Wie die ARD-Talks besser werden könnten

Fernsehen Seit der Talk-Reform in der ARD leiden die Talksendungen im Ersten an Themen-Armut und miesen Quoten. Die geballte Ladung von fünf konzeptionell sehr ähnlichen Gesprächssendungen an fünf Tagen hintereinander war keine gute Idee. “Hart aber fair” rettet sich immer öfter in Gaga-Themen, “Anne Will” sucht noch immer ihre Nische und “Beckmann” leidet unter dem Donnerstag-Sendeplatz. Wir haben uns Gedanken gemacht, wie die ARD ihr Talkshow-Problem in den Griff bekommen könnte.

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“Günther Jauch”

Die Verpflichtung von Günther Jauch für den Sahne-Sendeplatz sonntags nach dem “Tatort” war der Auslöser für das große Talk-Geschiebe im Ersten. Jauch hat damit den strategisch besten Talk-Sendeplatz in der ARD. Der “Tatort”-Krimi sorgt automatisch dafür, dass die Quote mehr oder weniger stimmt, weil viele nach dem Sonntagskrimi hängen bleiben. Außerdem kann er die zurückliegende Woche aufarbeiten und Themen für die kommende Woche setzen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten läuft sich Jauch in der politischen Talkshow zudem immer mehr warm. Er kombiniert die Gruppendiskussion mit Einzelgesprächen oder, wie am vergangenen Sonntag mit Peer Steinbrück und Thilo Sarrazin, mit Doppel-Gesprächen. Der Sendeplatz für den politischen Talk am Sonntagabend ist also gesetzt. Bei “Günther Jauch” müsste die ARD im Prinzip nichts verändern. Mit einem Durchschnitts-Marktanteil von 15,5% (der freilich zu einem guten Teil der Vorarbeit des “Tatort” zu verdanken sein dürfte) liegt “Günther Jauch” bequem über dem ARD-Durchschnitt von 12,0%.

“Hart aber fair”

Schon einen Tag später, am Montag, beginnen aber die Probleme. “Hart aber fair” war mal eine ernstzunehmende politische Talkshow mit harten Fragen, kritischen Einspielerin und hohem Tempo. Die Sendung wurde als mögliches Nachfolge-Format für “Sabine Christiansen” am Sonntagabend gehandelt, verlor aber im ARD-internen Proporz-Gerangel gegen “Anne Will” und landete am Mittwochabend. Nach Start-Schwierigkeiten haben sich Frank Plasberg und sein Team auf dem schwierigen Sendeplatz jedoch gut zurechtgefunden. Mit der jüngsten Talk-Reform wurde “Hart aber Fair” auf den Montag verschoben und seitdem läuft es nicht mehr rund. Die zeitliche Nähe zu “Günther Jauch” tut der Sendung von Frank Plasberg alles andere als gut. Entweder “Hart aber fair” rettet sich in abwegige Gaga-Themen (“Wissen wo der Hammer hängt – was treibt die Deutschen in den Baumarkt?”) oder aber man beackert mehr oder weniger das gleiche Thema wie Jauch tags zuvor, aber mit schlechteren/abwegigen Gästen (NRW-Wahl-Talk u.a. mit Ingo Appelt und Sabine Christiansen). Das konzeptionelle Problem zeigt sich auch in miesen Quoten. Mit einem 12-Monats-Durchschnitt beim Marktanteil von 10,5% liegt “Hart aber fair” deutlich unter dem ARD-Durchschnitt von 12,0%. Positive Ausreißer bei “Hart aber fair” waren drei Sendungen im Januar, die nach quotenstarken “Marken-Checks” zu Lidl, McDonald’s und H&M liefen. Mit Polit-Talk hatten diese verbraucher-Sendungen freilich nichts mehr zu tun. Ohne diese Ausreißer nach oben, sähe die Quoten-Bilanz für “Hart aber fair” noch weit deprimierender aus: Von den jüngsten zehn Ausgaben landeten sieben unter 10% Marktanteil. Die Lösung für das Problem: “Hart aber fair” zurück auf einen Sendeplatz am Mittwoch, weiter weg von Jauch.

