Zattoo will mit Fußball die Million knacken

Publishing Der Internet-TV-Anbieter Zattoo will mit dem Rückenwind der Sport-Großereignisse die Marke von einer Million aktiven Nutzer im Monat knacken. Im Gespräch mit MEEDIA sagt der neue CEO Nick Brambring, vor allem von der Fußball-Europameisterschaft verspreche er sich einen Sprung. Die liegt in Deutschland derzeit bei 600.000. "Wir werden in diesem Jahr in Deutschland schwarze Zahlen schreiben", kündigt Brambring an. Das Schweizer Unternehmen will auch wieder in die internationale Expansion investieren.

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Seit 2006 streamt Zattoo das Fernsehprogramm solcher Sender, die mit dem Unternehmen einen Lizenzvertrag abgeschlossen haben. In Deutschland sind u.a. die Öffentlich-Rechtlichen ARD und ZDF mit dabei, aber auch Sender wie Sport1 oder Dmax. Nicht dabei sind allerdings die Sender von RTL Deutschland und ProSiebenSat.1 – was dem Angebot noch einmal einen deutlichen Schub geben würde. Doch bei RTL hat man offenbar kein Interesse, auch über Zattoo empfangbar zu sein. Mit P7S1, die Zattoo bereits mit vermarkten, gebe es immerhin gute Gespräche, sagt CEO Brambring.

Der Deutsche Brambring ist seit 2007 bei Zattoo in Zürich und hat zuvor als Berater bei der Boston Consulting Group gearbeitet. Im Februar übernahm er den Job von Mitgründer Beat Knecht. Zuvor war er u.a. Chief Operating Officer bei Zattoo.

Schrittweise hat das Schweizer Unternehmen die Kanäle, über die Zattoo seine Angebote streamt, ausgebaut. Das Ziel ist, einem Nutzer über alle verfügbaren Angebote den Zugang zu Zattoo zu ermöglichen. Geld verdient Zattoo in erster Linie mit Video-Werbung, die zwischen dem Umschalten von Sendern aktiviert wird. Nutzer, die ein Premium-Abo bezahlen, sehen keine Werbung. Im Testbetrieb werden künftig einige Sender in HD-Qualität gestreamt.

Doch: Ist das Streamen von Live-TV über digitale Endgeräte in Zeiten des Video-on-Demand nicht vollkommen anachronistisch? Nein, glaubt Brambring. Das lineare Fernsehen wird so schnell nicht aussterben, sagt er, viele Zuschauer mögen es, wenn ein Sender ein Programm für sie zusammenstellt. Und damit habe auch Zattoo eine gute Ausgangsposition für die Zukunft.

Herr Brambring, über Zattoo können Nutzer das gerade laufende Fernsehprogramm verschiedener Sender über ihren Computer, ihr Tablet oder Smartphone schauen. Was ist die Mission von Zattoo in einem Satz?
Wir wollen die Nummer Eins als Anbieter von Internet-TV werden. 

Und wie weit sind Sie auf diesem Weg bisher gekommen? 
Auf unserem Heimatmarkt in der Schweiz sind wir die Nummer Eins. Hier ist gleichzeitig auch der wettbewerbsintensivste Markt. Die rechtliche Situation ist klar und einfach, und das hat Wettbewerber nach sich gezogen, zum Beispiel die Swisscom. Deutschland ist nun der Markt, der für uns im Fokus steht. Hier wollen wir wachsen, haben aber auch bereits eine erhebliche Position.

Was bedeutet denn erheblich?
Wir haben 600.000 aktive Nutzer im Monat, spannende Partnerschaften u.a. mit Verwertungsgesellschaften, Sendern wie ARD, ZDF, Sport1, Dmax, Verlagen wie Axel Springer und Vermartungsorganisationen wie der von ProSiebenSat.1. Das finde ich erheblich.

Warum ist das Streamen von Live-TV überhaupt noch zeitgemäß?
Wir bieten den gleichen Nutzen wie das Fernsehen selber. Unser Nutzer will sich gar nicht groß überlegen, was er schaut, er will reinzappen. Aber eben nicht nur auf seinem Fernsehgerät im Wohnzimmer, sondern beispielsweise auf seinem Laptop, Tablet oder Smartphone. Klar, es gibt immer wieder die Stimmen, die Video on Demand als die Zukunft bezeichnen. Und dennoch gibt es einen Bedarf für unser Angebot, das sehen wir an den wachsenden Nutzerzahlen.

Die regelmäßigen Prognosen, die das Aussterben des linearen TV vorhersagen, gehen fehl?  
Meines Erachtens nach ja. In den nächsten Jahren werden Nutzer lineares TV weiter goutieren. Ein VoD-Angebot allein ist nicht der Schlüssel zum Erfolg, das hat beispielsweise das Scheitern von Joost gezeigt.

