Bild bekommt Henri, SZ lehnt ihn ab

Publishing Die Bild-Zeitung und die Süddeutsche Zeitung sollten sich den Henri-Nannen-Preis in der Kategorie Investigative Recherche teilen. Sollten. Denn die SZ-Redakteure um Hans Leyendecker haben sich dazu entschieden, den Preis abzulehnen. Sie möchten nicht gemeinsam mit der Bild-Zeitung ausgezeichnet werden, so die Begründung Leyendeckers. Die Jury, so könnte man sagen, bekommt damit die Quittung für ihre Kompromiss-Entscheidung, sowohl SZ wie Bild auszeichnen zu wollen.

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Bereits im Vorfeld der Verleihung war heftig in der Branche diskutiert werden, ob die Boulevardzeitung den Preis für ihre Berichterstattung über die Verfehlungen des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff verdient habe. Im Publikum waren vereinzelt Buhrufe für die Entscheidung zu hören, der Beifall für die Bild-Männer Martin Heidemanns und Nikolaus Harbusch war verhalten bis reserviert. Die Entscheidung sei der Jury offenbar "nicht leicht gemacht worden", sagte Martin Heidemanns auf der Bühne.

Jury-Mitglied Helmut Markwort sagte, keine Diskussion habe während der Jurysitzung so lange gedauert. Und es sei "keine Debatte über die Tiefen oder Untiefen des Boulevardjournalismus" gewesen. Markwort: "Das Medium kann kein Ausschlusskriterium sein." Es müsse um die investigative Leistung gehen und die "gesellschaftliche Bedeutung seiner Enthüllung". In der Jury sei drei Mal abgestimmt worden, drei Mal habe es ein Unentschieden gegeben. Danach sei die Entscheidung gefallen, den Preis an beide Rechercheleistungen zu vergeben.

Ines Pohl, Chefredakteurin der taz, sagt in einer Stellungnahme der Jury zur Entscheidung des SZ-Teams, man "dürfe den Kollegen die Entscheidung nicht übel nehmen". Sie wollten offenbar nicht gemeinsam mit einer Zeitung ausgezeichnet werden, die als "Witwenschüttler" gelte. Die Diskussion um die Auszeichnung und die Verweigerung des Preises wird die Branche vermutlich die nächsten Wochen beschäftigen. Eine erste Reaktion gibt es bereits: Jury-Mitglied Peter-Matthias Gaede erklärte dem Vernehmen nach seinen Rücktritt aus dem Gremium. Der Geo-Chefredakteur kommentierte die Information auf Nachfrage allerdings nicht. 

Die weiteren Preise: Stefan Willeke von der Zeit staubte – nicht zum ersten Mal – einen Henri ab. Er lieferte nach Meinung der Jury die beste Reportage ab. Er hatte sich mit RWE-Manager und Atomkraft-Befürworter Jürgen Großmann auf Reise nach Japan begeben. Ein Spiegel-Team von zwölf Journalisten holte sich den Preis für die beste Dokumentation ab – mit einem Stück über die Entstehung der griechischen Schuldenkrise.

Den Preis in der Kategorie Essay gewann Niklas Maak von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung mit einem Stück über die Architektur der Hamburger Hafencity. Der Preis für die beste Fotoreportage gebührte nach Meinung der Jury Kai Löffelbein, der für Stern.de dokumentierte, wie Elektroschrott aus Deutschland auf Müllklippen in Afrika landet.

Bereits bekannt waren die Preisträger in der Kategorie Pressefreiheit und Lebenswerk. Nick Davies vom Guardian hat maßgeblich den Abhörskandal aufgedeckt, der zur Einstellung der Murdoch-Zeitung News of the World geführt hatte. Der Modefotograf F.C. Gundlach bekam den Preis für sein Lebenswerk.

G+J-Vorstandschef Bernd Buchholz sagte in seiner Begrüßung mit launigem Zungenschlag, er hoffe, jeder der Preisträger dürfe am Ende seinen Preis auch behalten – eine Anspielung auf das vergangene Jahr, als Spiegel-Mann René Pfister seinen Preis für die beste Reportage zurückgeben musste. Er hatte den Keller von Horst Seehofer beschrieben, ohne ihn je betreten zu haben. Buchholz wurde aber auch medien-politisch und schaltete sich in die Debatte um Urheberrechte im Internet ein: Wenn die Gesellschaft "nicht willens oder in der Lage" sei, geistiges Eigentum auch in der digitalen Welt zu schützen, dann sei in Zukunft vermutlich keine professionelle oder differenzierte Berichterstattung mehr möglich. 

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