“Menschen bei Maischberger”

Am späten Dienstagabend hat sich Sandra Maischberger mit eher gesellschaftlichen Themen festgetalkt. Die Runden sind manchmal recht interessant (z.B. “Gier, Hass, Eifersucht: Kann jeder zum Mörder werden?” vom 24. April), manchmal eher wirr und fahrig (wie zuletzt beim Thema “Die Salafisten kommen: Gehört dieser Islam zu Deutschland?”). Mit einem durchschnittlichen Marktanteil von 12,4% liegt “Menschen bei Maischberger” noch über dem ARD-Durchschnitt von 12,0%. Die Sendung hat den Vorteil, dass ihr Sendeplatz durch die Talk-Reform unberührt blieb. Sandra Maischberger konnte am späten Dienstagabend einfach weiter vor sich hin senden. Was aber auch ein wenig schade ist. Manche erinnern sich vielleicht noch, dass sie zwischen 2000 und 2006 mehrmals pro Woche die Interview-Sendung “Maischberger” bei n-tv machte. Das war nicht nur eine außergewöhnlich gute Sendung für n-tv, sondern auch ein ideales Format für Sandra Maischberger. Das Eins-zu-Eins-Gespräch lag ihr und sie schaffte in der Sendung immer wieder Höhepunkte mit einfühlsamen, gut vorbereiteten aber auch sehr kritischen Interviews. Die Sendung wurde dafür auch mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis ausgezeichnet. Für Sender und Moderatorin wäre es ein Gewinn, Sandra Maischberger würde wieder zum reinen Interview-Format zurückkehren. Damit würde sie sich dann auch konzeptionell wohltuend vom Talk-Einheitsbrei in der ARD abheben.

“Anne Will”

Anne Will ist nicht zu beneiden. Ihre Talk-Zeit am Sonntagabend im Ersten stand unter keinem guten Stern. Die ehemalige “Tagesthemen”-Moderatorin brauchte lange, um sich mit dem Format der Talkshow anzufreunden, litt zu oft spürbar unter dem Quoten- und Aufmerksamkeitsdruck auf dem Vorzeige-Sendeplatz. Als die ARD dann Günther Jauch endlich gelockt hatte, wurde sie von den ARD-Strategen samt ihrer Show eiskalt auf den undankbaren späten Mittwochabend abgeschoben. Dort moderiert sie seither deutlich befreiter und lockerer als früher am Sonntag. Einen eigenen Stil oder eine eigene Themen-Nische hat die Sendung “Anne Will” aber bislang trotzdem nicht gefunden. Der Marktanteil lag in den vergangenen 12 Monaten bei 11,2%, also knapp unter dem ARD-Durchschnitt von 12,0%. Es mag unfair sein, aber “Anne Will” ist das Talkformat, auf das man in der ARD am ehesten ersatzlos verzichten könnte. Für die beliebte Moderatorin würden sich gewiss andere, spannende Aufgaben finden.

“Beckmann”

Reinhold Beckmann ist derjenige, der unter der Talk-Reform der ARD am meisten leidet. Er hat sich am späten Montagabend erfolgreich seine Nische erkämpft und wurde nun auf den Donnerstag verschoben, in direkter Konkurrenz zu “Maybrit Illner” vom ZDF. Die Quoten-Entwicklung spricht eine deutliche Sprache: “Beckmann” kommt im 12-Monats-Vergleich nur noch auf schlappe 7,0% Marktanteil, weit unter dem ARD-Durchschnitt von 12,0%. Vor der Umstellung kam er montags regelmäßig auf über 12%. Das ist umso mehr schade, als sich “Beckmann” oft auch sperrigen Themen widmet. An seiner manchmal überbetont einfühlsamen Gesprächsführung scheiden sich die Geister, aber gerade auch durch den Verzicht auf Studiopublikum und die damit einhergehende ruhige Atmosphäre hat die Sendung einen eigenen Stil. Das Beste für “Beckmann” wäre eine Verschiebung zurück auf den alten Sendeplatz am späten Montagabend. “Beckmann” und der Polit-Talk am Sonntag kamen sich bislang thematisch weit weniger in die Quere wie aktuell “Günther Jauch” und “Hart aber fair”.

Fazit

Die total verkorkste Talk-Inflation schadet massiv etablierten Medien-Marken innerhalb der ARD. Eigentlich gute und eingefahrene Sendungen wie “Hart aber fair” und “Beckmann” leiden massiv, sowohl inhaltlich als auch quotentechnisch. Hier wäre eine Lösung die Rückführung zu den alten Sendeplätzen. “Menschen bei Maischberger” läuft einigermaßen, die Moderatorin Sandra Maischberger bleibt bei dem Format der Gruppendiskussion aber oft unter ihren Möglichkeiten. Den Sendeplatz könnte man beibehalten, die Umwandlung zu einer Interviewsendung wäre für Alle eine Gewinn. Der Sonntag-Abend-Sendeplatz wird als Talk-Institution natürlich beibehalten und derzeit von Günther Jauch durchaus souverän bespielt. Am schlechtesten sind die Aussichten für “Anne Will”. Das ist bitter, weil die Sendung nach der Abschiebung vom Sonntag sogar besser wurde. Aber die Show ist zu austauschbar. Auf sie kann am ehesten verzichtet werden.

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