Nun ist es so, dass auch Zattoo keineswegs ein Selbstgänger war. Vor etwa vier Jahren hatte das Start-up erhebliche Probleme, musste Kosten einsparen und Personal abbauen.
Ein Selbstgänger ist das Geschäftsmodell nicht, das stimmt. Aber wir hatten damals selber Fehler gemacht. 2007 hatten wir sehr stark auf Wachstum gesetzt, auch getrieben von Investoren und Joost. Anfang 2008 hatten wir dann etwa 60 Mitarbeiter in acht Ländern, in denen wir aktiv waren. Wir waren Contentverträge eingegangen, die uns bei realistischer Betrachtung der Werbeeinnahmen zu teuer kamen. In Spanien und Dänemark gab es Zattoo zunächst kostenlos, weil wir auch dort mit zu optimistischen Prognosen unserer Werbeerlöse operierten. Es kamen also zusammen: eine hohe Burnrate, geringe Umsätze und eine sich abzeichnende Wirtschaftskrise. Die Bereitschaft von Investoren, uns in dieser Lage Geld zu geben, war geringer als ursprünglich geplant. Wir waren dann gezwungen, unser Modell neu zu überdenken und extrem auf Kosteneffizienz zu achten.

Wie viele Mitarbeiter hat Zattoo heute?
25. Die Aktivitäten in Belgien und Norwegen haben wir geschlossen. Anfang 2009 hatten wir dann allerdings ein Modell, das wirklich verfugt war. Wir haben verstanden, was es braucht, das Geschäft profitabel zu betreiben. Das haben wir in der Schweiz bereits gezeigt, das werden wir jetzt in Deutschland beweisen. Wir werden in diesem Jahr in Deutschland schwarze Zahlen schreiben. Und wir werden wieder beginnen, Gas zu geben und neue Märkte zu erschließen.

Wie verteilen sich denn die Erlöse zwischen Werbung und Abo-Einnahmen?
Wir setzen etwa drei Viertel mit Werbung um und ein Viertel mit zahlenden Nutzern. Im europäischen Schnitt geben etwa 5 Prozent der Nutzer Geld für Premiumdienste aus.

Sind also in Deutschland…
…zur Zeit noch weniger als 5 Prozent, ich schätze etwa 20.000 Nutzer, die im Monat rund 3,99 Euro zahlen, um Zattoo werbefrei zu nutzen.

Welches sind denn die maßgeblichen Motivationen, für das Angebot zu zahlen? Sind das Gebührenverweigerer, Vielreisende?
Mit Gebühren hat das nichts zu tun, man muss auch für einen Internetanschluss an die GEZ bezahlen. Hauptantrieb, für das Premiumangebot zu zahlen, ist vermutlich die Werbefreiheit Ein Feature, das Zahler haben, ist seit kurzem bei einigen Sendern eine HD-Qualität.

Bringt das tatsächlich neue Abonnenten?
Noch merken wir das nicht, wir befinden uns im Betatest.

Nimmt die Zahl der Abos eigentlich linear zu? Erwarten Sie in Zukunft einen tipping point, ab dem die Zahlen deutlich ansteigen?
Bislang ist das Verhältnis von zahlenden Nutzern zu Gratis-Nutzern stabil. Aber je mehr Anreize wir geben, etwas für das Angebot zu zahlen, desto eher steigen die Abonnentenzahlen. Und je länger und häufiger jemand das Angebot nutzt, um so eher wird er zum zahlenden Nutzer.

Sie sagten ja bereits, dass der Löwenanteil des Umsatzes aus der Werbung kommt. Wie entwickelt sich diese Erlösseite?
Die Werbung, die beim Umschalten zwischen Sendern eingespielt wird, ist unser wichtigstes Format. Vor sechs Jahren, als wir mit Zattoo anfingen, haben wir noch gedacht, es reicht, wenn ein Spot sechs Sekunden lang ist. Etwa 2008 haben wir gemerkt, dass wir auch richtige TV-Spots zulassen müssen, sonst verwirrt das die Industrie. Diese Erkennntnis ist weiter gültig. Die Werbetreibenden haben nach wie vor das Bedürfnis, ihre Spots eins zu eins einzusetzen. Diesen Kompromiss zwischen Usability und Monetarisierung müssen wir eingehen.

Gilt diese Regel nur für Zattoo oder für jede Form von Bewegtbildwerbung im Netz?
Das gilt generell. Selbst bei Minireportagen auf Spiegel Online werden teilweise 25-Sekünder vorgeschaltet. Immerhin ist die Verweildauer bei uns deutlich höher und steht im Verhältnis zur Spotlänge. Was wir jedenfalls gelernt haben ist: Werbung muss unsere Kernkompetenz sein, Werbung und Inhalte müssen eng verflanscht sein.

