Axel Springer: Das Leben ist eine Revue

Publishing Es gehört vermutlich zu den Leidenschaften des Mathias Döpfner, Erwartungen zu unterlaufen. Zum 100. Geburtstag des 1985 verstorbenen Axel Springer ließ Unternehmenschef Döpfner das Leben des Verlegers als musikalische Revue inszenieren. Keine einzige Rede wurde gehalten, stattdessen lieferte Döpfner in Kapuzenshirt und Jeans einen inneren Monolog ab, den er an den Gründer des Unternehmens richtete. Der Abend war ein inspirierter Grenzgang zwischen Selbstbeweihräucherung und Selbstironie.

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Es spricht nicht für die Erinnerungskultur deutscher Unternehmen, wenn mit dem 100. Geburtstag eines Verlegers vor allem langweilige Reden in Verbindung gebracht werden. Denn die hatten die Mehrzahl der Gäste der Springer-Feier offenbar erwartet. Um so überschwänglicher wurde nach dem offiziellen Teil des Abends die Idee gelobt, den Verleger statt in ausufernden Lobeshymnen mit einer Musik-Revue ins Licht zu rücken. Motto: Warum langweilen, wenn man sich auch amüsieren kann? Für die historisch Interessierten gibt es bereits die von Verlegerwitwe Friede Springer abgesegnete Biographie Springers von Hans Peter Schwarz. Also warum nicht gleich ein Musical auf die Bühne bringen? Um so gerade, wie Döpfner sagt, "die Persönlichkeit Axel Springers unter dem Mehltau der Klischees freizulegen"?

Und so ließ der promovierte Musikwissenschaftler Döpfner die Puppen tanzen. Genauer gesagt, hochkarätige Schauspieler wie Herbert Knaup (Springer), Leslie Malton (Friede Springer) und Peter Jordan (Rudolf Augstein). Die für einen einzigen Abend vor etwa 1000 Gästen das Leben des Verlegers spielten. Wie Springer die Lizenz für das Hamburger Abendblatt bekam. Wie er sich beschwingt als Verleger-Casanova durchs Nachkriegsdeutschland tanzte. Wie er mit Spiegel-Gründer Rudolf Augstein zwischen Freund- und Feindschaft rang. Wie er nach Moskau flog, um Chruschtschow von der Teilung Deutschlands abzubringen. Wie er seinen Verlagssitz in Berlin direkt an die Berliner Mauer bauen ließ. Wie sein Verlag ins Visier von Ostberlin geriet, ihm die "Enteignet Springer"-Kampagne zusetzte, er sein Unternehmen (fast) aus der Hand gab. Wie seine letzte Ehefrau Friede Springer ("Moment mal, meine Herren") den Verlag rettete.

Das Drehbuch zur Revue schrieben B.Z.-Chefredakteur Peter Huth, Benjamin von Stuckrad-Barre und der Hamburger Theaterregisseur Ulrich Waller. Als Gaststars traten Udo Lindenberg, Max Raabe und der Tagesschau-Sprecher Wilhelm Wieben auf. Ein riesiger Aufwand wurde da getrieben, der rein oberflächlich betrachtet dem Ziel diente, das Publikum, das bei solchen Festlichkeiten in der Regel das Buffet als Highlight des Abens betrachtet, zu überraschen. Seht her – ihr hättet mit einer plumpen Heldenfeier gerechnet, wir bieten euch eine saftige Nummernrevue.

Auf einer zweiten Ebene wurde die Aufführung zum Teil eines schon länger laufenden, maßgeblich von Döpfner vorangetriebenen Verlagsprojekts, das öffentliche Image des Bild-Erfinders einer Revision zu unterziehen. Aus dem "deutschen Feindbild" (Tilman Jens) soll ein menschlicher, allzu menschlicher Visionär werden. Döpfner hat verstanden, dass es nicht reicht, den Konzern von einem Zeitungshaus zu einer Schaltstelle der digitalen Ära umzubauen. Auch das in der Öffentlichkeit vorherrschende Bild des Gründers muss neu definiert werden, um zeitgemäß und damit glaubwürdig zu sein.

Einen bemerkenswerten Beitrag zu dieser Umdeutung lieferte Döpfner selber ab. In einem Prolog zur Revue, in dem Döpfner in Jeans und Kapuzenshirt vor seinem Laptop saß, um einen Brief an Axel Springer zu schreiben, sagte er, der Verleger, "mehr Hedonist als Heiliger", sei sein "Held der menschlichen Schwäche". Als er zu Springer gekommen sei, habe er fast nichts über den Gründer gewusst. Außer vielleicht, dass Springer abgelegte Ehefrauen vom Generalbevollmächtigten habe "entsorgen" lassen. Witze habe es damals viele über den Verlag gegeben. Zum Beispiel den von dem Hai, der am liebsten vor Sylt auf Jagd nach Springer-Managern gehe, weil die "eine riesige Fettleber und kein Rückgrat" gehabt hätten. Seiner Witwe Friede habe Springer nicht gerade ein gut bestelltes Haus hinterlassen. Aber: "Friede Springer hat aus einem Intrigantenstadel wieder einen erfolgreichen Verlag gemacht."

Döpfners Auftritt wurde später vielfach als "mutig" bezeichnet. Warum? Weil er sich getraut hat, den Verleger nicht als Unfehlbaren, Unberührbaren zu beschreiben. Weil er dessen Schwächen im Rahmen eines Festakts offen benannte. "In Vielem habe ich Sie bewundert, in Manchem blieben Sie mir fremd", so Döpfner an Springer. Und holte ihn auf diese Weise vom Sockel der Geschichte, um ihm ein neues Denkmal zu bauen. "Sie waren maßlos leidenschaftlich, und dafür liebe ich Sie", sagte Döpfner. Mutig oder vermessen, gar maßlos? Das ist vermutlich eine Frage der Perspektive und der Haltung gegenüber dem Verlag, der wie kein anderes Medieunternehmen in Deutschland weiterhin polarisiert.

Am Ende des Abends blieben drei Personen: Mathias Döpfner, der legitime Nachfolger des Unternehmensgründers, der dessen Devise, es auch mal krachen zu lassen, an diesem Abend beherzigt hatte. Friede Springer, die offiziell gar keine Worte an die Gäste richtete, aber gerade darum in ihrer Rolle als Verlagsretterin besonders würdevoll wirkte. Und natürlich Axel C. Springer, der so widersprüchliche wie leidenschaftliche Verleger. Der für einen Abend in einem Musical auferstand, um so unsterblich zu werden, wie es sich sein Nachfolger und seine Witwe wünschen.   

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