Ariane Friedrich und der Facebook-Pranger

Publishing Die Hochspringerin Ariane Friedrich hat auf ihrer Facebook-Seite Name und Wohnort eines Mannes veröffentlicht, der ihr eine anzügliche Mail samt Foto seiner Genitalien gesendet hat. Seitdem kocht bei Facebook die Diskussion über: Darf die das? Ist die Aktion ein Akt virtueller Selbstverteidigung oder unangemessene Selbstjustiz, bei der Persönlichkeitsrechte mit Füßen getreten werden? Die Medien neigen eher zur zweiten Ansicht. Aber es gibt Argumente für beide Seiten.

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Medien wie Spiegel Online, Stern.de und auch Lawblogger Udo Vetter sind sich weitgehend einig, dass das Vorgehen von Ariane Friedrich falsch war. Selbstjustiz ist keine Option, so die einhellige Meinung. Anwalt und Blogger Udo Vetter schreibt gleich zu Beginn seines Artikels zu, Facebook-Pranger: “Persönlichkeitsrechte? Datenschutz? Viel kann die Polizeikommissarin und Spitzensportlerin Ariane Friedrich darüber in ihrer Ausbildung nicht gelernt haben.” Spiegel Online warnt vor der Gefahr der Verwechslung: “Den Wohnort, den Friedrich in ihr Facebook-Posting schrieb, gibt es in Deutschland gleich dreimal. Allein in einem davon wohnen mindestens zwei Männer mit dem Namen, den Friedrich angab.” Das sorgt freilich auch wieder für Verwirrung, denn den Ort findet man in Deutschland sogar noch öfter, nämlich viermal als eigenständige Gemeinde und neunmal als Ortsteil. Einer der Ortsteile ist offenbar gemeint.

Den zweiten Mann gleichen Namens, den Spiegel Online ins Spiel bringt, konnten zumindest wir bei einer Internet-Recherche nicht finden (was aber auch an uns liegen kann). Die SpOn-Meldung wurde freilich sofort von Web-Nutzern aufgegriffen und als unumstößliche Realität in weiteren Kommentaren gegen Frau Friedrich verwendet. Sie habe also “mindestens einen unschuldigen Menschen getroffen” und solle als Polizistin besser recherchieren.Spielraum für Zwischentöne gibt es bei solchen Netz-Debatten eher nicht. Im Internet ist alles schnell sehr schwarz oder sehr weiß.

Eine unverhoffte Medien-Mini-Karriere erlebt im Zusammenhang mit dem Fall die stellvertretende Leiterin des Darmstädter Instituts Psychologie und Bedrohungsmanagement, Rita Steffes-enn, die sowohl von SpOn als auch von  Stern.de zur Causa Friedrich befragt wurde und in beiden Medien zu Protokoll gibt, dass es sich hier gar nicht um Stalking handelt, sondern wahlweise um eine “Web-Attack” (SpOn) oder einen “Cyberübergriff” (Stern.de). Nur: Ariane Friedrich hat in ihren Facebook-Postings selbst nie behauptet, in diesem Fall Opfer eines Stalkers zu sein, wie es die Artikel nahelegen. Sie schrieb, offenbar bezogen auf einen anderen Fall: “Einen Stalker hatte ich auch schon.” Und begründet damit u.a. ihr Vorgehen die anzügliche Mail offenzulegen. Mit dem Begriff Stalker hantieren in erster Linie die Kommentatoren bei Facebook und in Foren.

Aber war es denn nun richtig oder falsch von Ariane Friedrich, die obszöne Mail mit Namensnennung zu veröffentlichen? Strafrechtlich kann sie wohl nicht belangt werden, zivilrechtlich aber eventuell schon wegen einer Verletzung der Persönlichkeitsrechte des Mail-Versenders und eventueller Opfer von Verwechslungen. Auch ein Schmerzensgeld wäre denkbar.

Interessanter aber ist die Frage, ob ihre Handlung ethisch richtig oder falsch war. Wie so oft, gibt es hier ein Sowohl-als-auch. Es gibt gute Gründe, eine solche Mail zu veröffentlichen, aber mindestens genauso gute Gründe, es nicht zu tun. Auf der Facebook-Seite von Ariane Friedrich haben jeweils über 4.000 Menschen bei den beiden Postings zum Thema Facebook-Pranger auf “Gefällt mir geklickt”. Vielleicht wäre es aber klüger gewesen, Ariane Friedrich hätte den Inhalt der Mail veröffentlicht, den vollen Namen und Wohnort aber nicht genannt. Der Absender hätte sich vermutlich trotzdem ertappt gefühlt, aber sie hätte vermieden, dass es zu Namens-Verwechslungen kommen kann. Wohin das mit Namensverwechslungen im Netz führen kann, zeigte jüngst schon der Fall der missglückten Cicero-Online-Recherche zur Vorsitzenden der Piraten-Partei im Saarland.

Eines zeigt der Fall Ariane Friedrich aber überdeutlich: In der Debatte um Anonymität, Identität und Persönlichkeitsschutz im Internet, stehen wir noch ganz am Anfang.

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