Wie nervös wird ein Mediaplaner denn bei bisher 600.000 aktiven Nutzern in Deutschland?

Unter einer Million aktive Nutzer muss man noch um die Aufmerksamkeit der Mediaagenturen kämpfen, das ist einfach so. Ein Selbstläufer ist so ein Angebot nicht. Auf der anderen Seite gibt es nicht so viele Plattformen, die für reines Bewegtbild stehen. Das ist für Werbekunden attraktiv, wir haben ja auch wenig Displaywerbung auf der Seite.

Um eine größere Flughöhe zu bekommen, bräuchten Sie in Deutschland die Sender von RTL Deutschland und ProSiebenSat.1 an Bord. Die zieren sich noch. Bis dahin hängt das Schicksal des Modells auch von den Öffentlich-Rechtlichen ab. Wie wacklig ist die Zukunft von Zattoo?
Alle Content-Plattformen sind von Verträgen abhängig, die mit Rechteinhabern geschlossen werden. Ich bin zuversichtlich, dass wir weiter mit unseren Partnern zusammenarbeiten. Wir locken nicht mit irrwitzigen Zahlungen, sondern wir haben ein Modell, bei dem die Sender an den Werbeerlösen partizipieren und zusätzliche Reichweite bekommen.

Und wann überzeugen Sie RTL und Co.?
RTL will sein eigenes Ding machen. Die geplante gemeinsame Videoplattform ist vorerst gescheitert, nun gibt es eine eigene Mobil-App. Vor zwei Jahren hieß es von RTL noch, sie wollten auf möglichst vielen Kanälen vertreten sein. Nun setzen sie auf eigene Lösungen. Ich glaube zwar nicht, dass dieser Ansatz langfristig trägt, aber kurzfristig ist die Sache klar. Mit ProSiebenSat.1, unser Vermarktungspartner, sind wir regelmäßig im Gespräch.

Währenddessen planen ARD und ZDF die Plattform Germany´s Gold.
Auch das wird ja eine VoD-Plattform sein. Sicherlich wird das ein attraktives Angebot, aber Angst haben wir davor nicht. Konkurrenz muss nicht auf die Reichweite drücken, sondern kann die Gattung sogar nach vorne bringen.

Der rechtliche Rahmen ist in jedem Land für Zattoo unterschiedlich. das erschwert eine einheitliche Strategie.
Ja, in Europa sind die Regelungen zu Internet-Fernsehen noch Stückwerk. Eine europaweite Regelung wäre besser, auch wenn diese weitere Konkurrenten auf den Plan riefe.

Wie groß ist das Potenzial von US-Playern wie Apple TV oder Google TV? Wie könnten sie das Ökosystem Internet-Fernsehen verändern?
Was Google und Co. sicherlich nicht machen werden, ist Land für Land die Rechte mit Verwertungsgesellschaften zu klären. Die wollen eine Lösung, die einheitlich funktioniert. Solange Apple also eine Plattform bietet, über die Zattoo als App verfügbar ist, sind wir mit dabei, was gut ist. Gleiches gilt für unser Angebot über Googles Android.

Wie wichtig ist der Ausbau von Social Media-Funktionen in das bestehende Angebot von Zattoo?
Neben der Einführung und Verbesserung von persönlichen Empfehlungen für die Nutzer ist das das wichtigste Thema derzeit. Das heißt: Zum einen wollen wir dem Nutzer mehr gezielte Informationen zum Programm geben, die für ihn interessant sein könnten. Und dann wollen wir ihnen auch eine Orientierung bieten, indem wir zeigen, was die Freunde gut finden. Aber wir dürfen auch nicht vorschnell mit einem Feature kommen, denn unsere Nutzer schätzen die Einfachheit. Und solche Features werden eben schnell recht komplex. Wir arbeiten also gerade mit Designern daran, die Usererfahrung so zu optimieren, dass es nicht aufdringlich wirkt.

Zusammengefasst: Der typische Zattoo-Nutzer ist digital unterwegs, schätzt aber, weil er nicht mehr zur ganz jungen Zielgruppe gehört, die Vorzüge des kuratierten Fernsehens.
Das würde ich unterschreiben, allerdings mit der Einschränkung, dass unsere Nutzer tatsächlich eher jung sind. Die finden es nämlich auch angenehm, einfach mal nicht nachdenken zu müssen, was sie gerade schauen wollen.

Was versprechen Sie sich von den anstehenden Sport-Großereignissen, die hauptsächlich im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen gezeigt werden – und damit auch über Zattoo empfangbar sind?
Ich hoffe, dass wir die bereits angesprochene Marke von einer Million User im Monat allein in Deutschland knacken können. Gerade für den Zeitraum der Fußball-EM rechne ich mir da gute Chancen aus. Das ist ein extrem wichtiges Event, auf das wir uns schon seit Monaten vorbereiten.

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