Was die Piraten von Talkshows halten

Fernsehen Warum teure PR-Berater engagieren, wenn die Parteibasis doch selber sagen kann, welche TV-Auftritte nützlich sind und welche eher schaden? Die Piraten diskutieren in ihrem Piratenpad darüber, in welchen Sendungen Parteivertreter gut aufgehoben sind und in welchen nicht. Die Erkenntnisse sind so banal wie zutreffend zugleich: Auftritte sorgsam aussuchen, gut vorbereitet hingehen und auch mal Kontra geben. Lanz und Friedman nerven die Piraten, Will, Illner und Jauch finden sie in Ordnung.

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Die zahlreichen TV-Auftritte von Parteimitgliedern der Piraten in den vergangenen Wochen und Monaten belegen, dass sie eine generelle Regel im Medienbusiness schon gelernt haben: Wer nicht öffentlich sichtbar ist, findet in der Debatte auch nicht statt. Das ist so ähnlich wie bei Google, also den web-affinen Piraten unmittelbar einsichtig. Zum anderen erliegen die Showgäste in vielen Fällen vermutlich demselben Impuls wie alle anderen Gäste: Wenn das Fernsehen zum Gespräch bittet, dann sagt man nicht ab. Dann fühlt man sich gebauchpinselt, ernst und wichtig genommen.

Insofern sagen sich die Piraten vermutlich sinngemäß: Dieses Fernsehen, das geht nicht mehr weg, also kann man auch gleich mal vorbeischauen. Und darüber twittern lässt sich ja auch vortrefflich. Nur: Mehr Erfahrung tut Not. Denn teure Berater, die lohnende Auftritte eintüten und Einladungen in Shows abwimmeln, die der Partei nicht helfen, beschäftigen die Piraten – zumindest noch – nicht. Stattdessen haben sie in ihrem Crowdsourcing-Portal Piratenpad dazu aufgerufen, Talkshows zu bewerten: Hingehen oder nicht?

Markus Lanz (bei ihm waren u.a. Gerwald Brunner, Torge Schmidt) wird von der Basis mit Leidenschaft verteufelt: "Unglaublich unseriös, besser boykottieren", heißt es. Oder, etwas ausführlicher: "Lanz unterbricht gerne, hört nicht zu, verdreht die Tatsachen und lässt dann gerne seine Sicht so stehen. Das ist einseitig und repektlos. Vor allem ist (die Sendung) aber nicht das, wofür die Piraten stehen sollten: Austausch." Die Idee, den Lanz doch mal "zu hacken", wird allerdings von vielen Mitschreibern im Pad abgelehnt. Michel Friedman (hatte u.a. Marina Weisband zu Gast) trifft auf ebenso große Ablehnung: "Auf keinen Fall", heißt es, und jemand warnt zur Vorsicht: "Man muss sich mehr als sicher fühlen, und schon einschlägige Talk-Erfahrung haben. Der Mann ist knallhart und stellt einen schneller bloß als man denkt."

Etwas milder gestimmt zeigen sich die Pad-Mitschreiber zu Günther Jauch (u.a. mit Johannes Ponader): "Jauch scheint keine Ahnung von politischen Diskussionen zu haben und hält sich sowieso eher zurück, aber als TV Auftritt nutzbar". Und: "Zu Jauch sollte man nur Leute hinschicken, die sich rhetorisch sehr gut  ausdrücken können. Ponader hat sich da hervoragend geschlagen." Auch Anne Will ("deutlich neutraler und besser vorbereitet als Jauch") und Maybrit Illner ("gute Moderatorin, niveauvoll -> hingehen") finden Zustimmung.

Sehr gut schneiden Talkrunden auf Phoenix (u.a. Phoenix Runde, Unter den Linden) ab: "Meiner Meinung nach, die z.Z. einzigen Talksendungen mit mehreren Gästen, in  denen wirklich themenbezogen diskutiert werden kann…In der Regel ganz andere Mitdiskutanten als bei den Krawall-Politikshows von Jauch und Konsorten – Personen mit denen man wirklich Argumente  austauschen kann, und keine Angst haben muss ständig nur dämliche Anschuldigungen abwehren zu müssen." Zustimmung finden auch Auftritte u.a. in Morgenmagazin-Sendungen ("komplett andere Wählerschichten") und Stefans Raabs TV Total: "Hingehen, Raab macht zwar seine Witzchen, aber dort kann man gut einem jungen Publikum die Standpunkte der Piraten vermitteln."

Unterm Strich steht die Erkenntnis eines Piratenpad-Nutzers: "Im Zweifel lieber hingehen als zuhause bleiben." Aber – in die "richtigen" Sendungen gehen und dort auch gut vorbereitet Angriffe parieren und Kontra geben, wo es nötig scheint. Insofern fordern manche Nutzer "gezieltere Schulungen", um "Botschaften so viel effektiver unters Volk zu mischen". Lieber das Smartphone weglassen, fordert jemand. Ein anderer Mitschreiber warnt: "Darauf gefasst sein hart angepackt zu werden, in den Augen der Macher solcher Sendungen gefährden die Piraten deren berufliche Existenz."

In jeder anderen Partei dürften die Diskussionen über Teilnahme oder Nicht-Teilnahme an Talksendungen wohl ähnlich verlaufen, wenn auch diskreter. Eine These, die sich daraus ableiten ließe: Das klassische Fernsehen trägt seinen Teil zur Professionalisierung der Piraten bei, die sich nun auf Auftritte und Standpunkte vorbereiten sollen, bevor sie ahnungs- und arglos in das Messer der scharfen Talker von ARD und ZDF laufen. Wobei Professionalisierung in diesem Zusammenhang eben auch bedeutet, dass die Vertreter der Piraten ihren politischen Mitbewerben in der TV-Demokratie zwangsläufig auf Dauer ähnlicher werden dürften.  

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