rundschau übernimmt, soll in Kürze bekannt gegeben werden. Digitalchef bleibt Rouven Schellenberger, bis dato Mitglied der Chefredaktion der beiden DuMont-Zeitungen in Berlin und Frankfurt.

Sommerfeld sagte in seiner Ansprache, der neue Berlin-Geschäftsführer Stefan Hilscher ("der beste Marktmann unserer Gruppe") sei "von den Chancen der Berliner Zeitung in der Hauptstadt überzeugt" und habe begonnen, "mit neuen Ideen in den Markt zu gehen". Sommerfeld: "Mit der leisen Einschränkung, dass ich um die Neigung der Einheimischen zur leichten Großsprecherei weiß, sage ich, dass wir nicht nur den Anspruch verteidigen, die Nummer eins unter den Abo-Zeitungen in Berlin zu bleiben, sondern ihn ausweiten werden. Fast 95 Prozent unserer Zeitungen werden in Berlin verkauft. Wir sind keine überregionale, sondern eine anspruchsvolle Berliner Zeitung. Unsere Konkurrenten sind Berliner Morgenpost und Tagesspiegel."

Sommerfeld formulierte nun den "unbedingten Willen, unsere Position im Berliner Markt deutlich zu stärken". Lange Zeit wollte die Berliner Zeitung eine gesamtdeutsche Tageszeitung sein, es fiel zu Zeiten des Ex-Chefs Erich Böhme sogar der Begriff "Washington Post für Deutschland". Diesen Anspruch haben die Kölner nun auf ein realistisches Niveau heruntergeholt. Sommerfeld lobte bezeichnenderweise sogar die Konkurrenz: "Alle Untersuchungen zeigen konkurrenzübergreifend, dass Zeitungen für die nächste Zeit eine Zukunft haben, wenn sie sich auf ihre Märkte konzentrieren. Diese Verantwortung haben wir wahr zu nehmen, publizistisch, wirtschaftlich und nicht zuletzt aus Rücksicht um die Arbeitsplätze. Wir waren beispielsweise in der Flughafen-Berichterstattung vorbildlich, aber, um ein anderes Beispiel zu nehmen: Die Tagesspiegel-Serie zu den Plätzen ist ein Beispiel für Journalismus, der sich in der Stadt engagiert, Lebensgefühle aus der Stadt aufnimmt, die Bürger beteiligt und die Stadt vielleicht sogar ein wenig verändert."

Die Kölner glauben, dass der extrem schwierige Markt in Berlin – sowohl auf der Vertriebs- wie auf der Anzeigenseite – noch nicht ausreichend ausgeschöpft wird. Getrieben wird DuMont in Berlin von einem "ziemlich galoppierenden Erlösproblem", wie es ein leitender Angestellter gegenüber MEEDIA ausdrückt. Die Nervosität sei groß. In den vergangenen Wochen wurde über eine weitgehende Kooperation zwischen dem Verlag des Tagesspiegel und dem Berliner Verlag spekuliert. Eine Fusion der Verlage wurde bereits vor einigen Jahren versucht, aber vom Kartellamt untersagt. Bei diesem Stand scheint es zu bleiben. Eine mögliche Kooperation könnte es allerdings bei den defizitären Stadtmagazinen Tip und Zitty geben – auch redaktionell. Auf Verlagsseite arbeiten die Blätter schon seit einiger Zeit zusammen.

Sommerfeld bekräftige, die gemeinsame Produktion großer Teile der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschai in der Redaktion am Alexanderplatz sei der richtige Schritt gewesen. Die Qualität beider Zeitungen habe sich verbessert – publizistisch wie wirtschaftlich tue die Kooperation dem Verlag gut. Sommerfeld: "Wir würden dieses Projekt genauso wiederholen." Ein Zurück zu den althergebrachten Modellen der Zeitungsproduktion werde es nicht geben: "Wir müssen unser Vorgehen immer wieder neu ausjustieren."

Bereits in der vergangenen Woche musste Oliver Rohloff, Geschäftsführer des Berliner Verlags, seinen Hut nehmen. Allerdings ist der Abschieds Rohloffs etwas anders gelagert als der von Vorkötter – Rohloff wurde dem Vernehmen nach freigestellt, weil er sich nicht mit dem Verlag über die Modalitäten seines Rückzugs einig wurde. Vorkötter geht nun offenbar in gutem Einvernehmen. Dafür sprechen die sehr persönlichen Worte Sommerfelds über Vorkötter: "Er hat Mut zu neuen Wegen bewiesen, bei der Konzipierung des Tabloids und bei der Gründung der DuMont Redaktionsgemeinschaft. Sein freundlicher Auftritt verbirgt gelegentlich die Hartnäckigkeit und Zielstrebigkeit. Unübersehbar ist die intellektuelle Schärfe, mit der er seine Planungen formuliert und in Debatten vertritt. Er leitartikelt nicht nur überzeugend, sondern rechnet so gut im Kopf wie unser Finanzvorstand."
 
Uwe Vorkötter war zwischen 2002 und 2006 Chefredakteur der Berliner Zeitung mit Sitz am Alexanderplatz. Nach einem Verkauf des Verlags an den Investor David Montgomery verließ Vorkötter kurze Zeit später die Zeitung, um den Chefposten bei der Frankfurter Rundschau anzutreten, bei der M. DuMont Schauberg Mehrheitsgesellschafter ist. Der Kölner Verleger Alfred Neven DuMont übernahm im Juni 2009 dann auch den Berliner Verlag. Vorkötter wechselte zurück nach Berlin – um in einem Chefredakteursgremium mit Brigitte Fehrle und Rouven Schellenberger beide Blätter zu dirigieren. In den vergangenen Monaten wurde spekuliert, Vorkötter könne den bisherigen Vorstand Franz Sommerfeld ablösen. Dem ist nun nicht so – Sommerfeld bleibt Vorstand und Vorkötter soll das Gremium in Köln beraten, u.a. bei der "strategischen Entwicklung neuer Geschäftsmodelle für digitale Produkte". 

Brigitte Fehrle – eine Klartext-Kommentatorin und Chefredakteurin ohne Schnörkel – fällt nun die Aufgabe zu, die Pläne der Kölner Verleger inhaltlich umzusetzen. Sie gehört künftig zu der kleinen Riege von Frauen auf Chefredakteurs-Posten. Was den Berliner Markt betrifft, dürfte sich Fehrle allerdings nicht allzu großen Illusionen hingeben. Alle Zeitungen auf dem Markt, darunter Berliner Zeitung, Tagesspiegel und Berliner Morgenpost, versuchen seit zwei Jahrzehnten nach Kräften, ihre Positionen auszubauen oder zumindest zu halten. So richtig erfolgreich war dabei kein Blatt. Immerhin: es gibt sie alle noch, und der publizistische Wettbewerb ist so vital wie in keiner anderen deutschen Stadt.

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